Hörsalgetuschel – Ausgabe 111.-2.

Familienfeste

Flo saß auf dem Sofa, die Beine angezogen und das Kinn auf die Knie gestützt, und fühlte sich seltsam. In all den vielen Jahren seines Studiums hatte er nie Weihnachtsdekoration in irgendeiner Form gehabt. Sein Zimmerchen war zu klein dafür gewesen und ihm hatte nie der Sinn danach gestanden. Andere Mitbewohner hatten sich ganze Weihnachtsbäume in ihre neun Quadratmeter gequetscht und die Brandmelder sorgsam abgeklebt, um gefahrlos ihre Adventskränze und Räuchermännchen brennen lassen zu können. Ihm selbst erschloss sich das nie wirklich. Der Weihnachtsbaum bei seinen Eltern reichte ihm persönlich.

Und nun saß er hier, blickte auf einen geschmückten Baum, glitzernde Lichterketten und den sanften Schein von Kerzen, welche die Wohnküche erhellten, und es war nicht bei seinen Eltern, sondern in seiner eigenen Wohnung. Kristina hatte die Wohnung in ein winterliches Paradies verwandelt, und wie bei allem, was sie anfasste, hatte sie auch hier wieder extrem viel Stil bewiesen. Sie schaffte es so beiläufig, dass er sich einfach wohlfühlen musste, dabei war Weihnachten so überhaupt nicht sein Fest.

Alles, was er damit verband, war Familie in all ihren Facetten. Dieses erzwungene Zusammensein von Leuten, die sich einfach nicht vertragen wollten und konnten. Der andauernde Stress, der in jeder Stimme lag, die sich nicht einmal die Mühe machen konnte, die Künstlichkeit in der aufgesetzten Fröhlichkeit zu verhehlen. Und dann die zwangsläufigen Zickereien und die vor Wut geknallten Türen.

Eine frustrierte Mutter, der die Tränen übers Gesicht liefen, weil Opa sich über das Weihnachtsessen beschwerte. Ein verschlossener und mürrischer Vater, der nicht damit zurechtkam, sich plötzlich mit seiner Familie befassen zu müssen und nicht ins Büro flüchten konnte. Geschwister, die sich vor Neid und Langeweile gegenseitig die Haare ausrissen und die Gesichter blutig kratzten, bis das ganze Haus von hysterischem Heulen und Schreien erfüllt war. Kristina sah ihn immer nur ungläubig an, wenn er so etwas erzählte und er konnte genau sehen, sie glaubte ihm nicht. Und das, obwohl sie Teile seiner Familie sogar schon kannte. Keine Familie konnte in ihren Augen derart zerrissen sein. Besonders nicht an Weihnachten.

Und nun saß er hier auf dem Sofa, während seine Traumfrau die ganze Wohnung mit Vorfreude auf dieses Fest überflutete, und wusste absolut nicht, was er empfinden sollte. Anspannung, aus Sorge vor diesen Tagen? Seine Familie würde nicht kommen und er würde nicht zu ihnen Fahren. Sie würden anrufen, weil sie das wohl mussten, aber ansonsten in den eigenen vier Wänden bleiben und am ersten Weihnachtstag, morgen, dann zu Kristinas Eltern fahren. Am zweiten waren sie dann bei ihren Großeltern eingeladen, gemeinsam mit der ganzen Großfamilie. Angst sollte er da wohl keine haben, aber er traute sich auch nicht, sich zu freuen. Ungeschickt mauerte er sich gegen die Vorfreude seiner Freundin ab. Was sollte er von Weihnachten erwarten? Was erwartete Kristina von ihm?

Erwartete sie, dass er sich mit ihr gemeinsam freute? Dass er von sich aus Plätzchen backen wollte? Erwartete sie ein besonders tolles Weihnachtsgeschenk? Er hatte sich große Mühe gegeben, stundenlang in der Küche geübt und heimlich eine rote Rose aus heißem Zucker erschaffen. Filigran und zerbrechlich und dennoch in seinen Augen plump und unförmig. Er hatte sie in einem Strauß echter Rosen versteckt und, so gut er halt konnte, eine Karte dazu gemalt. „Ich bin an Deiner Seite, bis die letzte Rose verwelkt ist.“ Ein Spruch, den er im Internet gesehen hatte. Wahrscheinlich würde sie sich sehr viel mehr über die Kette freuen, die er gekauft hatte. Sie passte recht gut zu ihrem Lieblingsoutfit. Jedenfalls hoffte er das sehr.

Und im Gegenzug, wenn er wirklich ganz ehrlich mit sich war, erhoffte er sich das erste wirklich friedliche Weihnachten seines Lebens. Plätzchen ohne bitteren Beigeschmack und Küsse aus ehrlicher, echter Liebe. Er wollte sie vor Glück strahlen sehen und fühlte sich abgestoßen von der Erkenntnis, dermaßen emotional geworden zu sein. Er hoffte darauf, sie herzlich lachen zu hören und hatte Bauchschmerzen vor Sorge, sie in irgendeiner Form zu enttäuschen. Was erwartete sie von ihm? Und wollte er diese Frage wirklich beantwortet haben? Jetzt war es eh zu spät. Seine Augen folgten dem Sekundenzeiger der Uhr. Gleich würde er aufstehen müssen, um den Auflauf aus dem Ofen zu holen. Für das Weihnachtsessen hatte er eines seiner Lieblingsrezepte abgewandelt.

Der Duft nach Zimt, Nelken und Anis strömte aus dem Ofen und verteilte sich in der ganzen Wohnung. Es reichte aus, um Kristina hervor zu locken. Sie war im Schlafzimmer gewesen und hatte sich umgezogen. Jeans und Pulli waren einer feinen Bluse und einem figurbetonenden, eleganten Kleid gewichen. Flo blieb bei ihrem Anblick die Luft weg und beinahe hätte er sogar vergessen, dass er aufstehen musste, um das Essen zu retten. Plötzlich schienen die Kerzen deutlich schwächer zu werden. Sie schien alles Licht im Raum regelrecht anzuziehen und strahlte dermaßen von innen heraus. Irgendwann musste er sich doch einmal daran gewöhnt haben, an das Herzklopfen, das flaue Gefühl im Bauch, die zittrigen Finger und den trockenen Mund, jedes mal, wenn er sie sah. Aber heute war offenbar nicht dieser Tag. Vielleicht war das ja ihr Weihnachtsgeschenk an ihn. Eine glückliche Zeit.

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