Masken

Erneut befinden wir uns auf dem Blog von Offenschreiben und finden dort den Beitrag Schreib mit mir 23. Beim Lesen der Vorgaben wandert ein loses Bild durch meinen Kopf, nur ein flüchtiger Geist, ein Gespenst, als wäre es eigentlich nicht da. Vielleicht lohnt es den Versuch, das einfach mal fest zu halten. Schon der Titel ist doch der reinste kreative Erguss, findet Ihr nicht? Viel Spaß!

Masken

Der Stadtkern ist immer laut und immer bunt. Kristallene Türme reckten sich wie Nadeln in den Himmel, gläserne Schluchten fielen unter den Brücken in die Tiefe. Ganz unten irgendwo wälzte sich eine ewige Lawine aus Blech über die Straßen. Auf den tristen Bürgersteigen dort drängten sich Menschen aller Couleur, die gedeckten Farben der Arbeiterklassen aber überwogen. Außerdem war es wohl der einzige Ort, an dem man das Braun der Abwassertechniker auf der Straße finden konnte.

Hier in der Nähe des Hochbahnknotens war eine homogene Mischung aller Klassen vertreten. Die bunten Masken, reich verziert mit Symbolen von Status, Rang, Zunft und Namen. Immer auch abgestimmt auf das gesamte Auftreten einer Person. Unter einem Baum saß eine Bestatterin und wartete auf etwas. Rabenfedern schmückten die Augen- und Wangenpartien der Maske, die Einarbeitungen in Silber wiesen auf einen wirtschaftlich gut laufenden Betrieb hin. Ein blau gekleideter Beamter der Wasserversorgung ging an ihr vorbei, seine Maske schien zu fließen und war ganz offenbar selbst gebaut. In seinem Beruf hätte er sich eine teurere Maske leisten können müssen aber offenbar hatte er hohe Ausgaben. Die bunte Kleidung und Maske eines Unterhalters sprachen eine andere Sprache. Er war kaum zu übersehen und es war klar, dass jeder ihn sofort erkennen sollte.

Durch die Menge schlenderte ein Hund. Er wurde verfolgt von einer Katze, welche zwar ein Halsband trug, aber ansonsten herrenlos zu sein schien. Niemand beachtete das seltsame Duo. Tiere trugen keine Masken, für die Menschen der Stadt waren sie damit absolut unsichtbar. Sie betraten den Steg und folgten ihm eine Ebene hinauf in einen Garten. Hier zwischen den Blumenkästen hatten sie eine hervorragende Aussicht auf einen goldenen Sonnenuntergang. Der Hund begrüßte freudig einen Freund, eine Hand kraulte die Katze. Ein Student in einer improvisierten aber bunt blinkenden Maske rümpfte die Nase angesichts des Punks, niemand sonst bemerkte etwas Ungewöhnliches.

Die Katze genoss es, gekrault zu werden und rekelte sich auf dem unsichtbaren Schoß in der Abendsonne. Der Hund lehnte derweil mit einem seligen Gesichtsausdruck an den Knien des Punks. Er trug einen selbst genähten grauen Mantel, dem keine Profession zuzuordnen war und keine Maske. Damit hatte er sich aus der Gesellschaft ausgeklinkt, war zu einem Tier geworden, unsichtbar und ohne Rechte. Genau so gut hätte er komplett nackt sein können und dennoch verbarg er alles über sich. Als wäre er unfähig, zu sprechen oder zu schreiben. Wie Hund und Katze auf seinem Schoß.

Zahllose Menschen passierten die kleine Gruppe. Hinter den wenigsten Masken war ein Wahrnehmen oder gar eine Reaktion zu erkennen. Die Leute, welche sich eine Reaktion gönnten, wirkten zumeist angewidert. Nur eine Dame, deren Designermaske mit Gold und kostbaren Steinen besetzt war, und deren Beruf Wirtschaftsvertreterin zu sein schien, wirkte im ersten Anlauf zwar abgeschreckt, drehte sich aber mit einem neidischen Gesichtsausdruck um, als sie bereits vorbei war.

Die Sonne verschwand hinter einer schlichten Fassade aus Glas und verchromtem Stahl. Die Katze rekelte sich erneut und sprang auf. Auch der Punk erhob sich und griff nach der Tasche, welche die ganze Zeit neben ihm gelegen hatte. Er vergewisserte sich, dass sie Maske darin unversehrt und gut versteckt war. Schlichtes Platin, ohne irgendwelche großartigen Verzierungen. Ein Rohling, wenn man so wollte, aber geschickt gearbeitet und wahrscheinlich sündhaft teuer. Vorsichtshalber breitete er noch ein Taschentuch darüber aus, drehte sich dann um und verschwand gemeinsam mit Hund und Katze in einer dunklen Nische, irgendwo in der Fassade am Rande des Gartens. Die Welt bekam von alledem nichts mit und würde niemals erfahren, wer ihr hier einen solch bescheidenen Besuch abgestattet hatte.

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7 Gedanken zu „Masken

  1. offenschreiben

    Ich weiß nicht, was ich sagen soll. Es kann sein, dass ich zu viel hineininterpretiere, aber ich sehe da so viele Verbindungen zu unserer jetzigen Gesellschaft. Die verurteilende Natur der Menschen. Das Ausschließen von Leuten die anders sind, ohne zu wissen, wer oder was sie sind. Das alles habe ich schon oft in unserer Gesellschaft gesehen. Diese kurze Geschichte ist ein bisschen wie ein Spiegel. Ich mag sie. Und verlinkt bist du auch. Dankeschön für diese kleine Geschichte und für das Mitmachen.

    Gefällt 2 Personen

    Antwort
    1. dergrafvonborg Autor

      Es freut mich sehr, dass dich die Geschichte so beeindrucken konnte. Ich muss gestehen, besonders viel dabei nachgedacht habe ich nicht einmal. Das Meiste davon ist einfach aus dem Bauchgefühl heraus entstanden und aus dem Wunsch heraus, eine Szenerie zu erschaffen, die man sich bildhaft vorstellen kann und in der man sich vielleicht sogar wieder finden könnte. Es hat aber auf jeden Fall wieder viel Spaß gemacht, mit zu schreiben.

      Gefällt 3 Personen

      Antwort
  2. Laura

    Ich schließe mich dem obigen Kommentar an. Die Interpretation von Kurzgeschichten bleibt ja glücklicherweise dem Leser selbst zu überlassen, und ich empfinde das ganze ähnlich. Im Grunde genommen sind wir alle in einer bestimmten Art uniformiert, wer da aus dem Raster fällt wird schief angesehen – und hat gleichzeitig ganz neue Möglichkeiten.
    Wirklich schöne Idee. 🙂

    Gefällt 2 Personen

    Antwort
      1. Laura

        Nach 12 Jahren Ethikunterricht und virtuosen Texten, die gedeutet werden sollten ist das noch immer fest verankert!
        Mit welcher Begründung solltest du das denn „echt nicht bringen“ können?

        Gefällt 1 Person

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