Hörsaalgetuschel – Ausgabe 114.

Die Badezimmerchroniken Teil 7

Staub, Sand, Dreck. Es knirschte unter Eriks Schuhen, als er den einst vertrauten, jetzt jedoch leeren und dreckigen Wohnungsflur betrat. Er zwang sich zu einer Art innerer Ruhe und versuchte, tief Luft zu holen. Selbst die war voller Staub und Dreck und roch muffig. Wie nasser Sand oder modrige Gebäude. Vielleicht war es doch ganz gut, wenn ein Teil des alten Gemäuers einmal etwas aufgefrischt werden würden. Er zwang sich, tief durchzuatmen, und zückte den Fotoapparat. Es würde keine fünf Minuten anhalten, wenn er seinem inneren Zwang nachgab, und die Wohnung putzte. Eine Dokumentation des Arbeitsstandes wäre sinnvoller.

Kaum hatte er den letzten Winkel fotografiert klopfte es an der Wohnungstüre. Der Schornsteinfeger kam herein, stellte sich vor und sah sich neugierig um. Als hätten sie es gerochen, kamen die Klempner aus dem Keller, wo sie die Anschlüsse der Wohnung zum wenigstens fünften Mal inspiziert hatten. Wahrscheinlich würden sie trotzdem die falschen Anschlüsse besorgen. Zur abgesprochenen Zeit, kaum eine Minute später, tauchte auch der Vermieter auf, diesmal nicht in Begleitung seiner Frau, sondern der Hausverwaltung. Er schien ausgesprochen guter Dinge und bedankte sich ausgiebig bei Erik, dass er es noch hatte einrichten können.

„Schließlich geht es Sie ja auch etwas an, immerhin wohnen Sie ja hier.“ eröffnete er seinen Monolog. Er ging nahtlos dazu über, den ganzen Tross durch die Wohnung zu führen. Die Trennwand zwischen Bad und Klo war inzwischen Geschichte. Lediglich die verbogenen Rohre hingen haltlos in der Luft, wo sie einst die Waschbecken versorgen sollten. Die Badewanne hatte er bereits vor der Haustüre liegen sehen. Der Vermieter erklärte eifrig, was alles geplant war, der Schornsteinfeger hörte weiterhin aufmerksam und neugierig zu, der Vertreter der Hausverwaltung war halt anwesend.

„Dort die Warmwassertherme werden wir dann durch eine Zentralheizung ersetzen, um von dort aus die Zimmer vernünftig beheizen zu können. Das Gerät wird dann nur ein kleines bisschen größer sein, aber dann muss man nur einmal hier durch die Wand und einmal da drüben, dann kann man die Leitungen bis jeweils unter die Fenster ziehen und dort die Heizkörper anbringen.“

Der Schornsteinfeger wirkte amüsiert und unterbrach die Erklärung kurzzeitig.

„Das klingt ja alles recht gut durchdacht und auch schön und gut, aber leider ist das nicht möglich.“

„Wieso ist das nicht möglich?“ Der Vermieter wirkte, als wäre er soeben aus einem Traum aufgewacht, indem er aus allen Wolken fiel. Der Klempner sah sich offenbar in seiner Kompetenz angezweifelt und stemmte vorsorglich die Fäuste in die Seiten, was ihn gefühlt breiter als den Flur machte, in dem er stand.

„Weil das Kaminrohr, an das Sie dort gerne anschließen möchten, einen Faserzementkern hat. Das Rohr ist aus Asbest, und das wollen wir da raus haben. Bestand kann dran bleiben, solange es benötigt wird, aber Neuinstallationen können wir da leider nicht durchführen. Sie müssen sich wohl oder übel für das Kaminrohr dort drüben (er deutete in Richtung Wohnzimmer), oder das in der Küche entscheiden.“

Der Vermieter blickte auf die geschlossene Wohnzimmertüre. Erik bemerkte jetzt erst, dass, obwohl die Abbrucharbeiten bereits in vollem Gang waren und entgegen der Versprechen des Klempners, die Türe nicht mit Folie abgeklebt war. „Nein, das geht ja auf keinen Fall. Der Raum ist ja bewohnt, dort können wir keine Heizung einbauen.“

„Dann bleibt ja nur noch die Küche. Das hat jetzt natürlich den Vorteil, dass man nicht lange überlegen muss. Es gibt eh nur eine Möglichkeit, das dort einzurichten.“ Der ganze Tross schleifte sich in die kleine Küche. Es war deutlich, welche Stelle der Schornsteinfeger meinte und genau so deutlich war es, dass damit die saubere Küchenzeile einen kleinen Schönheitsfehler bekommen würde. Der Kühlschrank musste weg. Die einzige Möglichkeit hierfür war, ihn auf die gegenüberliegende Wand zu versetzen, nur stand dort das Küchenregal. Erik würde es umsetzen müssen und dafür würde er Tisch und Stühle von ihrem angestammten Platz vertreiben müssen. Wenigstens gefühlt würde es deutlich enger in seiner Küche werden. Begeisterung fühlte sich deutlich anders an. Eigentlich wollte er doch nur wieder Wasser im Bad haben und plötzlich dehnte sich die Baustelle bis in die Küche aus.

Wo er jetzt aber schon einmal da war, nutzte er die Zeit, um im Arbeitszimmer etwas zu sortieren, nachdem der Besuch wieder abgezogen war. Aus dem Badezimmer nebenan war wieder das gleichmäßige Hämmern der Abrissarbeiten zu hören. Der Sockel der Badewanne würde in kurzer Zeit nicht mehr zu erkennen sein. Dann wäre der Weg frei, um den Estrich herauszubrechen und die Fliesen von den Wänden zu schlagen.

Der Klang der Schläge im Badezimmer veränderte sich. Es gab eine kurze Pause, einen weiteren Schlag, Gepolter auf dem rohen Betonboden und ein verwirrt ausgerufenes „Oh“. Eriks Kontingent für unliebsame Überraschungen an einem Tag war bereits erschöpft. Er wollte nicht wissen, worauf die Bauarbeiter gestoßen waren und ehe er gezwungen war, es herauszufinden, griff er alles, was er benötigte, und ergriff die Flucht.

2016-10-06-15-07-18

Advertisements

7 Gedanken zu „Hörsaalgetuschel – Ausgabe 114.

    1. dergrafvonborg Autor

      Das Abgasrohr in dem alten Badezimmerkamin ist aus Asbest. Eigentlich sollte die neue Heizung wohl an den bereits bestehenden Anschluss an eben diesem Rohr aber da das stillgelegt werden soll (denn inzwischen ist Asbest ja ganz pöhse) gibt es dafür keine Freigabe mehr. Wie das nun mal so ist, bei Baustellen mit „baubegleitender Planung“

      Gefällt 1 Person

      Antwort
      1. dergrafvonborg Autor

        Tja leider ist dieser kleine Badezimmerexkurs an der Realität orientiert. Also… stärker als gewöhnlich. Und ich habe noch die ein oder andere weitere Baustelle im Haus meiner Eltern etc. mitbekommen. Die Zeitvorschläge haben noch nie gepasst.

        Gefällt mir

  1. Pingback: Inhaltsverzeichnis (in Arbeit) | des Grafen Lesestunde

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s