Hörsaalgetuschel – Ausgabe 116.

Die Badezimmerchroniken Teil 9

Flo hatte bereits alle seine persönlichen Gegenstände aus seinem Zimmer ausgeräumt. Er war selbst erstaunt gewesen, dass er mit nur einer Fahrt ausgekommen war. Erik und Mia hatten ihm natürlich bereitwillig geholfen. Jeder hatte einen vollen Rucksack und einen Koffer gehabt, dann noch zwei Reisetaschen, die sie zwischen sich aufteilen konnten. Und das war alles, sein kompletter Besitz. Die Möbel gehörten dem Wohnheim und einen Teil der Küchenutensilien hatte Kristina am Wochenende bereits im Auto mitgenommen.

Jetzt saßen Erik und Mia in dem kleinen Wohnheimzimmer und es fühlte sich überhaupt nicht mehr wie das an, in dem sie so viele Stunden mit ihrem Freund verbracht hatten. Einzig zwei leere Bierflaschen unterm Bett wiesen darauf hin, wer hier einmal gewohnt hatte. Der frische Wind, welcher durch das geöffnete Fenster zog, nahm sogar das bisschen Geruch mit sich, welches noch vorhanden hätte sein können.

Es würde nicht für lange sein, hofften sie beide. Das Bett war mit kaum einem Meter für zwei Personen reichlich schmal, selbst wenn sie sich so gerne hatten. Am Wochenende würden sie dann noch einmal weg sein, bei Flo und Kristina in der neuen Wohnung übernachten und dabei helfen, die Wohnung neu zu streichen. Danach war ihnen bereits wieder zugesagt, dass sie in ihre eigene Wohnung zurück konnten. Und solange würden sie eh die meiste Zeit in der Uni verbringen können. Es war nicht so, dass ihnen langweilig werden würde. Erst gegen ende der Woche würde Erik noch einmal den Handwerkern im Weg herumstehen.

Als er an der Wohnung ankam, stand zunächst aber ihm mal etwas im Weg herum. Bereits im Hausflur musste er sich um Eimer voller Sand, große Platten von Dämmmaterial und Zementsäcke herum schlängeln. Der Flur war dreckig wie noch nie und Erik traute sich kaum, durch die weit offenstehende Wohnungstüre zu linsen. Seine Nachbarn taten ihm unwillkürlich entsetzlich leid. Niemand von denen konnte etwas für dieses Chaos. Er fühlte sich schuldig und schlich regelrecht in den Flur. Der Weg zur Küche war durch Gipskartonplatten versperrt und der Weg gerade aus führte auf eine geschlossene Wand zu.

Wo einst die Türe vom Klo war, sah er jetzt auf weiße Leichtbetonsteine, deren Reste noch im ganzen Flur verteilt lagen. Eine dicke Staubschicht hatte sich über alles gelegt und ein flüchtiger Blick ins Schlafzimmer verriet ihm, dass sich dieser Staub auch durch jede Ritze gequetscht hatte. Ganz abgesehen davon, die versprochenen Planen waren nie zum Einsatz gekommen. Alles war ungehindert eingestaubt. Aber die Heizkörper hingen bereits, auch wenn sie noch nicht angeschlossen waren.

Erik erinnerte sich an die Worte des Trockenbauers, als er zur ersten Begehung aufgetaucht war. „Sanierung im bewohnten Zustand? Na solchen Irrsinn hat man auch nicht alle Tage.“ Sein Kollege schien damit kein großes Problem zu haben. Erik fand ihn gerade bei der Mittagspause vor. Auf einem umgedrehten Eimer saß er in dem schummrig beleuchteten Badezimmer, die Flasche Limonade neben sich, Bildzeitung in der Hand und Zigarette im Mund. Wenn schon Dreck dann auch richtig und auf allen Ebenen. Er schluckte kräftig und sah sich um.

Von den ursprünglichen Plänen war nicht mehr viel übrig geblieben und auch der Fortschritt war nicht so weit, wie er es gehofft hatte. Die Gerüste für Spülkasten und Waschbecken standen, die Anschlüsse und Leitungen ragten aus ihren Kanälen und Schächten aber es war noch viel zu erledigen. Er überschlug im Kopf seine eiligen und laienhaften Schätzungen, wie lange Estrich, Verputzen und Fliesen benötigen würden, dann noch der Rest der Installation … die drei Wochen würde es nicht mehr einhalten können. Beinahe hoffte er, dass es wenigstens bei den vier Wochen bleiben würde. Und alles nur, weil eine Leitung verstopft gewesen war. Er raufte sich die Haare, atmete tief durch und zwang sich zur Ruhe. Am Ende würde es wenigstens gut aussehen, hoffentlich.

Herrsching IV

Ohne Zusammenhang zum Text, denn mir ist vor geraumer Zeit das Bildmaterial zu Badezimmerbaustellen ausgegangen, was tauglich gewesen wäre. Aber ich hoffe, das Bild gefällt euch trotzdem.

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Ein Gedanke zu „Hörsaalgetuschel – Ausgabe 116.

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