Hörsaalgetuschel – Ausgabe 117.

Die Badezimmerchroniken Teil 10

Zwei volle Wochen war es her, dass Erik und Mia ihre sieben Sachen gegriffen hatten, und ihre heimischen vier Wände temporär verlassen hatten, um vor Staub und Baulärm zu fliehen. Seitdem wohnten sie in Flos Schuhkarton im Wohnheim und kamen abseits der Uni nur gelegentlich in der Wohnung vorbei, um nach dem Rechten zu sehen. Zwei Wochen, in denen sie von Tag zu Tag kaum Fortschritt erkennen konnten. Wenigstens die Wochenenden konnten sie bei den Familien verbringen.

An diesem Sonntag saßen sie bei Eriks Familie im Wohnzimmer auf dem Sofa. Eigentlich hatten sie beide fleißig sein wollen und ihre Laptops auf dem Schoß aufgeklappt. Dann aber war das Fernsehprogramm zu verlockend gewesen und beide Augenpaare klebten seitdem am falschen Bildschirm. Für den Moment mochte das gut gehen, doch irgendwann würden zweifelsohne die Schuldgefühle kommen. Ein Student hat schließlich keine Freizeit, das Studium selbst muss entspannend genug sein. Für alles Weitere gibt es die Semesterferien.

Erik zuckte irritiert, als sich der Vibrationsalarm seines Telefons in der Hosentasche meldete. In mehrfacher Hinsicht war dies eine ungewohnte Situation. Die meisten Leute versuchten ihn lieber über E-Mail zu erreichen, für alles Weitere gab es den Chat oder auch sein Festnetztelefon. Aber einen Anruf auf sein Handy, und das auch noch an einem Sonntag Nachmittag, von einer unbekannten Nummer, er war skeptisch. Kurz spielte er mit dem Gedanken, einfach Mia das Telefon in die Hand zu drücken, ging dann aber doch selbst dran.

Etwas überrascht stellte er fest, dass sich die Vermieterin hinter der unbekannten Nummer verbarg. Sie sei gerade in der Wohnung und wischte mal eben durch, nur das Gröbste an Dreck. Außerdem habe sie nun das Spiegelschränkchen entsorgt, welches wieder ins Bad zurück hätte kommen sollen. Die Handwerker hatten wohl versehentlich die Türen zerbrochen und damit war es ja nun unbrauchbar. Sie würde sich da jetzt etwas anderes ausdenken.

Mia warf ihm einen vielsagenden Blick zu. Sie konnte zwar nicht hören, worum es genau ging, aber sie hatte die Stimme mit ihrem Redeschwall erkannt, sowie auch Eriks verblüfften Gesichtsausdruck und Sprachlosigkeit.

Unbeirrt vom Schweigen am anderen Ende der Leitung führ die Vermieterin fort. Sie habe ein so schrecklich schlechtes Gewissen, dass es nun doch alles so viel länger dauern würde. Statt der einen Woche waren jetzt ja schon mehr als zwei rum und es lag noch nicht einmal der neue Estrich, aber die Fliesen standen bereits im Flur. Jetzt wolle sie wenigstens einmal kurz durchputzen, damit es nicht zu dreckig wurde. Der ganze Staub sei ja so entsetzlich, überall würde der sich niederlassen. Durfte sie dafür in die Zimmer, oder war ihnen das nicht so recht? Sie würde auch das Bettzeug abziehen und daheim einmal durchwaschen. Das war ja schließlich nun auch alles eingestaubt.

Das war der Punkt, an dem Erik dann doch seine Sprache wieder fand. So nett es auch gemeint war, aber das war wirklich nicht notwendig. Es wäre kein Aufwand für ihn, das alles selbst einmal zu waschen. Außerdem ging es ihm persönlich einfach viel zu weit, wenn seine Vermieterin das Liebesnest von Mia und ihm durchwühlte. Aber das sprach er dann schon wieder nicht aus. Die Vermieterin war in überschwängliche Dankesbekundungen übergegangen, dass die beiden so viel Geduld aufbringen konnten. Es würde auch jetzt sicherlich nicht mehr so viel gemacht werden müssen.

Inzwischen galt Mias ganze Aufmerksamkeit nicht mehr dem Fernseher, sondern ihm. Kaum hatte er aufgelegt, regte sich ihr Unmut. Auch wenn er selbst in seiner stoischen Gelassenheit noch etwas Geduld aufbrachte, sie hatte langsam aber sicher mehr als genug davon. Und das die Vermieter nun noch abseits der Bautätigkeit in der Wohnung hantierten, behagte ihr auch absolut nicht. Nicht, dass sie etwas offen herumliegen hatte, wofür sie sich schämen musste, aber es war ihr einfach doch zu privat. Noch eine Woche war zugesagt, also würde es nicht unter zwei klappen. Aber wenigstens war ein Ende absehbar. Trotzdem, ihre Geduld war einfach am Ende.

„Wieso bleiben wir nicht einfach hier oder fahren weg oder irgendwas? Mir egal, solange wir nicht zurück dahin müssen, bis die fertig sind. Ich will das Elend einfach nicht mehr sehen.“

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