Exitus V

Das nächste Häppchen Exitus ist fällig und wir werfen einen genaueren Blick auf eine weitere Person. Habt ihr noch den Überblick, wer wer ist? Viel Spaß beim Lesen.

Wieder waren Wochen vergangen. Der Winter kündigte sich an und erlaubte es den Anderen, mit dicken Schals und Mützen als Verkleidung wieder auf die Straße zu gehen. Für mich kam das nicht infrage. Noch immer war die Polizei auf der Suche nach mir und besonders die Verkehrsknoten wurden stark von Polizeirobotern überwacht. Mein persönliches Tor zur Welt waren hauptsächlich die Geschichten, welche die Anderen mir erzählten.

Es war ein sonniger Mittag, an dem ich mich wenigstens einmal bis in den Hinterhof des Restaurants traute. Das Verlangen nach frischer Luft und Sonne war einfach irgendwann zu groß geworden, und der Hinterhof war gut zur Straße hin abgeschirmt. Jay hatte offenbar nach mir gesucht, als er sich dazu gesellte. Der Becher, den er mir in die Hand drückte, dampfte und duftete herrlich nach frischem Kaffee mit einem Schuss Rum.

„Marja war gestern bei mir in der Bar.“

Mit diesem Satz ließ er sich neben mir auf die Bank an der Hauswand sinken. Hätte er mir einen dicken Hammer an den Kopf geworfen, es hätte sich vielleicht nicht viel anders angefühlt. Martens Frau war nie besonders abenteuerlustig gewesen, ebenso kein großer Freund von Bars oder Kneipen. Je schattiger und verborgener, umso suspekter erschienen sie ihr. Jays Bar, fensterlos und im Keller eines Restaurants in einer Seitenstraße im Stadtzentrum, war so ziemlich der letzte Ort, an dem man eine Dame wie sie erwarten würde. Und wieso kannte er ihren Namen? Ich traute mich nicht, nachzufragen und ich brauchte auch nur ein paar Augenblicke Geduld.

„Im Moment sind offenbar viele Leute auf der Suche nach anderen Leuten. Sie hat mir ein Foto von Marten unter die Nase gehalten und gefragt, ob ich ihn schon einmal gesehen habe. Solche Gesichter vergesse ich nicht so schnell. Besonders dann nicht, wenn es um die Sicherheit meines Rudels geht, und das seid ihr.“

Der Kaffee dampfte friedlich und unbeeindruckt von dem Chaos in meinem Kopf und Bauch.

„Ich hatte wohl das Glück, dass ich eine der späteren Stationen auf ihrer Tour war. Sie war schon recht entmutigt, weil niemand etwas gesehen haben wollte. Das macht die Leute in der Regel etwas redseliger. Was sie erzählt hat, deckt sich im Groben mit dem, was Tom euch letztens schon sagte. Marten ist stiller geworden, hat sich zurückgezogen und ist ausgesprochen skeptisch und misstrauisch geworden, selbst ihr gegenüber. Sie hatte schon den Verdacht, dass er krank sei, weil er laufend einen Arzt besucht. Aber irgendwie hatte sie wohl Zweifel und hat doch noch etwas herausgefunden. Sie wollte nicht sagen, was es ist, aber es war etwas mit „Ketzerei“ und Dokumenten im Archiv der Bibliothek, was sie sehr entsetzt hat. In letzter Zeit kommt er an einigen Abenden wohl nicht mehr nach Hause, und sie macht sich Sorgen.“

Das passte ins Bild. Marja war nicht nur eine zurückhaltende, elegante Dame, die viel Wert auf Manieren legte, sondern auch religiös. Das Wort des Orakels galt für sie ausnahmslos und Zweifel waren nicht zugestanden. Ihr eigener Ehemann war also auf Fehler eben dieses Orakels gestoßen und hatte sich daraufhin verändert. Das herauszufinden muss ein immenser Schock für sie gewesen sein. Ausreichend intensiv, als dass sie sich dazu herabließ, durch die Spelunken und Rattenlöcher der Stadt zu ziehen auf der Suche nach Hinweisen, was Marten gefunden haben könnte. Und noch etwas war da.

„Vielleicht sollte Tom die beiden wieder etwas ins Auge fassen. Marja hat nicht mehr viel Zeit. Wir haben irgendwann einmal festgestellt, dass sie genau ein halbes Jahr nach mir dran ist. Und das dürfte in etwa einer Woche sein.“

„Möglicherweise ist es das, was deinem Freund so zusetzt. Seine Frau wird sterben und er sucht nach Informationen zu Irrtümern des Orakels, was die Todesdaten betrifft. Sind das Zufälle?“

Es war keine Situation, die zu wilden Spekulationen einlud. Der Kaffee war bereits so weit abgekühlt, dass er nicht mehr dampfte und nur noch schwach duftete. Angesichts der jüngsten Ereignisse und Neuigkeiten hinterließ er einen etwas faden Geschmack im Mund. Selbst die frische Luft schmeckte abgestanden und faulig.

Als ich Tom am späteren Abend von Jays Begegnung mit Marja erzählte, griff er nach seinem Mantel, noch ehe ich ihn fragen konnte, ob er zu einer erneuten Überwachung bereit war. Er beschloss bereits von sich aus, dass es eine Situation war, die ein genaueres Hinsehen erforderte. Von Martens Arztbesuchen wusste er bereits, hatte auch den Arzt überprüft und für halbwegs vertrauenswürdig befunden. Es war ein Genetiker und als solcher naturgemäß nicht auf Regierungslinie, und hatte an interessanten Stellen Lücken im Portfolio. Es war gut möglich, dass er selbst Kontakte in den Untergrund pflegte. Vielleicht konnten wir davon ja sogar profitieren.

So eifrig Lena auch darin war, Netze aufzuspannen, besonders die medizinische Versorgung der Gruppe war verbesserungswürdig. Die Medikamente zu bekommen war dabei das kleinere Problem. Allein deswegen hatte Selime unzählige Stunden in der Bibliothek verbracht, den Kopf über medizinische Fachbücher gesenkt. Es war viel wert, aber Bücher allein können keine Ausbildung ersetzen. Tom jedenfalls konnte seine Aufregung nicht verbergen, möglicherweise auf einen eingeweihten Arzt gestoßen zu sein.

Die ganze Woche über war Tom nur für das Nötigste im Unterschlupf aufgetaucht. Schlafen, waschen, dann und wann etwas essen und seine Verkleidung wechseln. Er war wortkarg wie immer, aber wirkte nicht unzufrieden. Ja, Marten besuchte regelmäßig den Arzt. Dabei ging es, wenn er es richtig beobachtet hatte, um Untersuchungen von Blutproben. Von verschiedenen Blutproben. Marten war eifrig gewesen und hatte von einer breiten Vielzahl von Menschen Proben gesammelt. Die Untersuchungen der Proben verliefen meistens routiniert und gingen schnell.

Bis zu dem Tag, als etwas anders war. Der Arzt untersuchte die Probe, war plötzlich heller Aufregung verfallen und schrieb im Anschluss lange an einer Akte aus Papier, welche er sorgsam in einem Schließfach in seinem Büro wegschloss. Ein hervorragendes Druckmittel, von einer solchen Akte zu wissen.

Am Tag von Marjas Tod war Tom dann überhaupt nicht mehr bei uns gewesen. Wir wussten, dass er die beiden beobachtete. Marja würde nur eine kleine Trauerfeier haben. Sie war nicht der Typ für laute Großereignisse. Nur die engsten Freunde und nächsten Verwandten. Ich wäre auch eingeladen gewesen, wenn ich noch am Leben gewesen wäre. Schon allein als Trost für Marten. Er hatte den Großteil seines Lebens mit ihr verbracht, sie bereits in der Schule kennengelernt und nie wirklich gelernt, ohne sie zu sein. Ihr Tod, so lange er auch angekündigt war, würde ein schwerer Schlag für ihn sein. Mir blieb nicht viel mehr, als ihm in Gedanken Kraft zu wünschen und abzuwarten.

Als ich am nächsten Morgen den Tisch für das Frühstück deckte, fühlte ich mich merkwürdig unvollständig. Es war ein Gefühl, was ich so nicht kannte und was ich nicht genau bestimmen konnte. Eine allgemeine Unzufriedenheit, ein Nagen hinter den Augen, ein Kribbeln in den Füßen und den Schultern. Als ich mich im Raum umsah, entdeckte ich Lena. Sie saß stumm in einem Sessel und sah mich direkt an. Es ist eine seltsame Eigenschaft von ihr. Sie sieht mit ihren blinden Augen Leute an, und es ist, als würde sie direkt in sie hinein sehen und alles lesen können. Und immer wenn sie das tut, kann derjenige auch etwas über sich selbst lernen.

Heute half sie mir dabei, das Gefühl zu identifizieren. Es war nicht ich selbst, was mir Unbehagen bereitete, sondern der Tisch vor mir. Ohne groß darüber nachzudenken, setzte ich zwei zusätzliche Gedecke auf und es fühlte sich gleich besser an. Zusätzlich zum Kaffee würde es heute auch Tee geben. Jetzt fühlte es sich schon fast richtig an und langsam, ganz langsam, begann ich Lena zu verstehen.

Das Klappern von Jays Aufräumarbeiten hallte gedämpft durch die Türe zur Bar, das Radio neben den Sofas spielte leise Musik, die frischen Blumen auf dem Tisch verbreiteten einen weichen Duft. Im letzten halben Jahr hatte ich begonnen, mich hier richtig heimisch zu fühlen. Es war, als habe ich hier einfach hingehört. Diese Ruhe, dieser innere Frieden, den es alles erzeugte, es war wie Urlaub zu Hause. Meine Familie und meine Freunde fehlten mir immer noch, aber ich hatte begonnen, unsere kleine Gruppe hier als Familie zu akzeptieren.

„Ouha, es wird wieder voller. Willkomm‘ willkomm‘ hier. Geht mal durch, ich glaube, ihr kommt gerade recht zum Frühstück. Vielleicht komm‘ ich gleich auch noch kurz rein.“

Jays Stimme war durch die schwere Türe stark gedämpft. Die Wände waren so massiv, dass selbst bei Hochbetrieb in der Bar, man hier im Wohnzimmer noch gut sitzen konnte, aber in der allgemeinen Stille des Morgens verstand man ihn trotzdem. Hattie und Selime kamen gerade rechtzeitig, um dabei zu sein, als die Türe sich öffnete und Tom, Marja und Marten hindurch kamen. Die beiden wirkten irgendwas zwischen verstört, irritiert und eingeschüchtert, Tom war still und gleichgültig wie immer. Ich wollte ihnen schon eine Tasse Tee reichen, wartete dann aber doch lieber, bis sie saßen.

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