Exitus VII

Im Fernsehen wechselten sich Bilder der kollabierenden Brücke mit Fahndungsfotos ab. Noch immer waren wir nur Verdächtige, aber niemand ließ einen Zweifel daran, dass es niemand außer uns gewesen sein konnte. Hohe Minister ließen sich an der Unglücksstelle filmen und versicherten den Angehörigen ihre Anteilnahme. Sie gaben sich nicht einmal die Mühe, so überzeugend zu schauspielern, dass man ihre Betroffenheit glauben konnte. Stattdessen ergossen sie sich in Versprechen, die Verantwortlichen zur Rechenschaft zu ziehen, koste es, was es wolle. Im Hintergrund wurden Kräne aufgebaut, um die Trümmer zu bergen.
Der ganze See war hell erleuchtet und vermutlich von Kameras umringt. Die Behörden hatten die Möglichkeit, einmal alle ihre Spielzeuge im Einsatz zu testen. Sie wirkten dabei zwar nicht routiniert aber immerhin vorbereitet. Tom war der Ansicht, sie waren etwas zu gut vorbereitet, gerade so, als hätten sie damit gerechnet, was passiert war.
Marten war indessen völlig fassungslos, mit welcher Ruhe wir diese Nachrichten verfolgen konnten. Was blieb uns auch anderes übrig? Das, was dort lief, war offensichtlich von langer Hand her geplant gewesen. Wir alle waren entsetzt, wie weit man ging, nur um ein paar Fehler im System aus ihrem Versteck zu treiben. Es kostete mich viel Kraft mir nicht anmerken zu lassen, was in meinem Innersten vor sich ging. Für Jahre, wenn nicht Jahrzehnte, hatten diese Leute hier friedlich gelebt. Erst, seit ich dazu gestoßen war, hatte sich das geändert.
Erst seit dem Tag, als plötzlich Drohnen mit Fahndungsaufträgen für mich unterwegs gewesen waren, war die Aufmerksamkeit auf uns gefallen. Ich war der Auslöser gewesen. Irgendwo musste ich einen fatalen Fehler gemacht haben und all die Leben um mich herum mit in den Abgrund gerissen haben. Der Verdacht war mir schon früher immer wieder gekommen, hatte an mir genagt, wie Ratten an ihrer Beute. Aber spätestens jetzt brannten die Schuldgefühle heißer als das Kaminfeuer jemals gekonnt hätte. Das schlechte Gewissen stieg mir in die Kehle und verklumpte, dass ich um jeden Atemzug ringen musste. Unruhe machte sich breit, ich wollte nur noch weg. Hinaus, aus diesem Keller, hinaus, aus meiner Haut. Es fehlte nicht viel, und ich hätte mir das Fleisch von den Knochen gerissen, aber ich wagte nicht, mir etwas anmerken zu lassen.
Inzwischen waren selbst der Innenminister und der Präsident in den Nachrichten zu Wort gekommen. Natürlich verurteilten sie den feigen Anschlag aufs Schärfste, versprachen eine schnelle und schonungslose Aufklärung des Verbrechens und finanzielle Hilfe für die Opfer. Im Hintergrund liefen Bilder von der Unglücksstelle, immer noch im hellen Scheinwerferlicht. Es wurden gerade zwei Leichen aus dem See geborgen. Die Lockführer, wie es hieß. Wieder war es Lukas, der schnaubte. Er hatte genügend medizinisches Fachwissen, um behaupten zu können, dass die gezeigten Leichen bereits seit gut einer Woche tot sein mussten. Für ihn entwickelte sich das Theaterstück dort zu einer besonderen Farce.
Wir waren noch immer so vom Bildschirm gefesselt, dass niemand Jay bemerkt hatte, der plötzlich hinter uns im Raum stand und Besuch mitgebracht hatte. Als er sich laut räusperte, machten alle Anwesenden einen regelrechten Satz, Hattie griff sich schockiert an ihr Herz.
„Musst du mich denn so erschrecken, Jungchen? Das kannst du mit einer alten Frau wie mir doch nicht machen.“
„Bemüh dich nicht, Hattie, ich bin älter als du. Aber ich habe einen alten Freund mitgebracht. Wir kennen uns noch von früher, haben gemeinsam an Projekten gearbeitet. Ihr solltet ihm zuhören.“
Erst jetzt fiel die kleine Gestalt an seiner Seite erst richtig auf. Der alte Mann kam nicht einmal auf eine Höhe von einem Meter sechzig und auch der buschige Bart konnte nicht verbergen, dass sein ganzes Gesicht eigentlich nur noch aus tiefen Falten bestand. Irgendwo in diesen Falten glitzerten zwei kleine aber wache, schwarz glitzernde Augen. Die altmodische Melone auf seinem Kopf war genau so abgewetzt wie der dennoch elegante Anzug. Er strahlte eine gewisse Ruhe und Autorität aus.
„Ich schlage vor, jeder greift sich jetzt eilig das, worauf er am wenigsten verzichten kann, und dann folgt ihr mir.“ Seine Stimme war zwar dünn, aber dennoch klar zu verstehen und laut genug. „In spätestens fünf Minuten sollten wir hier hinaus sein. Dann kommt Besuch, von dem ich wetten möchte, dass ihr ihn nur im äußersten Notfall willkommen heißen wollt. Ich bringe euch an einen Ort, wo ihr für eine Weile bleiben könnt, bis sich die Wogen etwas geglättet haben. Jay wird sich dann um alles Weitere kümmern, er kann sich unauffälliger in der Öffentlichkeit bewegen als wir alle. Hier können wir jedenfalls nicht bleiben.“
Es war erstaunlich, wie bereitwillig man sein Leben in fremde Hände legt, wenn man erst einmal realisiert hat, dass man alleine eh nicht weiter kommt. Erschrockene Augenpaare wandten sich an Jay, der nur mit ernster Mine nickte. Er hätte seinen Freund nicht zu uns gebracht, wenn er ihm nicht voll vertrauen würde. Trotzdem brauchte es noch Lena, die den ersten Schritt tat. Als sie sich aus ihrem Sessel erhob, drehten auch wir anderen uns um, und holten eilig Hut, Mantel und den stets für den Notfall bereitstehenden Rucksack mit Grundausstattung aus unseren Zimmern.
Drei Minuten später stiegen wir die Treppe zur Laderampe des Restaurants hinauf. Kühle, frische Abendluft wehte uns entgegen und machte mir erst bewusst, wie alt ich doch geworden war. Der eilige Aufbruch und die Aufregung machten sich deutlich in den Knochen bemerkbar. Für einen Abend wie diesen, war die Straße ungewöhnlich ruhig. Das hieß zwar, dass weniger Leute uns erkennen konnten, aber es gab auch keine Menge, in der man sich hätte verstecken können. Unseren Führer aber interessierte das ohnehin nicht. Er bog in die erste Gasse ein, die möglich war, und führte uns in die Hinterhöfe.
Von der Straße aus hallte das Quietschen von Reifen herüber und Tom, der als Letzter ging, konnte gerade noch beobachten, wie mehrere Einsatzwagen der Polizeispezialkräfte vor dem Restaurant zum Stehen kamen. Der alte Mann schien amüsiert zu sein, kicherte leise vor sich hin und murmelte etwas in seinen Bart, was ein „das war wirklich knapp“ sein konnte.
Mit zügigen Schritten ging es kreuz und quer durch die Gassen und Hinterhöfe, hier und da auch einmal über eine niedrige Mauer. Wir waren etwa zehn Minuten unterwegs gewesen, da waren die Sirenen aufgetaucht und hatten sich in der ganzen Stadt verteilt. Blaulichter flackerten auf allen Straßen, selbst die Luftüberwachung hatte alles herausgeholt, was sie zu bieten hatte. Neben den Drohnen flogen selbst die alten Hubschrauber wieder und legten mit ihren Scheinwerfern ein gespenstisches Bild über die Dächer der Stadt.
Es hatte eine halbe Stunde gedauert, den Stadtkern zu verlassen und langsam wurde ich unruhiger. Die Lücken zwischen den Häusern wurden immer größer. Auch wenn die Plattenbauten lange Schatten warfen, es gab immer weniger Möglichkeiten, sich zu verstecken. Hinterhöfe wurden rarer, finstere Gassen sowieso. Dafür wurden die Sirenen der Polizei immer lauter und die Suchscheinwerfer kamen immer näher. Vielleicht wäre es sinnvoll gewesen, an unserem Führer zu zweifeln, statt ihm blindlings zu folgen. Zielstrebig trat er auf einen dunklen Parkplatz.
Die wilde Jagd schien ihm nicht im geringsten etwas auszumachen. Wir hingegen waren inzwischen alle reichlich außer Atem mit Ausnahme von Tom. Vielleicht waren wir deshalb etwas unachtsam geworden. Ich kann es im Nachhinein nicht mehr sagen. Ich weiß nur noch, dass wir von einer Sekunde auf die nächste von schwarzen Einsatzwagen der Polizei umstellt waren. Auch wenn es nur einer links und einer rechts von uns war, sie erschienen uns in dem Moment wie eine Armee. Maskierte Gestalten stürmten durch die Türen, welche sich erstaunlich leise geöffnet hatten.

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