Archiv für den Monat Februar 2017

Hörsaalgetuschel – Ausgabe 117.

Die Badezimmerchroniken Teil 10

Zwei volle Wochen war es her, dass Erik und Mia ihre sieben Sachen gegriffen hatten, und ihre heimischen vier Wände temporär verlassen hatten, um vor Staub und Baulärm zu fliehen. Seitdem wohnten sie in Flos Schuhkarton im Wohnheim und kamen abseits der Uni nur gelegentlich in der Wohnung vorbei, um nach dem Rechten zu sehen. Zwei Wochen, in denen sie von Tag zu Tag kaum Fortschritt erkennen konnten. Wenigstens die Wochenenden konnten sie bei den Familien verbringen.

An diesem Sonntag saßen sie bei Eriks Familie im Wohnzimmer auf dem Sofa. Eigentlich hatten sie beide fleißig sein wollen und ihre Laptops auf dem Schoß aufgeklappt. Dann aber war das Fernsehprogramm zu verlockend gewesen und beide Augenpaare klebten seitdem am falschen Bildschirm. Für den Moment mochte das gut gehen, doch irgendwann würden zweifelsohne die Schuldgefühle kommen. Ein Student hat schließlich keine Freizeit, das Studium selbst muss entspannend genug sein. Für alles Weitere gibt es die Semesterferien.

Erik zuckte irritiert, als sich der Vibrationsalarm seines Telefons in der Hosentasche meldete. In mehrfacher Hinsicht war dies eine ungewohnte Situation. Die meisten Leute versuchten ihn lieber über E-Mail zu erreichen, für alles Weitere gab es den Chat oder auch sein Festnetztelefon. Aber einen Anruf auf sein Handy, und das auch noch an einem Sonntag Nachmittag, von einer unbekannten Nummer, er war skeptisch. Kurz spielte er mit dem Gedanken, einfach Mia das Telefon in die Hand zu drücken, ging dann aber doch selbst dran.

Etwas überrascht stellte er fest, dass sich die Vermieterin hinter der unbekannten Nummer verbarg. Sie sei gerade in der Wohnung und wischte mal eben durch, nur das Gröbste an Dreck. Außerdem habe sie nun das Spiegelschränkchen entsorgt, welches wieder ins Bad zurück hätte kommen sollen. Die Handwerker hatten wohl versehentlich die Türen zerbrochen und damit war es ja nun unbrauchbar. Sie würde sich da jetzt etwas anderes ausdenken.

Mia warf ihm einen vielsagenden Blick zu. Sie konnte zwar nicht hören, worum es genau ging, aber sie hatte die Stimme mit ihrem Redeschwall erkannt, sowie auch Eriks verblüfften Gesichtsausdruck und Sprachlosigkeit.

Unbeirrt vom Schweigen am anderen Ende der Leitung führ die Vermieterin fort. Sie habe ein so schrecklich schlechtes Gewissen, dass es nun doch alles so viel länger dauern würde. Statt der einen Woche waren jetzt ja schon mehr als zwei rum und es lag noch nicht einmal der neue Estrich, aber die Fliesen standen bereits im Flur. Jetzt wolle sie wenigstens einmal kurz durchputzen, damit es nicht zu dreckig wurde. Der ganze Staub sei ja so entsetzlich, überall würde der sich niederlassen. Durfte sie dafür in die Zimmer, oder war ihnen das nicht so recht? Sie würde auch das Bettzeug abziehen und daheim einmal durchwaschen. Das war ja schließlich nun auch alles eingestaubt.

Das war der Punkt, an dem Erik dann doch seine Sprache wieder fand. So nett es auch gemeint war, aber das war wirklich nicht notwendig. Es wäre kein Aufwand für ihn, das alles selbst einmal zu waschen. Außerdem ging es ihm persönlich einfach viel zu weit, wenn seine Vermieterin das Liebesnest von Mia und ihm durchwühlte. Aber das sprach er dann schon wieder nicht aus. Die Vermieterin war in überschwängliche Dankesbekundungen übergegangen, dass die beiden so viel Geduld aufbringen konnten. Es würde auch jetzt sicherlich nicht mehr so viel gemacht werden müssen.

Inzwischen galt Mias ganze Aufmerksamkeit nicht mehr dem Fernseher, sondern ihm. Kaum hatte er aufgelegt, regte sich ihr Unmut. Auch wenn er selbst in seiner stoischen Gelassenheit noch etwas Geduld aufbrachte, sie hatte langsam aber sicher mehr als genug davon. Und das die Vermieter nun noch abseits der Bautätigkeit in der Wohnung hantierten, behagte ihr auch absolut nicht. Nicht, dass sie etwas offen herumliegen hatte, wofür sie sich schämen musste, aber es war ihr einfach doch zu privat. Noch eine Woche war zugesagt, also würde es nicht unter zwei klappen. Aber wenigstens war ein Ende absehbar. Trotzdem, ihre Geduld war einfach am Ende.

„Wieso bleiben wir nicht einfach hier oder fahren weg oder irgendwas? Mir egal, solange wir nicht zurück dahin müssen, bis die fertig sind. Ich will das Elend einfach nicht mehr sehen.“

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Versatile Blogger Award

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Die gute Luna von Luna Umbra hat sich gedacht „Mensch, der Graf hat so schrecklich wenig Informationen zu sich selbst auf seinem Blog. Das muss ich ändern, und ich habe auch schon genau das richtige Werkzeug dafür.“ Und prompt habe ich einen Versatile Blogger Award an der Backe kleben. Das ist natürlich erstunken und erlogen. Ich habe keine Ahnung, was sie sich dabei gedacht hat, aber sie hielt mich wohl für einen geeigneten Kandidaten für diesen Award, der bislang so völlig an mir vorbei gelaufen ist. Also, was schreibt sie denn überhaupt dazu?

Der Versatile Blogger Award ist im Prinzip ein Award von Bloggern für Blogger. Man gibt 7 Fakten über sich selbst preis und nominiert 15 andere Blogger über die man gerne mehr wissen möchte.

Damit bin ich wohl schlauer. Nur, was wären denn 7 Fakten, die nicht langweilig sind? Ich habe ja schon bei 7 generell Mühe. Versuchen wir es einfach mal.

  • Fakt 1.: Ich habe mich über die Nominierung natürlich gefreut, aber auch gewundert. Versatile heißt doch vielseitig und wenn mein Blog in letzter Zeit eines nicht war, dann das. Aber gut, auf lange Sicht betrachtet, ich decke doch mit einzelnen Kategorien, die teilweise kaum zwei Beiträge füllen, einiges ab. Vielleicht ist er doch nicht ganz ungerechtfertigt 🙂
  • Fakt 2.: Ich mag gutes Essen und gleichzeitig geht mit Essen reichlich auf die Nerven. Besonders die Tatsache, dass man einfach essen muss, stört mich. Aber ich füge mich meinem Schicksal und versuche es nicht all zu oft zu vergessen und trotzdem gesund und ausgewogen zu gestalten.
  • Fakt 3.: (Ich muss schon überlegen) Ich bekomme gelegentlich gesagt, es wäre schön, wie nüchtern und nicht-Gefühlsüberladen mein Schreibstil ist. Interessanterweise meistens zu den Texten, bei denen ich mal versucht habe, etwas emotionaler zu schreiben und die Gefühle des Lesers zu kitzeln.
  • Fakt 4.: Ich bin ein ausgesprochen langsamer Leser. Das gleiche gilt leider fürs Schreiben. Was andere Leute vermutlich in 15 – 20 Minuten herunter tippen, dauert bei mir gerne mal eine Stunde oder länger. Ich kann einfach zu schlecht tippen.
  • Fakt 5.: Ich habe keinen Lektor. Merkt man, oder? Und da ich keine Satzzeichen beherrsche versuche ich mir mit der Textprüfung von Duden.de zu helfen. Die liegt zwar manches Mal noch falscher als ich, aber sie findet auch Etliches.
  • Fakt 6.: (Wir nähern uns tatsächlich dem Ende) Vielleicht auch nicht ganz uninteressant. Ich werde immer wieder gefragt, welche der Figuren im Hörsaalgetuschel denn ich bin. Nun, niemand. Und doch auch wieder alle. Okay, vielleicht nicht alle. Irgendwoher muss ich ja wissen, wie sich diese Wesenszüge verhalten, nach denen ich die Charaktere entwickle. Aber primär würde ich dazu tendieren, dass sie alle fiktional sind.
  • Fakt 7.: Ich würde nicht behaupten, einen Lebenstraum zu haben. Es gibt Dinge, die ich gerne schaffen möchte, aber kein über allem stehender Traum. Ich habe Interessen, aber nichts, was mich handfest begeistert.

Damit sind dann hoffentlich alle Fragen beseitigt, die ihr euch noch nie über mich gestellt habt. Oder habe ich etwa etwas aus gelassen, was Du unbedingt wissen wolltest?

Fakt 8 gibt es gratis dazu: Ich bin ein Langweiler. Und weil das so ist, nominiere ich einfach Dich. Wenn du Lust hast mitzumachen, dann tob dich aus, suche 7 Fakten zu dir und teile sie Deinen Lesern mit. Viel Spaß dabei

euer Graf

Exitus IV

Exitus Teil I, II und III

„Wusstet ihr, dass es jemanden gibt, der uns einmal untersucht hat?“
Nur Lena wirkte nicht heillos überrascht, als er von einem Dokument berichtete, dass ein Arzt über „Die genetische Anomalie der Irrtümer des Orakels“ verfasst hatte. Es war nicht regulär im Katalog der Bibliothek gelistet gewesen, sondern nur als Quelle in einem Artikel über Verschwörungstheorien angegeben gewesen. Es hatte ihn volle drei Sitzungen gekostet, das Original ausfindig zu machen. Der Titel allein hätte wohl ausgereicht, um bei den falschen Stellen gleich wegen Blasphemie angeklagt zu werden. Verleumdung des Orakels, darauf standen empfindliche Strafen. Und dann noch der Inhalt dieser Arbeit, die unterstellte, das Orakel könne sich irren … Im Unterschlupf wusste das jeder, doch es war eines der großen Geheimnisse ihrer Zeit.
„Ich habe den Arzt extra überprüft, gründlich. Er ist immer noch tätig, aber genießt den Ruf, sehr regierungsfreundlich zu sein. Vermutlich lebt er nur deswegen noch. Seine Argumentation ist dennoch sehr stimmig und er hat einige Untote direkt untersuchen können. Es gab mehr, als ich vermutet habe. Offenbar hat er wenigstens zehn Leute untersucht, von denen aber niemand mehr auffindbar ist.“
„Weiß ja, dass wir nicht alle gefunden haben. Guck mich ja immer um, aber wir haben ja kein verlässliches Suchraster oder Daten. Nur den Zufall. Will nicht wissen, was die da oben mit den armen Teufeln anstellen.“ Tom brummelte missmutig in seinen Bart. Er gefiel sich in seiner Rolle als Beobachter und der Umstand, dass jemand auch ihn beobachten könnte und etwas über ihn wusste, missfiel ihm massivst. Selime hingegen sah einen anderen Punkt.
„Also jemand in Regierungsnähe, und damit sicherlich auch die Regierung, weiß, dass wir existieren können. Was hält sie davon ab, nach uns zu suchen? Und was werden sie tun, wenn sie uns einmal gefunden haben?“
Plötzlich fühlte ich viele Augen auf mir ruhen. Die Frage, was sie davon abhielt, war bereits beantwortet: Nichts! Sie suchten ja bereits nach mir. Das war doch überhaupt der Grund, wieso ich die Straße seit Tagen nicht mehr betreten hatte und die meiste Zeit über hier unten verbrachte. Ich war es den anderen schuldig, keiner Polizeidrohne vor die Linse zu laufen und am besten auch keinem Spitzel. Inzwischen dürften genügend Leute mein Bild gesehen haben, als dass auch eine einfache Verkleidung nicht mehr sicher war.
Wir überlegten lange, was wir nun tun wollten. Einig waren wir uns nur darin, dass wir uns besser versteckt halten wollten. Der Unterschlupf war unsere Heimat, hier wohnten und lebten wir und niemand hatte einen besseren Ort für uns. Das durften wir nicht leichtfertig riskieren. Lena war es am Ende, die etwas beschloss, mehr für sich selbst, als für die Gruppe. Sie würde ihre Kontakte in den Behörden ausfragen, wer etwas wissen konnte und was. Diskret, wie immer, und so, dass nicht einmal die Befragten etwas davon mitbekommen würden. Bis dahin würden sie einfach ausharren müssen und das beste hoffen.
Und noch bevor wir alle vom Tisch aufgestanden waren, wurden die Karten erneut gemischt. Wer auch immer es war, der nach mir suchte, er hatte die Geduld verloren.

Jay hatte uns darauf aufmerksam gemacht, dass wir die Abendnachrichten gucken sollten, bevor er seine Bar aufgemacht hatte. Als ein Mann, der immer wenigstens ein Ohr am aktuellen Zeitgeschehen hatte, wusste er genau, dass etwas Spannendes für uns dabei war. Als ich die rauchenden Ruinen meines ehemaligen Arbeitsplatzes auf dem Bildschirm sah, wusste ich, dass es nur eine weitere Katastrophe sein konnte. Ein Bombenanschlag hatte den gesamten Komplex zum Einsturz gebracht und Dutzende unter sich begraben. Seit Jahrzehnten konnte es keinen solchen Terrorakt mehr gegeben haben. Selbst einen dringend Tatverdächtigen gab es bereits. Sein Fahndungsfoto kam zwar aus dem Archiv, aber er war von mehreren Zeugen am Tatort beobachtet worden. Die Bevölkerung war dazu angehalten, achtsam zu sein und verdächtige Personen direkt der Polizei zu melden.
Voller Unglauben starrten wir auf mein Foto, was vom Bildschirm aus frech in die Sofaecke grinste. Was für eine dreiste und offenkundige Lüge! Ich hatte keine Geschwister, die mir besonders ähnlich sahen. Niemand außer mir hatte in dieser Stadt dieses Gesicht, das wusste ich sicher. Genau so sicher wie die Tatsache, dass ich seit Tagen nicht mehr unter freiem Himmel war und ganz sicher auch nicht in einem Viertel, wo mich zwangsläufig Leute erkennen mussten. Zu allem Überfluss musste die Explosion stattgefunden haben, als wir alle gemeinsam gestern Abend am Tisch gesessen hatten. Also, ich, und all jene, die dort gerade als mögliche Komplizen aufgeführt wurden.
Niemand konnte diese Nacht schlafen. Der Unterschlupf fühlte sich an wie ein Ameisenhaufen oder ein Wespennest. Und das, obwohl alle in ihren Betten lagen und sich umher wälzten. Nur Lenas trippelnde Schritte hallten dann und wann durch den Flur. Sie schien nie zu schlafen und immer etwas zu tun zu haben. Selbst Tom würde wohl nicht sagen können, was es eigentlich war, zumal er auch die Nacht wieder im Freien verbrachte. Er war auf der Suche nach etwas, hatte aber niemandem Bescheid gegeben, nach was. Er würde erst am nächsten Morgen wieder auftauchen, missmutig und zerknirscht, aber mit frischen Brötchen und einer Visitenkarte.
Wirklich genießen konnten wir die Brötchen nicht, was echt schade war, denn sie waren sehr gut. Das Gleiche galt für den duftenden Kaffee, aber die Katerstimmung saß einfach zu tief. Sie alle fühlten den Griff einer Obrigkeit, der sie nicht länger vertrauen konnten und wollten. Das Schlimmste daran war nicht einmal, dass sie sich jetzt besser verstecken mussten. Es war eher, dass sie keine Ahnung hatten, weswegen ein solcher Aufwand betrieben wurde und selbst vor Toten nicht zurückgeschreckt wurde, nur um sie hier ausfindig zu machen.
So oder so hatte es den Effekt, dass wir uns alle bedeckter hielten, nur noch wenig hinaufgingen und Jay oder die Leute aus dem Restaurant die meisten Besorgungen für uns erledigen ließen. Ich war davon ausgegangen, dass ich mich die letzten Wochen gut versteckt gehalten hatte, aber es war erst jetzt, dass ich begriff, was „Schattendasein“ wirklich bedeutete.

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