Archiv für den Monat März 2017

Der Blick über den Horizont

Vor einiger Zeit habe ich ein Video geschickt bekommen, was mich sehr beeindruckt hat. Es ist eine Reise in unsere Nachbarschaft, ein Blick über unseren Horizont hinweg. Ich bin leicht für solche Sachen zu begeistern aber irgendwo nagt da auch die Frage „wieso zieht es uns dort hinaus?“ Ist es einfach nur Neugier oder vielleicht doch mehr? Oder brauchen wir diesen Blick von außen, um wirklich schätzen zu lernen, was wir hier haben? Ich kann diese Fragen nicht beantworten und eigentlich kannst Du auch direkt zum Video am Ende springen. Oder Du liest dir meinen Senf durch und gibst mir in den Kommentaren Antworten oder Deinen Senf ab. Ich bin gespannt!

Unser kleiner Blauer Planet bietet sehr viele wunderschöne Orte, wenn man sich nur einmal die Zeit nimmt, genau hinzusehen oder die Reise auf sich zu nehmen. Dichte summende Wälder, duftende bunte Blumenwiesen, eifrig pulsierende Städte voller geschäftiger Plätze und beeindruckender Gebäude, beruhigend rauschende Küsten mit beeindruckenden Steilküsten oder sanft geschwungenen Dünen oder auch Gebirge, die sich schroff in den Himmel recken, von ewigem Eis bedeckt und dem, der sie besteigt, eine atemberaubende Aussicht gönnen. Es ist ist gerade so, als sei diese Welt genau für uns gemacht, teilweise auch von uns gemacht. Wir passen hier einfach perfekt hin und wem es nicht gefällt, der muss nur wenige Stunden reisen, um den perfekten Ort dennoch finden zu können.

Ich selbst verfolge gerne den ein oder anderen Reisebericht, -blog oder genieße Dokus über Orte, die ich vermutlich nie mit eigenen Augen sehen werde. Da erstreckt sich eine polare Tundra von Horizont zu Horizont, die ein halbes Jahr schläft und während der anderen Hälfte in geradezu verschwenderisches Leben ausbricht. Scheinbar endlose Wüsten aus Sand oder Fels unter einer brennenden Sonne bieten einen harschen Lebensraum, der faszinierende Überlebenskünstler hervorgebracht hat. Fantastisch bunte Korallenriffe, wie von einer anderen Welt in unsere Meere übertragen oder die noch viel fremderen Wesen ewig finsterer Tiefsee. Tiere, über die wir beinahe nichts wissen und von denen wir noch vor wenigen Jahrzehnten nicht für möglich gehalten hätten, dass sie überhaupt existieren könnten.

Und wir glauben tatsächlich, wir würden außerirdisches Leben gleich erkennen, wenn wir ihm begegnen würden?

Es ist eine Welt voller Abenteuer, voller Möglichkeiten, robust wie Granit und gleichzeitig filigran und zerbrechlich, wie ein hauchzartes Kunstwerk aus Zucker. Und die Menschheit hat kaum an der Oberfläche gekratzt, in ihrem Bemühen, sie zu verstehen. Was verursacht verheerende Erdbeben und wie kann man sie vorhersagen? Was sorgt dafür, dass ein Vulkan mit einer einschüchternden Aschewolke ausbricht, statt sich einfach in sein Umland zu ergießen? Was bringt die Meere dazu, Temperatur und Chemismus zu verändern und die einst so lebendigen Korallenriffe zu einer grauen, toten Einöde zu verwandeln? Und wie können wir sie schützen, unsere Heimat? Unermüdlich arbeiten Wissenschaftler auf der ganzen Welt daran, diesen Schatz, den wir haben, zu verstehen und zu schützen.

Doch so weit unsere Geschichte zurückreicht, war uns das alles nie genug. Die ältesten Zeugnisse der Menschheit richten ihren Blick nicht nur auf den Horizont, sondern auch darüber hinweg. Die ältesten Höhlenbilder zeigen Hände, Tiere und Sterne. Frühe Kunstwerke befassen sich mit Fruchtbarkeit, unserem Spieltrieb und dem Firmament. Die ersten Bauwerke zeugen von einer akribischen Beobachtung des Himmels. In einer Welt voller Wunder wollen wir MEHR! Wir wollen den Mond, die Sterne, fremde Welten und wir wollen alles darüber wissen, sie erreichen, erobern, uns dienlich machen.

Doch während es immer wieder schien, dass uns nicht einmal der Himmel eine Grenze sein würde und einfach alles möglich sei, erkennen wir immer mehr eine andere Wahrheit. Die Reise zu unserem kleinen Bruder, dem Mond (oder der kleinen Schwester, je nach Sprache und Kultur), hat bereits Tage gedauert. Eine Reise zum nächsten Nachbarn, dem Mars, würde uns bereits eineinhalb Jahre kosten! Das Licht braucht für diese Strecke bis zu 21 Minuten, wenn es die äußeren Planeten erreichen will, bereits über einen Tag. Wir sitzen hier fest.

Benachbarte Sterne wie Alpha Centauri oder die kürzlich nachgewiesenen Planeten um Trappist, die größten Hoffnungen, andere Welten zu erreichen, rücken damit in noch unerreichbare Ferne. Sie beflügeln die Fantasie und inspirieren, immer weiter zu suchen und zu forschen, aber bislang bleibt uns der Griff zu den Sternen versagt. Gleichzeitig verstehen wir immer besser, was mit unserer eigenen Welt passiert und dass sie, wenn wir so weiter machen wie bisher, uns nicht mehr ewig ein so traumhaftes Paradies bleiben wird, wie sie es war.

Und während wir alle gemeinsam darum kämpfen sollten, unsere Welt so zu erhalten, dass es uns hier gut geht, dürfen wir trotzdem träumen. Und sei es nur, um uns die Hoffnung zu bewahren, überleben zu können, wenn Mutter Gaia unserer überdrüssig wird. Begeben wir uns doch auf eine Reise zu einigen Sehenswürdigkeiten im Sonnensystem, und nicht immer sind sie sehr bekannt. Sonnenaufgang auf dem Mars oder der Blick in den Himmel eines Jupitermondes, das ist ein guter Anfang.

Aber wie wäre es beispielsweise mit einem Sprung von der höchsten Klippe im Sonnensystem auf dem Uranusmond Miranda? Die 20 Kilometer fällt man ungebremst, dank der geringen Gravitation, in sagenhaften 12 Minuten. Der feuchte Traum jedes Skydivers. Oder wieso nicht gleich aus dem passiven Fall in den aktiven Flug übergehen? Der schwache Sonnenwind erlaubt es den äußeren Monden, bei nur geringer Anziehungskraft eine dennoch dichte Atmosphäre zu halten. Es dürfte für Menschen möglich sein, mit den entsprechenden Flügeln, dank eigener Muskelkraft durch die eisigen Winde auf Neptuns Begleitern zu fliegen.

Doch ist es wirklich vergleichbar, auf den Eisbrocken der Saturnringe zu tanzen, sich in gewaltige Asteroiden zu graben und schattige Habitate zu erschaffen, oder den Sonnenuntergang zu beobachten, während das warme Meer einem sanft weißen Korallensand um die Füße spült und der Wind die Haare und keine Maske umspielt? Selbst wenn einige Tausend solche Reisen unternehmen können, bleiben Milliarden zurück. Geben wir also gut drauf acht, auf unsere blaue Kugel. Es ist der einzige Hafen, den wir haben. Selbst wenn es dann soweit ist, und wir tatsächlich nach den Sternen greifen können, wie uns der beeindruckende Kurzfilm von Erik Wernquist verspricht.

 

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Exitus XII

Ich kam auf einer harten Holzbank wieder zu mir. In einer Ecke saßen eng umschlungen Marten und Marja, beide mit einem Gesicht, das pures Elend und Resignation ausdrückte. Tom war mit müden Augen und klammen Fingern beschäftigt, Erde aus Lenas Haaren zu kämmen. Den grauen Kasten, in dem wir uns befanden, kannte ich bereits. Es war einer jener Polizeitransporter, nur dass es diesmal leider ein echter war.

„Wir haben es wenigstens versucht und, wie ich das sehe, haben wir ihnen auch ein gutes Rennen geliefert, für ein paar alte Hunde wie uns.“

Tom hatte bemerkt, dass ich wieder bei Bewusstsein war und mich resigniert umgesehen hatte. Ich hatte keine Ahnung, wie lange ich bewusstlos gewesen war, Lena schätzte jedenfalls, dass wir noch keine zwei Minuten im Transporter waren. Draußen waren die Schritte von Polizeidrohnen zu vernehmen, aber noch machte der Transporter keine Anstalten, abzufahren.

„Wenigstens sind wir wieder alle beisammen.“

Es war ein verzweifelter Griff nach dem Strohhalm, der mich zu solchen Sätzen trieb. Natürlich würde die Kabine abgehört werden, wieso also nicht den Verdacht sähen, wir wären vollzählig? Wenn sie die Anderen bis jetzt noch nicht hatten, dann würde es vielleicht auch dabei bleiben. Für einen Moment dachte ich, sie könnten ja überhaupt nicht wissen, mit wem wir denn überhaupt auf der Reise waren. Dann aber erinnerte ich mich an die Nachrichten, und wie darin unser ehemaliges Heim unterhalb des Restaurants präsentiert wurde. Inklusive aller persönlicher Gegenstände und Fotos. Die Behörden wussten viel zu genau, wer alles zur Gruppe gehörte. Dennoch hatte ich die Hoffnung, wenn ich nicht an sie denken würde, könnten meine Gedanken sie auch nicht verraten.

Marten und Marja hätten vielleicht noch eine Überraschung sein können, aber die Bäume waren ein zu schlechtes Versteck gewesen. Die beiden waren als erstes aufgefallen und festgenommen worden. Da hatten wir noch im Schlamm gelegen und gehofft, der Albtraum möge einfach an uns vorüberziehen. Natürlich hatten sie nichts verraten, aber das mussten sie auch überhaupt nicht. Man wusste auch so sehr gut, wonach man suchte.

Daher wunderte es mich umso mehr, dass sich der Wagen plötzlich doch in Bewegung setzte. Die Drohnen mussten über eine Stunde lang einen scheinbar leeren Acker beobachtet haben, nur um sich jetzt mit der Hälfte der Gruppe zufriedenzugeben? Gingen sie davon aus, dass wir uns aufgeteilt hatten? Hatten sie die Anderen erwischt und nur in einem anderen Transporter untergebracht? Hunderte Fragen schossen mir durch den Kopf, während wir über die unebenen Pisten rollten. Es blieb mehr als genug Zeit zum Nachdenken, oder um sich den Schlamm leidlich vom Körper zu kratzen.

Gefühlt stundenlang schlitterten wir über die schlecht befestigten Feldwege und Landstraßen. Hinter uns klang das Rumpeln weiterer Fahrzeuge. Immer wieder döste ich weg und schlief für kurze Zeit ein. Es war nicht mehr aufregend genug für mich, als dass meine Müdigkeit nicht ihren Tribut zollen wollte. Eine seltsam befriedigende Gleichgültigkeit machte sich in mir breit, wo ich doch eigentlich Angst hätte haben sollen. Angst war jedoch so ziemlich das Letzte, was ich fühlte. Was auch immer es was, es war viel mehr sortiert und friedlich.

Irgendwann wachte ich auf und bemerkte, dass das Fahrzeug ruhig auf einer asphaltierten Straße dahinfuhr. Es hatte uns Stunden, wenn man so wollte, sogar Tage gekostet, weit von der Stadt weg zu kommen. Einen Bruchteil dieser Zeit brauchte es, um diesen ganzen Erfolg zunichtezumachen und wieder direkt vor den Mauern angekommen zu sein. Vermutlich sollte es sich frustrierender anfühlen, als es für mich tatsächlich war. Was mich im Augenblick tatsächlich am meisten störte, war, dass die Bank zu unbequem zum Schlafen war.

Lena und Tom saßen aneinander gelehnt mir gegenüber. Es wäre genug Platz gewesen, als dass auch sie sich hätten ausstrecken können, aber sie hatten sich wohl dagegen entschieden. Lena war ein Mensch, der nicht gerne lag. Zeitweise hatte sie nicht einmal in ihrem Zimmer geschlafen, sondern auf den Sesseln im Wohnzimmer. Dabei hatte sie sogar einen bequemen Ohrensessel in ihrer Kammer stehen gehabt. Doch genauso liebte sie das Kaminfeuer, welches so häufig bei uns gebrannt hatte.

Hier gab es weder Sessel noch Kaminfeuer. Aber es war warm genug gewesen, als dass die Erde in meiner Kleidung getrocknet war. Bei jeder Bewegung knackte und staubte es. Lena und Tom hatten das bereits hinter sich. Ihre Kleidung war nicht sauber, aber die meiste Erde bildete einen ansehnlichen Haufen unterhalb ihrer Bank.

Durch die solide Wand des Transporters drangen die ersten Geräusche der Stadt. Beinahe hätte ich damit gerechnet, dass wir zu irgendeiner zwielichtigen, vielleicht sogar geheimen Anlage außerhalb gebracht werden würden, aber wie es schien, steuerten wir tatsächlich das Polizeipräsidium an, direkt im Zentrum. Waren wir etwa doch nicht völlig vogelfrei?

Genau genommen mochte vogelfrei das genaue Gegenteil von dem gewesen sein, was wir waren. Als die Türen des Transporters sich schlussendlich öffneten, folgten lange kalte Gänge aus nacktem Beton und kleine Räume ohne Fenster oder irgendeine Alblenkung. Nüchterne Edelstahlstühle und -tische, eventuell eine Kamera unter der Decke, Türen aus Stahl, die einem Nashorn in vollem Galopp standgehalten hätten, wenn es denn überhaupt in den engen Flur gepasst hätte. Finstere Gesichter, die uns anstarrten und immer wieder die gleichen Fragen stellten, von denen sie wussten, dass wir sie nicht beantworten konnten.

Von wem hatten wir den Sprengstoff erhalten? Wer waren die Komplizen? Wo waren die Hintermänner? Was war die Motivation? Solche Fragen, Kombinationen oder Abwandlungen davon, vermutlich, um uns mürbe zu machen und uns „den Ernst unserer Lage“ zu verdeutlichen. Es war entsetzlich langweilig und nicht das geringste Bisschen einschüchternd. Vielleicht hatten sie bei Marja oder Marten Erfolg, aber selbst wenn, die beiden waren erst zu uns gestoßen, als eh alles zu spät war. Für die Ermittler waren sie absolut wertlos. Tom konnte zeigen, was wirklich in ihm steckte und Lena konnte so oder so immer noch sagen, sie habe überhaupt nichts gesehen und wisse also von nichts.

Was sie genau gefragt wurden und was sie antworteten, wusste ich nicht. Selbstverständlich wurden wir schließlich getrennt befragt. Ich ging aber davon aus, dass auch sie große Zugeständnisse versprochen bekamen, wenn sie uns andere verrieten. Wieso führten sie diese Scharade überhaupt noch fort? Das war doch überhaupt nicht der Grund, weswegen wir hier waren. Wussten sie das wirklich nicht? War der Polizeiapparat in dieser Stadt wirklich dermaßen inkompetent, dass ihnen das Offensichtlichste entgangen war? Das sollte ich niemals herausbekommen.

Es dauerte eine ganze Weile, und in der Zwischenzeit verloren unsere Beamten reichlich Geduld und Nerven, bis das Klischee an die Tür klopfte und übernahm. Und meine Güte hatte es sich Mühe gegeben, auch wirklich dem Klischee gerecht zu werden.

„Gehen Sie sich einen Kaffee holen, wir übernehmen ab hier. Vielen Dank für ihre Hilfe.“

Die emotionslose Stimme gehörte zu einem ebenso emotionslosen blassen Gesicht, das zum großen Teil von einer geradezu lächerlich großen Sonnenbrille verdeckt war. Schwarze Haare, kurz rasiert und mit reichlich Gel glatt nach hinten gekämmt. Ein hochgeschlossener schwarzer Anzug mit lediglich einem weißen Rand, welcher der Länge nach vom Kragen aus über die Brust hinab führte und die Knopfleiste verdeckte. Keine Kennungen, keine Rangabzeichen, nur ein kurzer Blick auf ein ebenfalls schwarzes Hemd, als er widerwillig einen für mich unsichtbaren Ausweis aus der Innentasche zog, als danach verlangt wurde.

Ich konnte mir nicht vorstellen, was im Gehirn der Orakelwache vorging, als er dem Beamten nachsah, der mürrisch den Raum verließ. Vermutlich war er es nicht einmal gewohnt, sich ausweisen zu müssen. Niemand zweifelte eine Orakelwache an und niemand würde jemals so dreist sein, sich fälschlich als eine solche auszugeben. Sie waren der nicht nur der Arm des Gesetzes, sondern rechte und linke Hand gleich mit. Die persönliche Exekutive des Orakels, Gegenstand von zahlreichen Filmen, Geschichten und auch Legenden. Und sie hatten die Macht. Nicht irgendeine Macht oder die Macht, dieses oder jenes zu tun, nein. Die Macht! Sie hatten sich einzig und allein dem Orakel zu verantworten. Für ihre Aufgaben hatten sie absolut freie Hand.

Und eben diese Orakelwache stand auf einmal hier vor mir im Verhörzimmer. Vor mir, einem Untoten, der vor einem Jahr aus einem völlig unaufgeregten und durchschnittlichen Leben in ein Leben nach dem Tod übergegangen war, das in erster Linie aus Verstecken bestanden hatte. Drei Greise und zwei Mitgefangene waren den Besuch der Orakelwache bei der Polizei wert. Entweder ihnen war schrecklich langweilig oder hier wartete doch noch etwas Interessantes auf uns.

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Hörsaalgetuschel – Ausgabe 124.

Abgabefristen

Es war einer dieser Tage, an denen Flo sich selbst verfluchte und für seine grenzenlose Faulheit hasste. Dabei war „Tage“ bereits seit acht Stunden gelogen, wie der Blick auf die Uhr unbarmherzig offenbarte. Drei Uhr nachts war bereits vergangen und er saß immer noch am Schreibtisch und versuchte irgendwie sein Semester zu retten. Die Abgabefristen rollten heran und er hatte andere Dinge für wichtiger befunden, als die Arbeiten für die Uni zu schreiben.
Wieso hätte er das auch tun sollen? Seine Wohnung schön wohnlich und gemütlich zu gestalten brachte wenigstens Fortschritte. Hausarbeiten wurden im Idealfall einmal flüchtig gelesen und landeten dann in irgendeiner Schublade, um nie wieder angesehen zu werden. Weniges war so sinnlos, wie Hausarbeiten zu schreiben und abzugeben. Er hatte das Konzept noch nie verstanden und das würde er wohl auch nie. Wenn er ehrlich war, dann wollte er das auch nicht einmal.
Aus der Ferne, irgendwo vor dem Fenster, hallte das Rumpeln eines Güterzuges hinüber. Seine Musik war schon lange aus, er hatte es sogar bemerkt, aber beschlossen, es dabei zu belassen. Es war schon schlimm genug, dass der Stuhl bei jeder Bewegung laut knarzte. Es war wohl sein Glück, dass Kristina so einen tiefen Schlaf hatte, sonst würde er wohl seines Lebens nicht mehr froh werden. Und sie auch nicht.
Gehetzt überflog er Paper und Abstracts, immer auf der Suche nach nur einigen Stichworten, die er, zu halbwegs stimmigen Sätzen verarbeitet, in seine Arbeit einfließen lassen konnte. Das Internet bot im Grunde das gesamte Wissen der Menschheit, lieferte es freihaus an den heimischen Schreibtisch. Nur in dieser Masse das Richtige zu finden war alles andere als leicht. Er erinnerte sich noch an eine Vorlesung vor zwei Semestern, in der das Thema seiner Arbeit in Teilen sogar besprochen wurde. Die spannenden Teile tauchten nur in der zugehörigen Literatur nicht mehr auf. Dafür hatte er eine Dissertation gefunden, welche in einem Nebensatz darauf einging. Ein fünffaches Hoch auf die Suchfunktion für digitale Texte. Die betreffende Arbeit hatte nur einen Schönheitsfehler. Sie war älter als er selbst und damit eine Quelle, die nur sehr ungern gesehen war.
Unter seiner Schädeldecke lief sein inneres Ich Amok. Aus voller Lunge brüllend rannte es von Ohr zu Ohr, sprang gegen die Augen und stampfte in den Nacken. Bilder von grellen Explosionen und spritzende Fetzen einer namenlosen organischen Masse breiteten sich aus. Das Verlangen machte sich breit, den Kopf mit aller Kraft gegen die Betonwand zu schlagen. Von außen war davon nichts zu erkennen und manches Mal fragte Flo sich, ob ihn das nicht dazu qualifizierte, ein sehr sehr gestörter Mensch zu sein. Gesund oder normal konnte das jedenfalls nicht sein.
Inzwischen war es kurz vor vier, ohne, dass er die Zeit bemerkt hätte. Selbst wenn die Erschöpfung seinen Geist verworren machte, er war regelrecht hysterisch aufgekratzt. In nicht einmal zwei Stunden würde Kristina aufwachen und zur Arbeit gehen müssen. Wenn er bis dahin eingeschlafen sein wollte, dann würde er wohl jetzt dringend ins Bett gehen müssen. Er speicherte und lies ansonsten einfach alles offen. Solange der Laptop am Strom hing, war es kein Problem, ihn einfach in den Ruhemodus zu schicken. Dann könnte er auch morgen gleich weiter machen in der Hoffnung, nicht doch noch seinen Kopf an der Wand zerschellen zu lassen.

Schwarzes Moor

Drabble Parade

Das nächste Lauffeuer lief durch WordPress und diesmal bestand es aus der Drabble Parader, welche Tuschenputtel gestartet hat. Bei mir ist es dank des Beitrags von Jette angekommen. Vielen Dank dafür!

Ein Drabble besteht aus exakt 100 Worten, was den besonderen Reiz und die Herausforderung stellt. Gegeben sind für die Parade jeweils drei Wörter, die im Text verbaut sein müssen. Hier waren es Biene, Hoffnung und Luft

Ich habe letztens einen Test gemacht, der mir sagen sollte, in welchen Bereichen meine Stärken liegen. Daraus sollte dann der perfekte Job abgeleitet werden. Das Ergebnis: Ich bin wissenschaftlich analytisch, nur ein kleines Bisschen kreativ und so gut wie überhaupt nicht sozial begabt. Du kannst ja mal dieses Drabble hier als Leitfaden nehmen und mir sagen, ob du dem Ergebnis vom Test zustimmst.

Warmes Sonnenlicht wärmt die summenden Flügel der Biene. Voller Hoffnung saust sie durch die schwüle Luft über der Wiese, immer auf der Suche nach neuen frischen Blüten, voll mit süßem Nektar und leckeren Pollen. Die zahllosen anderen Arbeiterinnen aus ihrem Stock begleiten sie auf dieser Reise. Es waren die ersten warmen Tage nach einem langen kargen Winter und die Waben waren leer. Neues Futter musste herbeigeschafft werden, auch um die kommende Generation ins Leben zu bringen. Warmer Wind weht süße Düfte durch die Luft, wie leuchtende Wegweiser, unwiderstehlich für die emsigen Bienen denn die Blumen brauchen die Insekten ebenso nötig.

Zum Abschluss sollen drei neue Begriffe gewählt werden und andere Blogs nominiert werden. Üblicherweise würde ich sagen, wer den Wunsch verspürt, der möge sich gerne beteiligen aber diesmal ringe ich mich tatsächlich mal zu handfesten Nominierungen durch. Die Begriffe: Raumschiff, Wärme, Bademantel.

Klabauterfrau

Luna

Missy

Ich würde mich freuen, wenn ich von Euch etwas zu diesen drei Worten lesen würde, auch wenn es nicht zwingend ins Portfolio passt 🙂

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Exitus XI

Ein leises Zischen veranlasste mich dazu, dennoch die Augen zu öffnen. Ich hatte bereits bemerkt, dass der Boden angefangen hatte zu vibrieren, und das Brummen der Feldmaschine lauter geworden war. Wir waren etwa in ihrer Fahrtrichtung losgegangen, mit etwas Glück würde sie also so an uns vorbei kommen, dass wir uns Jay und Tom anschließen, und in ihrem Schutz zum Feldrand gelangen konnten.

Das leise Zischen stammte von Tom, der hektisch aber unauffällig versuchte, unsere Aufmerksamkeit zu erlangen. Ich sah ziemlich schnell, was der Grund für seine Aufregung war. Der Feldroboter fuhr nicht in der Richtung, die ich in Erinnerung hatte, sondern direkt auf uns zu. Ich versuchte Mimir zu erspähen und fand ihn mit offenen Augen aber ruhig in seine Ackerfurche gepresst daliegen. Jay sah kurz von einem kleinen Terminal auf, welches er am Roboter gefunden hatte, spähte zwischen den Ketten hindurch, bedeutete uns, ruhig und flach liegen zu bleiben und zog dann auch Tom auf den Boden.

Rote Laserstrahlen der Messraster schossen über das Feld hinweg. Wir waren bemerkt worden. Ob als bestätigtes Signal oder nur als Messinterferenz, das konnte ich nicht sagen. Wieder und wieder krochen die Messungen über das Feld, verharrten mal hier, mal dort länger. Und währenddessen kam der Feldroboter immer näher und näher. Wären wir aufgestanden, wären wir entdeckt worden. Blieben wir liegen, rollte die Maschine über uns hinweg und tat mit uns, was sie nun einmal mit dem Acker tat. Ich wusste es nicht und wollte es auch eigentlich überhaupt nicht herausfinden.

Zwischen das Rumpeln der Ketten und den Geräuschen aus dem Inneren der Maschine mischte sich ein dumpfes, rhythmisches Schlagen. Meine Fantasie malte Bilder von Dolchen und Säbeln, welche die Erde zerschlugen und umwühlten. Mit jedem Schlag wollte ich weniger wissen, was da auf uns zukam, es erschien mir so oder so wie der sichere Tod. Um es heraus zu bekommen, hätte ich den Kopf heben müssen, bis auf die Ebene, wo ich in das Messraster hinein geragt hätte.

Das Sirren einer Drohne zog über uns hinweg, ein aufgeschreckter Hase schoss quer an uns vorbei, ehe er genau wie wir in einer Ackerfurche Deckung suchte. Ich sah ihm mit wachsender Verzweiflung nach und fragte mich, wie um alles in der Welt wir mit einem so kleinen Tier verwechselt werden sollten. Das wäre sicherlich unsere Rettung gewesen, aber wohl so wahrscheinlich wie ein Sonnenaufgang zu Mitternacht. Das Letzte, was ich von Jay sah, war sein beruhigendes Nicken und eine Geste, die unmissverständlich deutlich machte, wir mögen schön flach liegen bleiben. Dann verschwand er im Sichtschatten der Maschine.

Thump, thump, thump…

Das Hämmern der Maschine war inzwischen bei mir angelangt. Es kostete mich allen Mut, die Augen zu öffnen, und mich danach umzusehen. Das Messraster der Polizei konnte den Kettenschutz der Maschine zum Glück nicht durchdringen, sodass wir halbwegs sicher waren.

Thumprr, thumprr, thumprr…

Da war es. Blitzende, spitze Metalllanzen, welche aus dem Bauch der Maschine geschossen kamen, sich tief in den Boden bohrten und dann wieder zurückzogen.

Thumprrrz, thumprrrz, thumprrrz…

An den Spitzen der Lanzen waren kleine Öffnungen zu sehen. Die Art, wie sich der Boden hier bewegte, legte nahe, dass sie irgendetwas in den Boden injizierten. Aber was viel wichtiger war, war für mich, wo sie es taten.

Thumprrrz, thumprrrz, thumprrrz…

Zuverlässig trafen die Lanzen immer den Kamm der aufgeschütteten Erde. Links und rechts von meinen Füßen schlugen sie ein, brachten den Untergrund zum Beben, wanderten dann einen halben Meter weiter hinauf.

Thumprrrz, thumprrrz, thumprrrz…

In der Furche nebenan konnte ich sehen, wie Mimir sich auf den Bauch gedreht hatte. Sein Rücken schien nur noch aus Erde zu bestehen und ragte nur so gerade eben nicht hervor. Aber er brachte mich damit auf eine Idee. Ich suchte die Unterseite der Maschine ab und fand, wonach ich suchte. Ein Träger spannte sich der Breite nach unter dem Roboter entlang. Ich streckte die Hand danach aus und griff zu. Auch wenn ich mich etwas strecken musste, ich erreichte ihn. Das scharfe Metall schnitt sich in meine aufgeweichten Handflächen, kleine Steinchen scheuerten rau, als sich die Spannung aufbaute.

Thumprrrz, thumprrrz, thumprrrz…

Langsam aber stetig zog mich die Feldmaschine nun mit sich mit. Mit der freien Hand hatte ich Lena am Kragen gegriffen und so wurden wir von der Maschine in Richtung Feldrand gezogen. Mimir in der Furche nebenan robbte ebenfalls langsam mit der Maschine mit. Endlos lange Minuten ging das so, während draußen immer noch das Sirren der Drohnen zu hören war und das Flackern ihre Messungen leuchtete.

Thumprrrz, thumprrrz, thumprrrz…

Ich konnte nicht sagen, wie die Anderen es geschafft hatten, dem Suchraster zu entgehen, aber offenbar hatten sie genau das geschafft. Die Dämmerung war bereits in eine nur vom Mond erhellte Dunkelheit übergegangen. Wir ließen uns wieder in die Furchen zurücksinken, als die Maschine sich dem Ende ihrer Bahn genähert hatte. Es war noch kein Grund zur Entwarnung, immerhin hatten wir noch keine Reifengeräusche hören können. Andererseits, die Feldmaschine war reichlich laut, es war gut möglich, dass wir es einfach überhört hatten. Dennoch konnte es sich lohnen, auf Nummer sicher zu gehen.

Es hatte aufgehört zu regnen. Als der Roboter zum Wenden angesetzt hatte, waren Tom und Jay ebenfalls in Mulden verschwunden. Hier lagen wir nun, und niemand traute sich, auch nur zu laut zu atmen. Helle Sterne und ein Halbmond lächelten auf uns herab und ihr kaltes Licht schien uns regelrecht zu verhöhnen. Die schwärzeste Finsternis wäre uns lieber gewesen, als dieser silberne Schimmer. Es hätte uns zwar nichts geholfen, denn Infrarotaugen und Restlichtverstärker funktionierten so oder so noch, aber wir hätten uns wenigstens sicherer fühlen können.

Irgendwo in der Ferne rief eine Eule, kleine Tiere raschelten in den Hecken nur wenige Meter von uns entfernt. Irgendwo dort mussten sich auch die anderen verstecken, zu sehen war aber niemand. War das nun gut oder schlecht? Ich versuchte mir einzureden, dass es gut sei. Der Feldroboter war inzwischen wieder weit weg, Stille hatte sich über uns gelegt. Außer dem entfernten Rumpeln der Maschine war kein künstliches Geräusch zu vernehmen.

Wir lagen schon so lange hier, dass meine Schlammkruste inzwischen getrocknet und rissig war. Das änderte nur nichts daran, dass immer mehr Kälte in meine Knochen kroch und die Gelenke steif machte. Würde ich noch lange liegen bleiben, könnte ich mich nicht mehr bewegen. Ich beschloss also, das Risiko einzugehen und als Erster in Richtung der Hecken zu kriechen. Nichts deutete noch darauf hin, dass wir beobachtet wurden.

Sehr langsam und sehr vorsichtig robbte ich mich die Furche entlang bis zur Hecke. Die Bewegung war ein regelrechter Segen, aber dennoch wollte ich nichts riskieren. Erst als ich die Hecke erreicht hatte, sah ich mich etwas unschlüssig um. Sollte ich hineinkriechen, und Lärm riskieren, oder doch einfach liegen bleiben?

Tom nahm mir die Entscheidung ab. Er hatte mich beobachtet, so gut er es im dünnen Mondlicht konnte, und die Lage für sicher befunden. Auch er war sichtlich steif gefroren, als er sich aus seinem Versteck erhob, um Lena stützend unter die Arme zu greifen. Strauchelnd und mit unsicheren Schritten kamen sie auf meine Position zu. Ich stand auf, um ihnen zu helfen, doch kaum stand ich, bereute ich meinen Entschluss.

Als hätte jemand glühende Nägel in meine Augen geschlagen, brannte sich schmerzhaft grelles, weißes Licht auf die Netzhaut. Das ganze Feld war eine einzige weiße Fläche, ohne Konturen, ohne Ende und Anfang. Lena und Tom waren lediglich noch als weniger helle Schemen vor dieser weißen Wand zu sehen. Für mein Gehirn war das alles zu viel. Es gab die Kontrolle über meinen entkräfteten Körper auf und alles, was ich noch spürte, war, wie ich fiel, und vor dem Aufschlag gefangen wurde.

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Hörsaalgetuschel – Ausgabe 123.

Blumen

„Schatz, was ist in der Küche passiert?“

Mia hatte bereits mit dem Einwand gerechnet und wusste genau, was Erik meinte. Sie war noch nicht dazu gekommen, wieder alles sauber zu machen. Eigentlich wollte sie das geschafft haben, bevor Erik nach Hause gekommen war. Er war in letzter Zeit so reizbar und Schmutz in seiner Küche würde er nicht nachvollziehen können. Dabei hatte sie doch nur etwas Frühling in die Wohnung holen wollen, aber für so etwas hatte er noch weniger Verständnis. Er mochte es sauber und aufgeräumt und hatte keinen Sinn für Dekoration. Aber dies hier war ihre gemeinsame Wohnung, hier musste auch sie sich wohlfühlen und das würde er akzeptieren müssen.

„Das mach ich nachher noch sauber, ich bin noch nicht ganz fertig. Du bist früher als gedacht. Ist alles okay?“

Sie begrüßte ihn mit einem extra liebevollen Kuss, auch in der Hoffnung, damit die Wogen etwas glätten zu können. Erik sah sich stirnrunzelnd im Wohnzimmer um und fand auch spontan den Grund für die Verschmutzung in der Küche. Bunte Übertöpfe, aus denen die jungen Blüten von Narzissen und Hyazinthen steckten. Ihr schweres Aroma lag nur unterbewusst wahrnehmbar in der Luft. Für Mia war dies seit ihrer frühesten Kindheit ein Geruch, den sie untrennbar mit dem Wort „Frühling“ verknüpft hat. Wenn die Natur aus ihrem tiefen Schlaf erwacht, bunte Blüten auf Bäume, Sträucher und Wiesen zaubert und das Grün endlich wieder satter wird. Wenn man wieder überlegen darf, ob es die schwere Winterjacke sein muss, oder ob es nicht sogar komplett ohne geht. Wenn die Sonne nach dem langen, schattigen Winter, wieder mehr Kraft bekommt und den Duft der Blumen in ihren warmen Winden durch die offenen Fenster trägt.

Für Erik war es der Geruch von Blütenstaub auf der frisch gewaschenen Hose, braunen Flecken von herabgefallen Blütenblättern auf den hellen Sofakissen und faulenden Blütenstängeln. Blumen sollten nicht in der Wohnung stehen, wo sie in Vasen nur Schimmel ansetzen und vergehen. Sie gehörten auf Wiesen, in Wälder oder auch auf Balkone.

Doch ihre Wohnung hatte weder Garten noch Balkon. Er sah ihr in die Augen und sah, was darin passierte. Die Freude über das bessere Wetter. Das Verlangen, in die Sonne zu kommen. Er seufzte innerlich und rang sich etwas Geduld und eine Entscheidung ab. Wenigstens war sie vor vorausschauend gewesen, keine Schnittblumen zu holen, sondern lebendige, mit Wurzeln und Erde. Sie hatten eine Chance zu leben, und wenn alles nichts nützte, könnte man sie immer noch in den Park pflanzen.

„Blumen also. Das erklärt jedenfalls die Erde in der Spüle. Und ja, es ist alles okay. Wir haben nur etwas früher Schluss gemacht mit dem Referat. Krissi musste noch weg, sie hat spontan einen Babysitterjob bekommen. Und weil es auch so fertig geworden ist, dachte ich mir, ich komme doch einfach früher nach Hause.“

„Oh okay, du musst mir auch nicht beim Aufräumen helfen, ich mach das schon. Geht es Krissi denn gut? Sie hatte doch letztens noch so Stress.“

Ohne eine Antwort abzuwarten, huschte Mia los in die Küche, um sauber zu machen. Erik war sich nicht sicher, ob sie erwartete, dass er ihre Frage in den Raum hinein beantwortete oder mit kam. Er entschied sich dazu, erst einmal Jacke und Schuhe auszuziehen und sich für einen Moment auf dem Sofa niederzulassen. Etwas zögerlich musste er sich dann doch eingestehen, dass die Blumen im Sonnenlicht auf der Fensterbank doch gut aussahen.

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Momente IV

Schummrige Schreibtischlampe, klackernde Tastatur, raschelndes Papier, irgendwo darunter vibriert das Smartphone. Nur eine E-Mail, der Spambericht des Kontos, welcher immer kurz nach Mitternacht versendet wird. Blumenversandt, bei dem seit inzwischen fünf Jahren nichts mehr bestellt wurde, Werbung des Telefonanbieters und die üblichen Verdächtigen wie „heiße Frauen in Deiner Nachbarschaft“ und „jetzt alles noch länger!“

Auf dem Monitor Fachbücher, Paper und die Hausarbeit, die bis nächste Woche fertig geschrieben sein will. Die Literatur ist dafür eigentlich nutzlos, denn das meiste wird aus dem Kopf geschrieben, aber trotzdem muss zu jedem Fremdwort eine Quelle angegeben sein. Dezente Musik plätschert im Hintergrund, so leise, dass sie fast nur noch ein einheitliches Rauschen ist.

Vor dem Fenster ist es ruhig geworden. Eine sternlose Nacht, leichter Regen, längst ist kaum noch eine Menschenseele unterwegs. Stille, bis auf das entfernte Rauschen der Autobahn und gelegentlich dem Rumpeln der Güterzüge auf der Trasse hinter dem nächsten Häuserblock.

Und in diese Stille hinein singt eine Amsel. Mitten im Februar. Mitten in der Nacht. Ganz allein, im kahlen Baum unter der Straßenlaterne. Als würde für sie bereits die Sonne am Horizont stehen und den Frühling gleich mit sich bringen. Ein magischer Glanz geht von dem kleinen Wesen aus, das so ungeduldig den Sommer herbeiruft.

Dann biegt das Pizzataxi in die Straße ein und der Moment verliert seinen Zauber. Nur ein einsamer Vogel sitzt zwischen Ästen wie knochige Finger. Er ruft ein letztes mal, breitet die Schwingen aus und gleitet majestätisch fort.

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