Exitus VIII

„Ihr seid spät dran. Beeilung, einsteigen, ehe jemandem etwas auffallen kann.“
Mit diesen Worten wurden wir gegriffen und in den linken, tiefer im Schatten stehenden Wagen gezogen. Nur einen Atemzug später waren die Türen auch wieder geschlossen und wir saßen in der fensterlosen Kabine auf unbequemen Bänken an den Wänden. Es war eng hier drinnen und außer einer kleinen, rötlichen Deckenleuchte, gab es keine Lichtquelle. Es reichte für das Nötigste. Mit einem selbstzufriedenen Grinsen sah sich der alte Mann kurz um und nickte dann dem einzigen Maskierten zu, der bei uns saß. Dieser hatte nur auf sein Signal gewartet.
„Extraktion erfolgreich. Wir sind hier fertig!“
Er sprach leise in sein Funkgerät, woraufhin sich der Wagen in Bewegung setzte und rasant eine Route durch die Stadt fuhr, die keinem Ziel oder System zu folgen schien. Ich hatte längst aufgegeben, mich zurechtfinden zu wollen. Selbst Tom, der immer genau zu wissen schien, wann er wo war, sah nur noch frustriert aus. Niemand wagte es, auch nur laut zu atmen. Zahllose Kurven, Sirenen, heulende Motoren, quietschende Reifen und immer wieder aufgeregte Stimmen aus den Funkgeräten. Sirenen, welche nur Zentimeter von der Außenwand unseres Containers entfernt an uns vorbei schossen, aber doch nie anhielten, sondern leiser wurden.
Nach einer Weile kamen wir dennoch zum Stillstand und die Türen öffneten sich. Sie gaben den Blick frei auf das Innere einer größeren Halle ohne Fenster. Das große Tor war bereits wieder hinter uns geschlossen, vom zweiten Wagen weit und breit keine Spur zu sehen. Irgendwas sagte mir außerdem, dass wir uns nicht mehr in der Stadt befanden. Vielleicht waren es die Geräusche, vielleicht der Geruch oder die Spuren von schweren Reifen und der Dreck auf dem Boden. Wie spät war es? War es schon Mitternacht oder hatte sich die Zeit nur so lang angefühlt und es war erst zehn Uhr?
„Ich bin gespannt, was die Nachrichten inzwischen zu berichten haben.“ Mit einem albernen Kichern kletterte der Greis aus dem Transporter. „Kommt mit, wenn ihr neugierig seid. Oh, und danach kann ich vielleicht die ein oder andere Frage beantworten. Aber keine großen Hoffnungen, bitte. Das Meiste ist Geheimsache.“ Er zwinkerte ihnen keck zu, ignorierte Lenas ungehaltene Mine, und stapfte mit seinem leicht watschelnden Gang in Richtung einer unauffälligen Türe. Für ihn schien das alles ein einziges Spiel zu sein.
Wir folgten ihm und ich stellte fest, dass sich mein erster Verdacht bestätigte. Wir waren nicht mehr in der Stadt. Vor den Fenstern des Gebäudes herrschte eine einzige schwarze Nacht, lediglich am Horizont brachten die Lichter der Türme und Straßen den Horizont zum Glühen. Wir waren auf einem Bauernhof, hier würde uns wirklich niemand suchen. Es musste eine sehr alte Anlage sein, denn der Raum, den wir betraten, war kein Wartungsbüro, sondern tatsächlich ein Aufenthaltsraum für Menschen. Zu einer Zeit, als die Feldarbeit noch nicht rein robotisch erledigt worden war, hatten hier von Zeit zu Zeit Menschen gelebt, um die Maschinen zu überwachen und zu warten.
Der Greis hatte sich hier wohl gut eingerichtet. Ich konnte ausreichend Vorräte ausmachen, Feldbetten, eine kleine Küche, Waschmöglichkeiten und natürlich einen Bildschirm mit blechernem Ton. Letzterer stand in einer Schrankwand voller Bücher. Es war eine richtige Bibliothek, die hier zusammengetragen worden war.
„ … konnte die Möglichkeit nicht ausgeräumt werden, dass die Flüchtigen Hilfe aus Polizeikreisen erhalten haben.“ Die Uhrzeit in der Ecke zeigte kurz vor zwei Uhr nachts. Meine Zeitschätzung hatte gründlich daneben gelegen. „Unterdessen stellen die Ermittler noch immer Beweismaterial sicher. Das Personal des Restaurants über dem Versteck wurde unter dem Verdacht der Beihilfe ebenfalls in Gewahrsam genommen. Unser Reporter berichtet, die Terrorzelle habe möglicherweise eine illegale Bar betrieben.“
Die Polizeitransporter waren also wirklich auf dem Weg zu uns gewesen, als wir verschwunden waren. Sie hatten viel mehr gewusst, als wir hätten ahnen können. Auf dem Bildschirm war für einen Moment unser Wohnzimmer zu sehen gewesen, nun waren es unsere Schlafzimmer, Bad und Küche. Mit einer Mischung aus Faszination und Ekel berichtete der Moderator, wie geschickt wir uns inmitten unserer Opfer versteckt hatten und unsere perfiden Pläne ausgearbeitet haben mussten. Die Bilder von engen Freunden und Verwandten in unseren Zimmern wurden unzensiert abgefilmt und gesendet.
„Ja, wir hatten wirklich Glück. Das war sogar noch knapper, als ich erwartet hatte. Ihr habt die falschen Leute reichlich wütend gemacht, das allein verdient schon Anerkennung.“
„Womit haben wir sie denn wütend gemacht?“ Lena war anzusehen, dass sie eigentlich andere Fragen hatte. Solche, die unflätige Ausdrücke und kreative Beleidigungen beinhalteten, aber sie hatte sich für den diplomatischen Weg entschieden. Auch wenn es sie viel Energie kostete.
„Damit, dass ihr das Orakel vorgeführt habt. Eure reine Existenz ist der Punkt. Ich würde ja sagen, unsere reine Existenz, aber das trifft es nicht. Ihr seid registriert, ich nicht.“
„Faszinierend, damit wärst du der mit Abstand älteste hier. Seit über zweihundertfünfzig Jahren wird jeder vom Orakel erfasst. Oder bist du ein Wildling?“
„Vielleicht komme ich bald auf meine Dreihundert. Und Wildling? Welch eine grobe Bezeichnung, nicht wahr, Jay? Ich dachte bisher, ihr würdet ihn eher einen Freund nennen.“
Alle Augen richteten sich auf den Barkeeper, der peinlich berührt von einem Bein auf das andere trat und zerknirscht zu Boden sah. Offenbar hatte außer mir auch sonst niemand mit ihm über seine Herkunft geredet. Wir hatten ihn einfach als das akzeptiert, was er sein wollte, und umgekehrt genau so. In einem Punkt hatte der alte Mann aber falsch gelegen. Jay war nicht einfach ein Freund, er war Teil der Familie.
„Ihr guckt alle so erstaunt. Hat wirklich nie jemand von euch bemerkt, dass er kein Datum trägt? Was sagt man dazu. Unser guter Jay ist auf See geboren worden, zu einer Zeit, als das Orakel zwar schon alle Geburten erfassen wollte, aber noch vereinzelte blinde Flecken hatte. So konnte er sich der Kontrolle noch etwas entziehen, wofür ich seiner Mutter recht dankbar bin. Es hat vieles sehr vereinfacht.“
„Einer der mutmaßlichen Terroristen konnte inzwischen festgenommen werden, meldet die Polizei. Er war bei Verwandten versteckt gewesen, ein aufmerksamer Bürger lieferte den Behörden den entscheidenden Hinweis über den Aufenthaltsort. Der Verdächtige wird zur Stunde von den Ermittlern befragt. Er bestreite jeglichen Kontakt zu den anderen Verdächtigen, teilte ein Polizeisprecher mit.“
Betretenes Schweigen und unendlich viele stumme, unausgesprochene Fragen, verteilten sich im Raum, wie ein unangenehmer Geruch. Das laute Ticken einer antiken Uhr mischte sich in den leisen Monolog des Moderators, der sich wieder voll und ganz dem Fahndungserfolg widmete, den Unterschlupf der „Verräter und Terroristen“ ausfindig gemacht zu haben. Es war Lena, die als Erstes ihre Stimme wieder fand.
„Ich glaube, jeder von uns hat Phasen in seiner Vergangenheit, über die er nie gesprochen hat. Er hat es nie für nötig befunden, uns von seinem Datum zu erzählen, also haben wir nicht gefragt. Bei mir persönlich erübrigt sich die Frage sowieso. Nur, was ist mit dir? Deine Stimme habe ich schon einmal gehört, aber wenn ich mich richtig erinnere, dann vermisse ich noch eine weitere Stimme hier.“
„Welche Stimme vermisst du denn?“
Für die blinde Lena unsichtbar, trat ein alarmiertes Erstaunen in sein Gesicht, begleitet von sichtbarer Verwirrung. Ganz offensichtlich konnte er sich nicht mehr an Lena erinnern, und das brachte ihn ziemlich aus der Fassung.
„Du weißt genau, von wem ich spreche, Mimir. Und es ergibt irgendwo Sinn. Von ihm hätte ich das erwartet, aber von dir? Ich muss gestehen, ich bin etwas enttäuscht, dass du ihm bei einer solchen Aktion zur Hand gehst.“
Der Klang seines Namens hatte wie eine Ohrfeige gewirkt. Der Greis, Mimir, war schlagartig im Gesicht so weiß wie sein Haar, der Glanz war aus seinen Augen verschwunden, wie das Grinsen von seinen Lippen. Mit Entsetzen und Erkennen blickte er auf die winzige Gestalt der alten Frau vor ihm. Ich war mir nicht sicher, was eher eintreten würde. Dass er sich auf Lena stürzte, oder dass er einfach zusammenbrach. Seine Lippen bebten, als er zu einer kraftlosen Antwort ansetzte.
„Gunter. Du sprichst von Gunter Wyzim, meinem ehemaligen Schüler. Nun, ich habe keine Erinnerung mehr an dich, oder wieso du uns kennst, aber ich kann dich vielleicht etwas beruhigen. Hier draußen sollte er uns nicht finden. Und im Gegensatz zu dir habe ich ihn wohl unterschätzt. Das er so weit gehen würde, Menschen zu gefährden, nur um Überlebende zu fangen, hätte ich nicht erwartet.“
„Nun, was hättest du denn erwartet? Was will er von uns, dass er einen solchen Aufwand betreibt? Wieso?“
„Er will den Fehler finden, um ihn zu kopieren. Er will selbst unsterblich werden. Darum sucht er fanatisch nach jedem Überlebenden, den er finden kann, und nimmt ihn Stück für Stück auseinander. Es hat angefangen, als seine Frau vor ihrem Datum gestorben ist. Das war für ihn der Beweis, dass sich das Orakel irren kann. Damals hat er angefangen, alle möglichen Legenden und Geschichten über Überlebende zu sammeln und auszuwerten. Als er darüber eine Arbeit verfasste, hat das Orakel ihn inhaftiert. Es stellte sich aber wohl heraus, dass er bereits viel wusste und dem Orakel selbst daran gelegen war, die Schwachstelle zu erforschen. Das war alles schon, nachdem er mein Schüler war, darum weiß ich wenig Genaues. Aber offenbar hatten sie Erfolg dabei, ihn schweigsam aber effektiv zu machen. Seine Abteilung entpuppte sich als Karrieresprungbrett, aber ich wüsste von niemandem, der gerne dort gearbeitet hätte. Und jetzt sucht er nach uns.“
„Er hatte viele Jahre Zeit dazu, wieso jetzt? Was hat ihn aufgeschreckt?“
„Auch er wird alt. Es bleibt ihm nicht mehr viel Zeit. Und er hatte vorher keine Spur. Es war wohl nur ein Zufall, dass eine seiner Assistentinnen mit einem Entsorger verheiratet ist. Als dieser erstaunt über einen Todesfall ohne Leiche redete, wurde sie hellhörig und hat sich Bonuspunkte für eine Beförderung sichern wollen. Du bist am Morgen nach deinem Tod auf Überwachungskameras aufgetaucht. Niemand hätte wohl in einer solchen Situation daran gedacht, aber das war wohl der Stein, der die Sache ins Rollen brachte.“
Die letzten Worte waren direkt an mich gerichtet, und sollten wohl so etwas wie Trost spenden. Was mich betraf, verfehlten sie ihre Wirkung grandios. Das war die Gewissheit, dass es meine Schuld war. Ich hatte unwissentlich nicht nur das Leben meiner kleinen Gruppe zerstört, sondern offenbar noch weiterer Untoter, von denen wir nicht einmal gewusst hatten. Nur Lena schien noch zu zweifeln.
„Für jemanden, der seit wenigstens hundert Jahren tot sein sollte, wie ich höre, bist du ganz schön gut informiert, was die aktuellen Geschehnisse angeht. Erzähl mir, wie kommt es dazu?“
Ein trockenes, humorloses Lachen entsprang der Kehle des alten Mannes, ohne dass seine Augen sich daran beteiligt hätten.
„Meine Liebe, wer so lange überlebt wie wir, der hat dies zahlreichen Freunden und Informanten zu verdanken. Möglicherweise haben wir noch vor Kurzem mit den gleichen Leuten gesprochen, ohne es zu ahnen. Außerdem ist es einfacher, ein Leben zu fälschen, wenn man nirgendwo als verstorben registriert ist. So lange, wie mein Ruhestand schon andauert, ist er nicht nur sehr langweilig, sondern auch teuer. Auch ein Überlebender muss essen. Gunter hatte keine Ahnung, dass ich damals unter falschem Namen gelehrt habe. Wüsste er es, wäre ich vermutlich lange tot. Es ist sehr wichtig, immer seine Ohren an den wichtigen Stellen zu haben. Stimmst du mir da nicht zu?“
Und wie sie das tat. Wir konnten zwar nicht erklären, wieso Doktor Wyzim derart verzweifelt die Unsterblichkeit erlangen wollte, aber es erschien uns auch nebensächlich. Tatsache war, er wollte uns finden und sehr wahrscheinlich sezieren. Wir waren Untote, Überlebende, Mutanten, wenn man so will, aber wir waren sicherlich nicht unsterblich. Wenn er uns fand, dann war es beinahe garantiert, dass wir sterben würden.

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