Hörsaalgetuschel – Ausgabe 121.

Nicht Du

„Ich schätze, deine Freundin ist nicht glücklich, dass wir uns treffen?“

„Ich habe Mia nur gesagt, dass ich mich mit Freunden treffe. Dich zähle ich dazu, also ist es nicht gelogen. Außerdem klang es so, als könntest du jemandem zum Reden brauchen. Was ist passiert?“

Tina saß Erik gegenüber im Café am Markt und gab sich betont entspannt und lässig. Ihr Mund lächelte zufrieden, ihre Augen aber machten nicht so ganz mit. So sehr sie auch immer wieder versucht hatte, Leute zu manipulieren, sie hatte es doch nie so wirklich gelernt. Erik hielt eine heiße Tasse Kakao umschlossen und beobachtete sie neugierig. Immerhin hatte sie nachgefragt, ob er Zeit hatte.

„Nichts ist passiert. Wieso soll etwas passiert sein? Darf ich nicht einfach Zeit mit meinen Freunden verbringen wollen?“

„Natürlich darfst du. Solange meine Freundin nicht am Ende einen von uns beiden umbringt.“

„Du kannst sie ja versuchen, mit Marco etwas zu beruhigen. Vielleicht hilft das.“

„Marco? Was hat der denn damit zu tun?“

„Na ich bin mit ihm zusammen, hatte ich dir das nicht erzählt?“

„Bisher nicht. Herzlichen Glückwunsch dann. Seit wann denn?“

Erik war ernsthaft überrascht. Tina und Marco hätte er sich nie als Paar vorstellen können. Dafür waren beide einfach zu verschieden, in allen Belangen.

„Noch nicht so lange. Etwas mehr als ein Monat wird es wohl sein, so genau weiß ich es nicht einmal.“ Tinas Gesichtsausdruck und die gespielte Gleichgültigkeit verrieten mehr, als sie wohl hätte ahnen können. Gleichgültigkeit war ihre ureigene Art, mit Verletzungen umzugehen. Sie versuchte es zu überspielen, herunterzuspielen oder einfach zu ignorieren, aber sie stellte sich dem nie. Jedenfalls nicht so, dass Erik es je mitbekommen hätte. Aber er bekam sehr wohl mit, dass sie geknickt war und es nicht zeigen konnte. Er fragte nach und sie begann zunächst auf ihrer Lippe zu kauen, bis der unangemessen verführerische Lippenstift fast verschwunden war.

„Ich weiß es nicht genau, aber irgendwas ist da. Irgendwas muss da sein. Ich meine, wir sind jetzt zwar noch echt nicht lange zusammen, aber rate mal, wie oft wir uns in der Zeit gesehen haben? Einmal pro Woche für jeweils zwei bis drei Stunden. Er hat so viel zu tun, sagt er. Seine Arbeit, dann muss er hier noch eine Hausarbeit schreiben und hat da seinen Freunden Zeit versprochen und Fitti ist dann auch noch. Und ich bekomme nicht einmal einen Kuss, solange wir nicht ganz privat sind.“

„Klingt nach einer traumhaften Beziehung“

Erik konnte sich ein wenig Sarkasmus nicht verkneifen. Beziehungen waren immer Arbeit und Kompromiss, anders kannte er es nicht. Aber das setzte auf beiden Seiten auch die Bereitschaft voraus, sich zusammenzusetzen und den Kompromiss zu suchen, oder besser noch, zu finden. Er konnte nicht sagen, inwiefern Tina die Bereitschaft zeigte, aber nach allem, was sie erzählte, kam auch von der anderen Seite kein Signal in dieser Richtung. Damit war diese Beziehung zum Scheitern verurteilt. Das wusste er und das wusste auch Tina. Sie schien sich nur nicht wirklich daran zu stören.

„Wieso bist du mit ihm zusammen?“

„Wie meinst du das?“

„Du klingst nicht so, als würde dich das alles wirklich aufregen. Eher so, als wäre es dir etwas gleichgültig. Bist du mit ihm zusammen, weil du ihn liebst, oder weil er halt gerade da war?“

Die Frage schien genau den wunden Punkt getroffen zu haben. Sie war nachdenklich, unangenehm berührt aber nicht einmal wirklich sauer. Eher noch zerknirscht.

„Ich mag ihn natürlich, das ist nicht der Punkt. Aber Liebe geht wohl auch anders. Ich wollte uns halt die Chance geben, aber es fühlt sich einfach komisch an. Nicht richtig. Klar, es ist besser als nichts, aber er ist halt nicht … nun, Du!“

Über ihren Kaffee hinweg zwinkerte sie ihn keck an. Sie versuchte es als albernen Scherz zu verkaufen, aber alles an ihr schrie, dass es ihr Herz gewesen war. Erik bereute unterdessen, dem Treffen zugestimmt zu haben. Sie zwang ihn nur erneut, sie zu verletzen. Die einzige Alternative wäre, sich gegen Mia zu entscheiden. Zwei Jahre hatte er gekämpft und nun hatte sie endlich den Punkt erreicht, wo sie ihm gegenüber ebenfalls kompromissbereit war. Nein, Mia aufgeben war wirklich keine Option.

Steinwand in Steinwand

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12 Gedanken zu „Hörsaalgetuschel – Ausgabe 121.

  1. Simmis Mama

    Sie ist hartnäckig 🙂 das gefällt mir. Na ja, sie erneut verletzen würde ich es nicht nennen. Eigentlich finde ich es mutig von ihr. Je mehr man sich dem Liebeskummer stellt desto besser kann man ihn verarbeiten. Und man braucht sich nicht vorwerfen man habe nicht alles versucht. Wobei eigentlich eh alles klar ist. Ach keine Ahnung 😀

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    1. dergrafvonborg Autor

      Und außerdem hat sie sich ja da ihren Tröster geangelt, auch wenn das wohl wirklich nur ist, um irgendwen zu haben… Klar abgesteckt sind die Fronten in dieser Beziehung ja sowieso. Mehr oder weniger… Willkommen zurück übrigens 🙂 hab dich schon vermisst

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      1. Simmis Mama

        Du warst wieder nicht in meinem Reader 😉 und mein Browser stürzt ja immer ab.
        Ich kann nicht anders. Sie wird mir langsam sympathisch :(. Merken solche Mädels den nicht dass sie in der Zeit die sie für trösterchen und sinnlosen weil zu langen Liebeskummer auch ihren Traummann finden könnten oder sonst etwas produktives tun? Ich weiß schon, sie merken es nicht. 😦

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      2. Simmis Mama

        Leider immer noch :-(((( HarzIV droht täglich und der prof will mich für dumm verkaufen. Ich traue angeblich nur für die Wirtschaft. Die allerdings will mich nicht haben. Ich vermisse meinen Blog. Sehr blöd, dass ich ihn gerade aus strategischen gründen auf privat stellen muss.

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      3. dergrafvonborg Autor

        Eine verständliche Entscheidung. Ich drücke die Daumen, dass es dennoch alles gut ausgeht. Das Vertrauensverhältnis zwischen Arbeitgeber und -nehmer scheint dennoch recht belastet zu sein. Blöde Sache so

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  2. Pingback: Inhaltsverzeichnis (in Arbeit) | des Grafen Lesestunde

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