Exitus IX

Es dauerte zwei Tage, bis Jay sich traute, in die Stadt zurückzufahren, um sich einen Überblick zu verschaffen. Seine Bar war, wie zu erwarten gewesen war, von der Polizei versiegelt und unter Beobachtung gestellt, ebenso das Restaurant. Was aber weniger offensichtlich war, als Flatterband und Polizeidrohnen an jeder Straßenecke, war die Stimmung.
Die zwei Tage hatten ausgereicht, um die ganze Geräuschkulisse zu verändern. Man hörte kein Lachen mehr, keine lauten, sorglosen Unterhaltungen. Selbst die Spielplätze waren wie leer gefegt, kaum jemand traute sich in die Parks. Obwohl blendendes Wetter herrschte, huschten die Menschen nur eilig von einem Ziel zum nächsten. Niemand nahm sich die Zeit, sich umzusehen oder gar das Wetter zu genießen. Die meisten wirkten missmutig und grimmig, beäugten sich gegenseitig voller Misstrauen und permanent lauernd. Besonders alte Leute wurden ganz offen gemieden.
Die Praxis von Martens Arzt war inzwischen ebenfalls komplett geschlossen und versiegelt. Es mochten getrennte Operationen gewesen sein, aber sie spielten sich gegenseitig perfekt in die Hände. Getuschel hinter vorgehaltenen Händen, ängstliche Blicke über die Schulter, hastiges Weiterlaufen, bloß nicht auffallen. Das waren die Unterhaltungen, die er beobachten konnte. Und über allem kreisten die Luftüberwacher der Polizei, versuchten in jedes Gesicht zu sehen.
Wir hatten die Tage fast ununterbrochen die Nachrichten verfolgt, wer gesucht wurde, wer gefasst war, wer mit wem in Verbindung gebracht werden konnte. Mimir hatte prophezeit, dass Jay nicht auf den Fahndungsbildern auftauchen würde, und er hatte recht behalten. Offenbar hatte er die ganze Zeit gelebt, ohne dass irgendjemand eine Akte über ihn angelegt hätte. Er lebte, aber existierte nicht. Das hatte den Vorteil, dass die Polizei ihn nicht identifizieren konnte. Gleichzeitig war das der Nachteil. Im Falle einer Kontrolle musste er auf eine gefälschte Identität zurückgreifen und hoffen, dass die Drohnen zu ungenau arbeiteten.
Wir anderen hingegen taten sehr gut daran, uns versteckt zu halten. Mimir war zwar nicht unter den Verdächtigen aufgetaucht, aber Jay berichtete, dass alte Leute mit einer gewissen Systematik überprüft wurden und wenn Mimir eines war, dann (für jedermann klar sichtbar) alt. Das Risiko konnten sie nicht eingehen.
Marten und Marja hatten die zwei Tage ebenfalls genutzt. Voller Zorn hatte Marten ein Flugblatt entworfen und mit Marjas Hilfe abgerundet. Es sollte darüber aufklären, was passiert war, was die Regierung offenbar inszeniert hatte. Sie hatten die Idee, Jay könne den Entwurf in der Stadt an eine Druckerei geben. In ihrer Wut hatten beide nicht bedacht, dass er sich damit offen zu den „Verrätern“ bekennen würde und damit so viel Aufmerksamkeit, wie nur eben möglich, auf sich ziehen würde.
Stattdessen entschieden sie sich am Ende für die digitale Variante, und verschickten das Flugblatt an alle Maillisten, derer sie habhaft werden konnten, und verbreiteten es in allen Netzwerken, zu denen sie Zugang hatten. Wurde es gelöscht, versuchten sie es einfach ein weiteres mal, unnachgiebig und mit viel Geduld. Es musste nicht für immer da sein, es sollte nur die Saat des Zweifels an der offiziellen Berichterstattung in den Köpfen ausbringen.
Als Jay noch am gleichen Abend wieder zurückkam, saßen wir lange beisammen, und diskutierten unsere nächsten Schritte. So sehr es uns auch schmerzte, wir waren uns einig, dass wir nicht mehr zurück konnten. Nach allem, was passiert war, war diese Stadt für uns verbrannte Erde. Wenn wir nicht dauerhaft in diesem mehr als einfachen Unterschlupf ausharren wollten, dann blieb uns nur noch auszuwandern, die Flucht.
Was lediglich die Frage nach dem Ziel aufwarf. Der Norden war komplett vom Orakel dominiert, dort würden wir nicht sicher sein. Die Siedlungen im Süden waren klein, ärmlich und verstreut. Dort würden wir uns nicht gut verstecken können, zumal in den kleinen Gemeinschaften jeder jeden kannte und wir uns ihnen nicht zu sehr anvertrauen wollten. Selime hatte Verwandte im Osten, in den weiten Ebenen. Eine riesige Metropole erstreckte sich dort in ein Umland, dessen höchste Erhebungen ansonsten die Ackerfurchen waren. Die Beziehungen zwischen der Metropole und dem Orakel waren kompliziert, um es harmlos auszudrücken. Es war nie verlässlich, was an Informationen von dort zu uns durchdrang. Möglicherweise würden sie sich dort verstecken können, möglicherweise aber auch ausgeliefert werden. Niemand konnte mit Gewissheit sagen, was wirklich hinter den schillernden Fassaden der hellen Türme vor sich ging.
So blieb eigentlich nur noch die neutrale Insel im Südwesten. Niemand von ihnen hatte Kontakte dorthin. Jay war in seiner Zeit als Seemann etliche Male dort vor Anker gegangen, aber das war dann auch schon alles. Viel mehr als die Hafenviertel kannte er nicht. Sie sahen sich allerdings auch nicht in einer Position, wo sie viel Auswahl hatten. Es ging ums Überleben oder nicht überleben. Ein Leben in Freiheit, außerhalb Dr. Wyzims Reichweite oder aber eine kärgliche Existenz in den Laboren von Sektor 42.
Auch wenn Mimir darauf beharrte, dass wir hier sicher waren, wollten wir trotzdem nicht lange warten. Die Lage in der Stadt hatte sich keinesfalls beruhigt. Immer noch zeigte die Polizei Präsenz an jeder Ecke und überwachte alles. Jay hatte sich noch einige Male bis in die Stadt getraut, seine Erledigungen dort allerdings auch auf das Nötigste beschränkt. Selbst er fühlte sich dort nicht mehr sicher.
Marten war sogar noch mürrischer geworden. Inzwischen hatte er fünf verschiedene Flugblätter mit einem ordentlichen Informationsgehalt und glaubhaften Beweisen zusammengestellt und kein Einziges davon würde in Druck gehen. Jay weigerte sich, so viel Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen und für Marten, obwohl selbst kein Untoter, wäre es ebenfalls ein hohes Risiko gewesen, nach so langer Zeit einfach wieder aus dem Nichts aufzutauchen und Flugblätter gegen die Regierung zu verteilen. Er wäre sofort bereit gewesen, dieses Risiko einzugehen und hatte auch einen Versuch in dieser Richtung unternommen. Doch dann hatte Marja ihm gründlich den Kopf gewaschen und er hatte die Idee vorerst aufgeschoben.

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