Hörsaalgetuschel – Ausgabe 122.

Gedankenfäden

Flo saß in der Bibliothek und spürte, wie seine Motivation dahin bröckelte wie der Asbestputz an der Decke des Gebäudes aus den späten Sechzigern. Eine Zeit, in der so vieles einfacher wirkte. Der Berufswunsch wurde von den Eltern geäußert, die Welt war zwischen Ost und West klar abgegrenzt und die jeweils andere Seite war böse, Asbest war gesundheitlich unbedenklich und Atomkraft war die Lösung aller Energieprobleme der Zukunft.

Das mit den Energieproblemen hatte nicht so recht klappen wollen, aber dafür hatte man nun wenigstens den Asbest zusätzlich, und die radioaktiven Abfälle. Der versprochene erste Weltfrieden war auch immer noch nicht ausgebrochen, dafür aber eine Vielzahl kleinerer Stellvertreterkriege. Die Bundesregierung verurteilte diese Kriege immer schön brav und bewilligte ebenso brav die Belieferung beider Seiten mit Waffen, um den Ausgang zu beschleunigen.

Und in dieser Welt saß er nun und sollte Stellschrauben ausmachen, anhand derer mal die Welt ein bisschen besser und lebenswerter machen konnte. Warum? Er hatte Ideen, viele sogar, aber jede Einzelne brauchte Geld, Idealisten und den Willen, wirklich etwas zu bewegen. Er hätte etwas anderes studieren, vielleicht sogar von Anfang an eine Ausbildung machen sollen. Hätte er nur die Möglichkeit, in die Vergangenheit zu reisen und sein jüngeres Ich vor der Odyssee durch die deutsche Hochschullandschaft zu bewahren. Der einzige Wermutstropfen wäre, dass er unter Umständen Kristina nicht treffen würde, dafür wäre er nun bereits seit mehreren Jahren fertig. Vielleicht auch mit den Nerven, aber das war er sowieso. Immerhin würde er dann einfach in Urlaub fahren können.

„Sieh an, ein Grübelmonster. Woran arbeitest du denn da wieder? Dein Stadtprojekt? Und ich dachte schon, du würdest das irgendwann aufgeben.“

Erik ließ sich am Tisch neben ihm nieder und plumpste schwungvoll auf den Stuhl. Flo brauchte eine Weile, um wieder im Hier und Jetzt anzukommen, wie so oft. Mit müden Augen sah er zu Erik hinüber und fühlte sich, als habe er seit drei Nächten nicht mehr geschlafen.

„Keine Sorge, ich will gar nicht erst wissen, worüber du wieder nachgedacht hast. Du hast wieder dein Weltschmerzgesicht, und ich habe mit Tina schon genug an der Backe. Die kommt nachher übrigens auch noch, ist im Moment noch bei Marco.“

„Was hat sie denn mit Marco zu schaffen? Der hat doch das Seminar gleich am Anfang abgebrochen.“

„Offenbar sind die jetzt zusammen. Das jedenfalls hat Tina mir erzählt. Charmant, wie sie ist, hat sie es so verpackt, dass er quasi nur ein Tröster ist, weil ich mit Mia zusammen bin.“

„Auf diese Tinderella hat sie sich eingelassen? Man, da muss sie ja echt verzweifelt sein. Wie geht es eigentlich Mia? Ich habe sie jetzt eine Weile nicht mehr gesehen.“

„Och der geht’s gut. Sie überlegt mal wieder, alles hinzuschmeißen, den Master abzubrechen und einfach einen Job zu finden. Ein Glück nur, dass sie es dann nie umsetzt. Und ich glaube, Tinderella sagt man nur zu Frauen, nicht zu den Kerlen dort.“

„Wie sexistisch. Ich finde, es passt zu beiden.“

Flo starrte verträumt vor sich ins Nichts. Jemand stiefelte in dicken Wollsocken und ohne Schuhe an der Buchrückgabe vorbei Richtung Lesesaal. Wenn man nur lange genug hier saß, sah man die verrücktesten Dinge. Letzte Woche war ein Mädchen hier hineingekommen, die nicht nur einen Strickpulli, sondern auch die passende Hose dazu trug. Kunterbunt, handgestrickt und in seinen Augen absolut schrecklich.

Er sah auf die Uhr und bemerkte, dass er erst seit zwei Stunden hier saß. Seit zwei sehr unproduktiven Stunden. Sein Gehirn war nicht glücklich mit der Umgebung, der Situation oder der relativen Mondfeuchte. Wer konnte schon sagen, was es nun wieder hatte? Jedenfalls hatte es nichts Besseres zu tun, als permanent Störsignale quer zu schießen. Kaum hatte er einen halbwegs gesitteten und strukturierten Gedanken zusammenbekommen, schoss etwas Anderes dazu und setzte alles auf Anfang. Flo starrte über seinen Laptop hinweg in den Raum und bemerkte Tina trotzdem erst, als sie direkt vor ihm stand. Erik konnte darüber immer noch nur den Kopf schütteln.

„Hallo Tina, wie läuft‘s? Wie geht’s deinem Freund?“

Soweit hatte Flo Erik zugehört, nun konnte er auch einmal mit Sozialkompetenz glänzen. So dachte er wenigstens.

„Hey Flo, auch lange nicht mehr gesehen. Ganz gut und Ex-Freund.“

Neben ihm setzte Erik seine Trinkflasche etwas härter ab als beabsichtigt.

„Wie? Was ist passiert?“

„Ich habe Schluss gemacht, das ist passiert. Es hätte einfach auch nicht gepasst. Sitzt du schon lange hier? Ich komme bei dem einen Teil hier einfach nicht weiter, da musst du mir helfen. Du kannst besser mit Worten umgehen als ich.“

Flo musste grinsen und wandte sich lieber ab. Natürlich konnte Erik besser schreiben als Tina. Er konnte besser schreiben als die meisten Menschen, die er kannte. Aber andererseits kannte er auch niemanden, der schlechter schreiben konnte als Tina. Da traute er sogar einmal sich selbst mehr zu. Dieser Gedanke flackerte nur ganz leise durch sein Gehirn, doch diesmal gab es keinen Querschläger. Das Grinsen verschwand und Denkerfalten tauchten auf, als er seine Gedanken der letzten Stunde rekapitulierte und ordnete. Das Ergebnis schien ihm ernüchternd depressiv. Was stimmte nicht mit ihm? Er hatte doch überhaupt keinen Grund für so viel Negativität. Das musste sich ändern. Morgen.

Wasserkuppe

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5 Gedanken zu „Hörsaalgetuschel – Ausgabe 122.

      1. dergrafvonborg Autor

        Deswegen bemühe ich mich immer, mich auch mal über kleine Dinge zu freuen. Zum Beispiel, dass meine Erdbeersamen gekeimt sind. 🙂 Aber stimmt schon, Flo hat damit immer Probleme. Vielleicht auch, weil die positiven Dinge meist etwas am Rande der Geschichten untergehen.

        Gefällt 1 Person

  1. Pingback: Inhaltsverzeichnis (in Arbeit) | des Grafen Lesestunde

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