Exitus X

Um uns herum blühten die Felder auf. Der Frühling hatte sich in der Zwischeneiszeit in seiner vollen Schönheit entfaltet und das war auch der einzige Anhaltspunkt für die Zeit, der mir noch verblieben war. Ich hatte irgendwann einfach aufgehört, den Kalender zu beobachten oder Tage zu zählen. Ein Tag war für mich genau so gut wie der andere. Irgendwann würde der Tag kommen, an dem ich ein Jahr verstorben war. Vielleicht war er auch schon gewesen, ich konnte es nicht sagen und es war mir auch egal. Es war nicht einmal, dass ich lethargisch geworden wäre, sicherlich nicht. Mir war nur einfach die Zeit egal geworden.

Welchen Wert hatte es für mich, zu wissen, ob wir nun seit einer oder seit acht Wochen auf einer alten Farm irgendwo im Nirgendwo vor den Toren der Stadt waren? Klar, irgendwann musste ein Inspekteur kommen, um die Maschinen zu warten. Spätestens dann würden wir auffliegen. Aber wir hatten uns ja eh darauf geeinigt, uns zu den Inseln durchzuschlagen. Ohne, dass wir uns auf einen festen Tag oder Zeitpunkt geeinigt hätten, hatten wir alle am gleichen Tag irgendwann unsere Taschen gepackt und waren bereit zur Abreise.

Es war wenig, was wir besaßen. Gerade einmal so viel, dass wir es problemlos in Rucksäcken oder Taschen verstauen und bequem tragen konnten. Im Grunde genommen war es immer noch dasselbe, mit dem wir auch unser Versteck in der Stadt verlassen hatten. Lena hatte mit Hatties Hilfe eine alte Kommunikationsleitung angezapft und nahm ein letztes mal Kontakt zu ihren Vertrauten in den Behörden auf. Es war ihr wichtig, nicht einfach nur zu verschwinden, sondern sich zu bedanken und ordentlich abzumelden. Nur was sie hörte, begeisterte sie überhaupt nicht.

„Ich nehme an, ihr wollt nach Südwesten, zu den Longinius Inseln? Von hier aus wäre das der logischste Schritt. Aber ich warne euch, seid auf der Hut. Wenn ich schon auf diesen Gedanken komme, dann können das auch die Leute in der Sicherheit und die haben ganz andere Möglichkeiten, die Route zu überwachen.“

So hatte sich nicht nur einer von Lenas alten Freunden geäußert und damit einen Punkt angesprochen, den wir alle schlicht vergessen hatten. Wenn das der logische Schritt war, dann würde die Grenze überwacht sein. Und plötzlich gerieten unser Aufbruch und der ganze Plan gehörig ins Wanken.

Tom kratzte sich in seinem immer länger werdenden Bart und schlug vor, den Polizeitransport zu nutzen, der noch immer im Silo stand. Auf den ersten Blick wirkte das zwar logisch, bereitete mir aber Bauchschmerzen. Und offenbar nicht nur mir, denn Mimir widersprach ihm, da das sehr viel Aufmerksamkeit auf uns lenken würde. Stattdessen schlug er vor, mit den Feldmaschinen zunächst in Richtung Nordwesten zu fahren, und von da aus bis zur Grenze zu laufen. Er hatte die Hoffnung, dass die Route nördlich der Sümpfe schlechter überwacht werden würde.

Man merkte, wie sehr es Tom ärgerte, sich nicht geschickter an der Debatte beteiligen zu können. Er kannte einfach die Gegend nicht gut genug, war selten außerhalb der Stadt gewesen und selbst dann auch immer nur in einer anderen Region. Hier waren wir alle komplett Mimir ausgeliefert, denn er war der Einzige, der sich hier auskannte. Das Einzige, was wir bisher hatten tun können, war, die Feldmaschinen zu beobachten und ihre Routen und Zeitpläne zu notieren. Jedenfalls so weit, wie wir sie von der Farm aus sehen konnten.

Am Ende siegte Mimirs Erfahrung im Gelände. Es war ein herrlicher Tag mit strahlend blauem Himmel, dem süßen Duft der Blumen in der warmen Luft, als wir auf eine der großen Maschinen kletterten, die uns zum Nordrand der Sümpfe bringen sollte. Niemand würde dem Roboter besondere Aufmerksamkeit schenken, sie fuhren schließlich in großer Zahl überall im Umland herum. Es war jedenfalls unendlich unauffälliger als der Polizeitransporter, ob wir nun direkt beobachtet wurden oder nicht.

Hasen nahmen eilig Reißaus, als sich unser Gefährt über die von Kräutern bedeckten Äcker näherte. Auf Vögel wirkten wir hingegen anziehend. Ob nun die Ketten den Boden zerdrückten und Leckereien freilegten, oder ob sie schmackhaftes Saatgut oder sonstige gute Sachen hinter sich zurückließen, für die Tiere war es ein gedeckter Tisch. Wenn zwischen den Hügeln und Hecken ein Roboter unterwegs war, erkannte man dies meist schon an den Vogelschwärmen darüber. Wenn die Ernte eingefahren wird, sind sie meistens noch von der Stadt aus gut zu sehen.

Und auch wenn wir bei traumhaftem Wetter gestartet waren, je länger wir fuhren, umso mehr zog es zu, bis schließlich ein leichter Regen einsetzte. Feldmaschinen besitzen keinen Innenraum für Passagiere. Wieso auch? Wir saßen einfach auf dem unförmigen Rumpf und versuchten, nicht herunterzurutschen. Für Wartungszwecke bot zwar eine Reling Halt, aber sie war nicht für eine Gruppe von zehn Köpfen ausgelegt, die wir zusammenbekamen. Uns blieb nur übrig, uns so gut wie möglich gegen den Regen zu schützen und nicht den Halt auf dem immer glitschiger werdenden Dach zu verlieren.

Links zogen inzwischen die knorrigen, verwachsenen Bäume der Sümpfe an uns vorbei. Gemeinsam mit den finsteren, tief hängenden Wolken bot es einen regelrecht gespenstischen Anblick. Selbst die Vögel hatten sich in ihre Nester zurückgezogen, bis auf einige wenige extra hartnäckige Ausnahmen. Die Silotürme unserer Farm waren bereits vor Stunden hinterm Horizont versunken und damit war jeder Schritt wieder völliges Neuland für uns. Einige Male hatten wir bereits das Gefährt gewechselt, wenn das aktuelle Modell seine Zielfläche erreicht hatte.

Neben der Kälte und der unangenehmen Nässe brachte der Regen auch einen weiteren Nachteil mit. Die Feldwege waren nun nass und keine Staubwolke konnte uns vor etwaigen Fahrzeugen warnen, die sich unplanmäßig näherten. Nicht, dass es uns etwas genützt hätte. Hier draußen hätte es nichts gegeben, wo wir uns rechtzeitig hätten verstecken können. Selbst hinter den Hecken wäre eine Gruppe von zehn Köpfen auf den Wärmebildern der Polizeidrohnen sehr auffällig gewesen. Aber immerhin hätten wir es versuchen können.

Tom hatte noch gejubelt, als sich der Himmel zugezogen hatte. Bei solchem Wetter, so erzählte er, würden die Luftüberwacher der Polizei nicht fliegen. Ihre Augen könnten hier keine brauchbaren Ergebnisse erzielen. Ich war mir allerdings ziemlich sicher, dass diese Wolken für die Radarsensoren nicht den geringsten Widerstand darstellten. Von den Details wusste ich aber auch nicht genug.

Wieder war es Zeit, die Maschine zu wechseln. Wir hatten das Pech, einen gepflügten Acker hierfür erwischt zu haben, würden also durch tiefe, schlammige Gräben klettern müssen, ehe wir eine weitere Maschine erreichten, die uns weiter bringen konnte. Tom stand auf dem Dach und sah sich nach dieser neuen Möglichkeit um, während wir bereits auf dem Weg zum Feldrand waren. Durch seine erhöhte Position konnte er die dunklen Schatten am ehesten entdecken.

Dunkelgraue Kisten, vor dem Hintergrund im Dämmerlicht kaum auszumachen. Die ersten fuhren noch vorbei, gut verdeckt von Bäumen und Sträuchern. Toms scharfe Warnung hatte uns spät erreicht. Lukas hatte sich Selima und Hattie gegriffen und war mit ihnen in die nächste Hecke geflüchtet. Mit etwas Glück konnten sie als einige Rehe interpretiert werden. Marten und Marja hingegen versuchten, sich zwischen einigen Bäumen zu verbergen, die nicht weit von uns gestanden hatten. Jay hatte die Nachhut gebildet und war noch nicht weit gekommen. Er sprintete zurück und ging gemeinsam mit Tom hinter dem Roboter in Deckung. Geduckt spähten sie durch die Ketten hindurch und wirkten extrem angespannt. Mimir und Lena waren beide in keiner Verfassung, dass sie hätten sprinten können. Auch für mich stellte sich das Problem dar, dass sowohl die Maschine als auch die Hecken zu weit entfernt waren. Das würden wir unmöglich schaffen.

Der einzige Schutz, der mir einfiel, lag unter uns. Mimir hatte offenbar den gleichen Gedanken gehabt. Kaum hatte er sich wie wir alle hektisch umgesehen, hatte er sich fallen lassen und war zwischen den Ackerfurchen verschwunden, als habe er nie existiert. Mir blieb nur übrig, Lena bei den Schultern zu greifen und ebenfalls in die Mulden abzutauchen. Es fühlte sich nach einem absolut kümmerlichen Schutz an. Mit dem Mut der Verzweiflung strampelte ich mich tiefer in den Schlamm hinein, wälzte mich, bis ich von oben bis unten von Erde bedeckt war, und versuchte gleichzeitig Lena noch mit Dreck zu bedecken. Vom kiesigen Weg her war zu hören, wie schwere Räder zum Stillstand kamen.

Wenn kleine Kinder verstecken spielen, dann halten sie sich manchmal die Augen zu. „Wenn ich dich nicht sehen kann, dann kannst du mich auch nicht sehen.“ Offenbar ist dieser Instinkt nicht auszurotten. Ich tat nun genau das Gleiche. Tief in den Schlamm gepresst lag ich dort, die Augen fest geschlossen, den Regen im Gesicht, und hoffte.

Exitus.jpg

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6 Gedanken zu „Exitus X

    1. dergrafvonborg Autor

      Dankesehr!! 🙂 Es freut mich wirklich, dass es dir Freude bereitet. Ich habe zwischenzeitlich immer wieder Sorgen, dass es zu gedehnt oder langweilig wird. Umso toller zu sehen, dass es wohl tatsächlich Spaß macht 🙂 Spoileralarm: Auch wenn gerade alles in Richtung Ende rennt… ich weiß selbst noch nicht, wie genau es ausgeht. *ups*

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