Hörsaalgetuschel – Ausgabe 123.

Blumen

„Schatz, was ist in der Küche passiert?“

Mia hatte bereits mit dem Einwand gerechnet und wusste genau, was Erik meinte. Sie war noch nicht dazu gekommen, wieder alles sauber zu machen. Eigentlich wollte sie das geschafft haben, bevor Erik nach Hause gekommen war. Er war in letzter Zeit so reizbar und Schmutz in seiner Küche würde er nicht nachvollziehen können. Dabei hatte sie doch nur etwas Frühling in die Wohnung holen wollen, aber für so etwas hatte er noch weniger Verständnis. Er mochte es sauber und aufgeräumt und hatte keinen Sinn für Dekoration. Aber dies hier war ihre gemeinsame Wohnung, hier musste auch sie sich wohlfühlen und das würde er akzeptieren müssen.

„Das mach ich nachher noch sauber, ich bin noch nicht ganz fertig. Du bist früher als gedacht. Ist alles okay?“

Sie begrüßte ihn mit einem extra liebevollen Kuss, auch in der Hoffnung, damit die Wogen etwas glätten zu können. Erik sah sich stirnrunzelnd im Wohnzimmer um und fand auch spontan den Grund für die Verschmutzung in der Küche. Bunte Übertöpfe, aus denen die jungen Blüten von Narzissen und Hyazinthen steckten. Ihr schweres Aroma lag nur unterbewusst wahrnehmbar in der Luft. Für Mia war dies seit ihrer frühesten Kindheit ein Geruch, den sie untrennbar mit dem Wort „Frühling“ verknüpft hat. Wenn die Natur aus ihrem tiefen Schlaf erwacht, bunte Blüten auf Bäume, Sträucher und Wiesen zaubert und das Grün endlich wieder satter wird. Wenn man wieder überlegen darf, ob es die schwere Winterjacke sein muss, oder ob es nicht sogar komplett ohne geht. Wenn die Sonne nach dem langen, schattigen Winter, wieder mehr Kraft bekommt und den Duft der Blumen in ihren warmen Winden durch die offenen Fenster trägt.

Für Erik war es der Geruch von Blütenstaub auf der frisch gewaschenen Hose, braunen Flecken von herabgefallen Blütenblättern auf den hellen Sofakissen und faulenden Blütenstängeln. Blumen sollten nicht in der Wohnung stehen, wo sie in Vasen nur Schimmel ansetzen und vergehen. Sie gehörten auf Wiesen, in Wälder oder auch auf Balkone.

Doch ihre Wohnung hatte weder Garten noch Balkon. Er sah ihr in die Augen und sah, was darin passierte. Die Freude über das bessere Wetter. Das Verlangen, in die Sonne zu kommen. Er seufzte innerlich und rang sich etwas Geduld und eine Entscheidung ab. Wenigstens war sie vor vorausschauend gewesen, keine Schnittblumen zu holen, sondern lebendige, mit Wurzeln und Erde. Sie hatten eine Chance zu leben, und wenn alles nichts nützte, könnte man sie immer noch in den Park pflanzen.

„Blumen also. Das erklärt jedenfalls die Erde in der Spüle. Und ja, es ist alles okay. Wir haben nur etwas früher Schluss gemacht mit dem Referat. Krissi musste noch weg, sie hat spontan einen Babysitterjob bekommen. Und weil es auch so fertig geworden ist, dachte ich mir, ich komme doch einfach früher nach Hause.“

„Oh okay, du musst mir auch nicht beim Aufräumen helfen, ich mach das schon. Geht es Krissi denn gut? Sie hatte doch letztens noch so Stress.“

Ohne eine Antwort abzuwarten, huschte Mia los in die Küche, um sauber zu machen. Erik war sich nicht sicher, ob sie erwartete, dass er ihre Frage in den Raum hinein beantwortete oder mit kam. Er entschied sich dazu, erst einmal Jacke und Schuhe auszuziehen und sich für einen Moment auf dem Sofa niederzulassen. Etwas zögerlich musste er sich dann doch eingestehen, dass die Blumen im Sonnenlicht auf der Fensterbank doch gut aussahen.

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