Hörsaalgetuschel – Ausgabe 124.

Abgabefristen

Es war einer dieser Tage, an denen Flo sich selbst verfluchte und für seine grenzenlose Faulheit hasste. Dabei war „Tage“ bereits seit acht Stunden gelogen, wie der Blick auf die Uhr unbarmherzig offenbarte. Drei Uhr nachts war bereits vergangen und er saß immer noch am Schreibtisch und versuchte irgendwie sein Semester zu retten. Die Abgabefristen rollten heran und er hatte andere Dinge für wichtiger befunden, als die Arbeiten für die Uni zu schreiben.
Wieso hätte er das auch tun sollen? Seine Wohnung schön wohnlich und gemütlich zu gestalten brachte wenigstens Fortschritte. Hausarbeiten wurden im Idealfall einmal flüchtig gelesen und landeten dann in irgendeiner Schublade, um nie wieder angesehen zu werden. Weniges war so sinnlos, wie Hausarbeiten zu schreiben und abzugeben. Er hatte das Konzept noch nie verstanden und das würde er wohl auch nie. Wenn er ehrlich war, dann wollte er das auch nicht einmal.
Aus der Ferne, irgendwo vor dem Fenster, hallte das Rumpeln eines Güterzuges hinüber. Seine Musik war schon lange aus, er hatte es sogar bemerkt, aber beschlossen, es dabei zu belassen. Es war schon schlimm genug, dass der Stuhl bei jeder Bewegung laut knarzte. Es war wohl sein Glück, dass Kristina so einen tiefen Schlaf hatte, sonst würde er wohl seines Lebens nicht mehr froh werden. Und sie auch nicht.
Gehetzt überflog er Paper und Abstracts, immer auf der Suche nach nur einigen Stichworten, die er, zu halbwegs stimmigen Sätzen verarbeitet, in seine Arbeit einfließen lassen konnte. Das Internet bot im Grunde das gesamte Wissen der Menschheit, lieferte es freihaus an den heimischen Schreibtisch. Nur in dieser Masse das Richtige zu finden war alles andere als leicht. Er erinnerte sich noch an eine Vorlesung vor zwei Semestern, in der das Thema seiner Arbeit in Teilen sogar besprochen wurde. Die spannenden Teile tauchten nur in der zugehörigen Literatur nicht mehr auf. Dafür hatte er eine Dissertation gefunden, welche in einem Nebensatz darauf einging. Ein fünffaches Hoch auf die Suchfunktion für digitale Texte. Die betreffende Arbeit hatte nur einen Schönheitsfehler. Sie war älter als er selbst und damit eine Quelle, die nur sehr ungern gesehen war.
Unter seiner Schädeldecke lief sein inneres Ich Amok. Aus voller Lunge brüllend rannte es von Ohr zu Ohr, sprang gegen die Augen und stampfte in den Nacken. Bilder von grellen Explosionen und spritzende Fetzen einer namenlosen organischen Masse breiteten sich aus. Das Verlangen machte sich breit, den Kopf mit aller Kraft gegen die Betonwand zu schlagen. Von außen war davon nichts zu erkennen und manches Mal fragte Flo sich, ob ihn das nicht dazu qualifizierte, ein sehr sehr gestörter Mensch zu sein. Gesund oder normal konnte das jedenfalls nicht sein.
Inzwischen war es kurz vor vier, ohne, dass er die Zeit bemerkt hätte. Selbst wenn die Erschöpfung seinen Geist verworren machte, er war regelrecht hysterisch aufgekratzt. In nicht einmal zwei Stunden würde Kristina aufwachen und zur Arbeit gehen müssen. Wenn er bis dahin eingeschlafen sein wollte, dann würde er wohl jetzt dringend ins Bett gehen müssen. Er speicherte und lies ansonsten einfach alles offen. Solange der Laptop am Strom hing, war es kein Problem, ihn einfach in den Ruhemodus zu schicken. Dann könnte er auch morgen gleich weiter machen in der Hoffnung, nicht doch noch seinen Kopf an der Wand zerschellen zu lassen.

Schwarzes Moor

Advertisements

Ein Gedanke zu „Hörsaalgetuschel – Ausgabe 124.

  1. Pingback: Inhaltsverzeichnis (in Arbeit) | des Grafen Lesestunde

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s