Exitus XII

Ich kam auf einer harten Holzbank wieder zu mir. In einer Ecke saßen eng umschlungen Marten und Marja, beide mit einem Gesicht, das pures Elend und Resignation ausdrückte. Tom war mit müden Augen und klammen Fingern beschäftigt, Erde aus Lenas Haaren zu kämmen. Den grauen Kasten, in dem wir uns befanden, kannte ich bereits. Es war einer jener Polizeitransporter, nur dass es diesmal leider ein echter war.

„Wir haben es wenigstens versucht und, wie ich das sehe, haben wir ihnen auch ein gutes Rennen geliefert, für ein paar alte Hunde wie uns.“

Tom hatte bemerkt, dass ich wieder bei Bewusstsein war und mich resigniert umgesehen hatte. Ich hatte keine Ahnung, wie lange ich bewusstlos gewesen war, Lena schätzte jedenfalls, dass wir noch keine zwei Minuten im Transporter waren. Draußen waren die Schritte von Polizeidrohnen zu vernehmen, aber noch machte der Transporter keine Anstalten, abzufahren.

„Wenigstens sind wir wieder alle beisammen.“

Es war ein verzweifelter Griff nach dem Strohhalm, der mich zu solchen Sätzen trieb. Natürlich würde die Kabine abgehört werden, wieso also nicht den Verdacht sähen, wir wären vollzählig? Wenn sie die Anderen bis jetzt noch nicht hatten, dann würde es vielleicht auch dabei bleiben. Für einen Moment dachte ich, sie könnten ja überhaupt nicht wissen, mit wem wir denn überhaupt auf der Reise waren. Dann aber erinnerte ich mich an die Nachrichten, und wie darin unser ehemaliges Heim unterhalb des Restaurants präsentiert wurde. Inklusive aller persönlicher Gegenstände und Fotos. Die Behörden wussten viel zu genau, wer alles zur Gruppe gehörte. Dennoch hatte ich die Hoffnung, wenn ich nicht an sie denken würde, könnten meine Gedanken sie auch nicht verraten.

Marten und Marja hätten vielleicht noch eine Überraschung sein können, aber die Bäume waren ein zu schlechtes Versteck gewesen. Die beiden waren als erstes aufgefallen und festgenommen worden. Da hatten wir noch im Schlamm gelegen und gehofft, der Albtraum möge einfach an uns vorüberziehen. Natürlich hatten sie nichts verraten, aber das mussten sie auch überhaupt nicht. Man wusste auch so sehr gut, wonach man suchte.

Daher wunderte es mich umso mehr, dass sich der Wagen plötzlich doch in Bewegung setzte. Die Drohnen mussten über eine Stunde lang einen scheinbar leeren Acker beobachtet haben, nur um sich jetzt mit der Hälfte der Gruppe zufriedenzugeben? Gingen sie davon aus, dass wir uns aufgeteilt hatten? Hatten sie die Anderen erwischt und nur in einem anderen Transporter untergebracht? Hunderte Fragen schossen mir durch den Kopf, während wir über die unebenen Pisten rollten. Es blieb mehr als genug Zeit zum Nachdenken, oder um sich den Schlamm leidlich vom Körper zu kratzen.

Gefühlt stundenlang schlitterten wir über die schlecht befestigten Feldwege und Landstraßen. Hinter uns klang das Rumpeln weiterer Fahrzeuge. Immer wieder döste ich weg und schlief für kurze Zeit ein. Es war nicht mehr aufregend genug für mich, als dass meine Müdigkeit nicht ihren Tribut zollen wollte. Eine seltsam befriedigende Gleichgültigkeit machte sich in mir breit, wo ich doch eigentlich Angst hätte haben sollen. Angst war jedoch so ziemlich das Letzte, was ich fühlte. Was auch immer es was, es war viel mehr sortiert und friedlich.

Irgendwann wachte ich auf und bemerkte, dass das Fahrzeug ruhig auf einer asphaltierten Straße dahinfuhr. Es hatte uns Stunden, wenn man so wollte, sogar Tage gekostet, weit von der Stadt weg zu kommen. Einen Bruchteil dieser Zeit brauchte es, um diesen ganzen Erfolg zunichtezumachen und wieder direkt vor den Mauern angekommen zu sein. Vermutlich sollte es sich frustrierender anfühlen, als es für mich tatsächlich war. Was mich im Augenblick tatsächlich am meisten störte, war, dass die Bank zu unbequem zum Schlafen war.

Lena und Tom saßen aneinander gelehnt mir gegenüber. Es wäre genug Platz gewesen, als dass auch sie sich hätten ausstrecken können, aber sie hatten sich wohl dagegen entschieden. Lena war ein Mensch, der nicht gerne lag. Zeitweise hatte sie nicht einmal in ihrem Zimmer geschlafen, sondern auf den Sesseln im Wohnzimmer. Dabei hatte sie sogar einen bequemen Ohrensessel in ihrer Kammer stehen gehabt. Doch genauso liebte sie das Kaminfeuer, welches so häufig bei uns gebrannt hatte.

Hier gab es weder Sessel noch Kaminfeuer. Aber es war warm genug gewesen, als dass die Erde in meiner Kleidung getrocknet war. Bei jeder Bewegung knackte und staubte es. Lena und Tom hatten das bereits hinter sich. Ihre Kleidung war nicht sauber, aber die meiste Erde bildete einen ansehnlichen Haufen unterhalb ihrer Bank.

Durch die solide Wand des Transporters drangen die ersten Geräusche der Stadt. Beinahe hätte ich damit gerechnet, dass wir zu irgendeiner zwielichtigen, vielleicht sogar geheimen Anlage außerhalb gebracht werden würden, aber wie es schien, steuerten wir tatsächlich das Polizeipräsidium an, direkt im Zentrum. Waren wir etwa doch nicht völlig vogelfrei?

Genau genommen mochte vogelfrei das genaue Gegenteil von dem gewesen sein, was wir waren. Als die Türen des Transporters sich schlussendlich öffneten, folgten lange kalte Gänge aus nacktem Beton und kleine Räume ohne Fenster oder irgendeine Alblenkung. Nüchterne Edelstahlstühle und -tische, eventuell eine Kamera unter der Decke, Türen aus Stahl, die einem Nashorn in vollem Galopp standgehalten hätten, wenn es denn überhaupt in den engen Flur gepasst hätte. Finstere Gesichter, die uns anstarrten und immer wieder die gleichen Fragen stellten, von denen sie wussten, dass wir sie nicht beantworten konnten.

Von wem hatten wir den Sprengstoff erhalten? Wer waren die Komplizen? Wo waren die Hintermänner? Was war die Motivation? Solche Fragen, Kombinationen oder Abwandlungen davon, vermutlich, um uns mürbe zu machen und uns „den Ernst unserer Lage“ zu verdeutlichen. Es war entsetzlich langweilig und nicht das geringste Bisschen einschüchternd. Vielleicht hatten sie bei Marja oder Marten Erfolg, aber selbst wenn, die beiden waren erst zu uns gestoßen, als eh alles zu spät war. Für die Ermittler waren sie absolut wertlos. Tom konnte zeigen, was wirklich in ihm steckte und Lena konnte so oder so immer noch sagen, sie habe überhaupt nichts gesehen und wisse also von nichts.

Was sie genau gefragt wurden und was sie antworteten, wusste ich nicht. Selbstverständlich wurden wir schließlich getrennt befragt. Ich ging aber davon aus, dass auch sie große Zugeständnisse versprochen bekamen, wenn sie uns andere verrieten. Wieso führten sie diese Scharade überhaupt noch fort? Das war doch überhaupt nicht der Grund, weswegen wir hier waren. Wussten sie das wirklich nicht? War der Polizeiapparat in dieser Stadt wirklich dermaßen inkompetent, dass ihnen das Offensichtlichste entgangen war? Das sollte ich niemals herausbekommen.

Es dauerte eine ganze Weile, und in der Zwischenzeit verloren unsere Beamten reichlich Geduld und Nerven, bis das Klischee an die Tür klopfte und übernahm. Und meine Güte hatte es sich Mühe gegeben, auch wirklich dem Klischee gerecht zu werden.

„Gehen Sie sich einen Kaffee holen, wir übernehmen ab hier. Vielen Dank für ihre Hilfe.“

Die emotionslose Stimme gehörte zu einem ebenso emotionslosen blassen Gesicht, das zum großen Teil von einer geradezu lächerlich großen Sonnenbrille verdeckt war. Schwarze Haare, kurz rasiert und mit reichlich Gel glatt nach hinten gekämmt. Ein hochgeschlossener schwarzer Anzug mit lediglich einem weißen Rand, welcher der Länge nach vom Kragen aus über die Brust hinab führte und die Knopfleiste verdeckte. Keine Kennungen, keine Rangabzeichen, nur ein kurzer Blick auf ein ebenfalls schwarzes Hemd, als er widerwillig einen für mich unsichtbaren Ausweis aus der Innentasche zog, als danach verlangt wurde.

Ich konnte mir nicht vorstellen, was im Gehirn der Orakelwache vorging, als er dem Beamten nachsah, der mürrisch den Raum verließ. Vermutlich war er es nicht einmal gewohnt, sich ausweisen zu müssen. Niemand zweifelte eine Orakelwache an und niemand würde jemals so dreist sein, sich fälschlich als eine solche auszugeben. Sie waren der nicht nur der Arm des Gesetzes, sondern rechte und linke Hand gleich mit. Die persönliche Exekutive des Orakels, Gegenstand von zahlreichen Filmen, Geschichten und auch Legenden. Und sie hatten die Macht. Nicht irgendeine Macht oder die Macht, dieses oder jenes zu tun, nein. Die Macht! Sie hatten sich einzig und allein dem Orakel zu verantworten. Für ihre Aufgaben hatten sie absolut freie Hand.

Und eben diese Orakelwache stand auf einmal hier vor mir im Verhörzimmer. Vor mir, einem Untoten, der vor einem Jahr aus einem völlig unaufgeregten und durchschnittlichen Leben in ein Leben nach dem Tod übergegangen war, das in erster Linie aus Verstecken bestanden hatte. Drei Greise und zwei Mitgefangene waren den Besuch der Orakelwache bei der Polizei wert. Entweder ihnen war schrecklich langweilig oder hier wartete doch noch etwas Interessantes auf uns.

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