Exitus XIII

Der Wächter hatte vor mir Platz genommen und sah mich wortlos mit verschränkten Händen über den Tisch hinüber an. Bis hierhin jedenfalls schon einmal genau das, was man aus den Filmen kannte. Psychoterror und Weichkochen des Gefangenen, bis er von alleine erzählte, was man wissen wollte. Die erste Aufregung und Neugier flaute bereits wieder ab. Dafür machte sich die fehlende Nacht wieder bemerkbar. Ich konnte mir ein Gähnen nicht mehr verkneifen.

Mir schoss das Bild durch den Kopf, wie die Orakelwache die gleiche Taktik bei Lena versuchte. Es war sehr wahrscheinlich, dass die Wächter bisher nie mit einer echten Blinden, ohne Implantate oder ersetzte Augen, zu schaffen gehabt hatten. Die Vorstellung hatte einen völlig absurden Charakter. War es das, was passierte, wenn man zu wenig schlief? Begann man alberne Szenarien zu halluzinieren?

Vielleicht hatte er leise gekichert, vielleicht auch nur eine Grimasse gezogen, aber der Wächter lehnte sich vor, stützte sich auf seine Ellenbogen und brach sein eisernes Schweigen.

„Wir wissen beide, wieso Sie hier sind. Wieso machen Sie es uns nicht einfach, erzählen einfach, was wir wissen wollen, und wir können Feierabend machen.“

„Und ich kann Ihnen auch nicht mehr sagen, als die anderen. Wir wissen nicht, woran es liegt. Vermutlich ist es eine genetische Anomalie aber die Einzigen, die es näher untersucht haben, ist Ihr Doktor Wyzim und ein gewisser Doktor Dach, welcher sich ebenfalls in Ihrem Gewahrsam befindet. Schon seit etlichen Wochen, möchte ich anmerken. Demnach dürften Sie mehr wissen als wir.“

„Wovon bitte reden Sie?“

„Es geht doch darum, dass ich noch lebe, oder nicht?“

Der Wächter nahm seine Sonnenbrille ab und sah mich zum ersten Mal direkt an. Sein Gesichtsausdruck sprach Bände. Verwirrung, Irritation, das Gefühl, nicht ernst genommen zu werden. Er spielte wieder mit einer Gegenfrage zurück.

„Weswegen wurde denn nach Ihnen gefahndet?“

„Das weiß ich nicht. Niemand konnte mir eine Auskunft darüber geben, aber es muss Ihnen wirklich wichtig gewesen sein, wenn ich mir die Nachrichten der letzten Wochen so vor Augen führe. Es ist mir ein absolutes Rätsel, wie ein paar alte Menschen Ihnen einen solchen Aufwand wert sind. Vielleicht möchten Sie nun ja etwas Licht ins Dunkel bringen.“

Er verfiel wieder in sein klassisches Starren, stumm, stur, undurchdringbar und irgendwie stumpf. Niemand zweifelte daran, dass Orakelwachen bestens trainiert und informiert waren. Sie verfügten über spezielle Ausrüstung, besonderes Training bei Verhörmethoden und verdeckten Operationen. Der Wächter, der mir hier gegenübersaß, schien davon allerdings nichts mitbekommen zu haben. Er trug die Uniform, das war dann auch schon alles. Jedenfalls zeigte er keinerlei Ambitionen, wieder das Wort zu ergreifen sondern versuchte sich in einem Starrduell. Er würde verlieren.

Für eine Weile hing ich in Ruhe meinen Gedanken nach. Die Behauptung, Orakelwachen könnten Gedanken lesen, schien genau so falsch zu sein, wie die Spezialausbildung. Wenigstens dieser Wächter hatte keine dieser Eigenschaften. Vielleicht war es eine Idee, ihn etwas zu reizen.

„Was sind überhaupt Ihre Anweisungen? Was hat Doktor Wyzim ihnen gesagt, wie mit uns zu verfahren sei? Sie handeln doch in seinem Auftrag, oder dem der Regierung, oder etwa nicht?“

„Wir stellen hier die Fragen, sie antworten nur.“ Die Antwort war ein reiner Reflex, einstudiert und kam wie aus der Pistole geschossen. Dann stutzte er, rümpfte die Nase und konnte sich einen Nachsatz nicht mehr verkneifen. „Die Orakelwache untersteht dem Orakel, nicht der Regierung. Das Gesundheitsministerium ist nicht befugt, uns Befehle zu erteilen.“

Was er verschwieg, war, dass das Orakel aber durchaus einzelne Wächter anderen Behörden unterstellen konnte und damit zwar nicht das Ministerium, wohl aber Doktor Wyzim die Befehlsgewalt haben konnte. Oder aber, es gab noch eine weitere Figur im Hintergrund, im Orakel, wahrscheinlich mit Verbindungen zu Wyzim, aber nicht zwingend. Nun war ich doch noch etwas verunsichert, der Schnösel in Uniform durfte davon aber unter keinen Umständen etwas mitbekommen.

Vielleicht hatte ich ein unbewusstes Signal gegeben, was ihn doch über die Unsicherheit informiert hatte, denn er wirkte plötzlich aufmerksamer, straffte seine Haltung und ging wieder zum langweiligen Starrspielchen über. Minutenlang glotzte er mit versteinerter Mine in meine Augen, auf der Suche, nach etwas, was ich ihm nicht geben würde. Ich war inzwischen überzeugt, dass hier ein blutiger Anfänger saß, und fühle mich, um ganz ehrlich zu sein, reichlich beleidigt.

Da saß irgendjemand in der Regierung von Olimpia, einer der mächtigsten Metropolen des Kontinents, und nutzte diese Macht, für eine irrwitzige Verfolgungsjagd. Diese Person „X“ im Hintergrund hatte sich der Polizei bemächtigt, um zunächst nur mich, später auch meine Freunde, zu suchen. Sie hatte über Monate hinweg eine Serie von Terroranschlägen geplant und inszeniert um uns aus dem Versteck zu treiben und dann den vielleicht größten koordinierten Polizeieinsatz in der Geschichte der Stadt durchgeführt. Nur mit fremder Hilfe und in letzter Sekunde hatten wir es aus der Stadt geschafft und hatten noch einmal einige Wochen Vorsprung erhalten. Doch der Person „X“ war es ernst genug gewesen, um in all der Zeit, in der wir uns große Mühe gegeben hatten, unauffällig zu sein, weiter zu suchen und uns zu jagen. Ein solides drei viertel Jahr hatte sie durchgehalten, bis sie Lena, Tom, Marten, Marja und mich endlich erwischt hatten. Wochenlang waren unsere Bilder über die Bildschirme der Stadt gezerrt worden und nun?

Von all den Orakelwächtern, den „Besten der Besten“, wurde mir hier ein blutiger Anfänger hingesetzt. Wie hatte es dieser Grünschnabel überhaupt in die Uniform geschafft? Wer hatte ihn dort hineingesetzt? Es war offensichtlich, dass er das nicht aus eigenem Antrieb heraus geschafft hatte. Das Spiel der versteinerten Gesichter beherrschte selbst ich besser als er, und ich hatte nie irgendein Training in dieser Richtung bekommen.

Als es an der Türe klopfte, reagierte der Wächter zunächst nicht. Erst beim dritten Mal stand er auf und näherte sich dem Ausgang, ohne mich aus den Augen zu lassen. Ich konnte nicht sehen, wer draußen wartete, aber der Wächter schien nicht glücklich. Die Art, wie er drein blickte, verriet mir, dass mein ruhiges Warten nun vorbei sein würde. Und hinter der eisernen Gleichgültigkeit der letzten Stunden schimmerte eine nagende Besorgnis durch.

„Zeit für eine Pause, geh dir etwas zu trinken holen, ich übernehme hier so lange.“

Das Gesicht zu der volltönenden Bassstimme bekam ich erst zu sehen, als der Wächter den Raum verlassen hatte. Glatt rasiert, Millimeter kurze Haare, vielleicht Mitte fünfzig, kräftig trainiert, in abgewetzter Wächteruniform und mit zwei Tassen Tee in der Hand. Er machte keine Anstalten, seine Sonnenbrille abzusetzen, schob mir nur stumm die eine Tasse zu und widmete sich dann seiner eigenen. Etwas an ihm erschien mir vertraut, als hätte ich ihm schon einmal begegnet sein können, aber ich konnte nicht den Finger drauflegen, was es war.

Im Gegensatz zu seinem Kollegen von vorhin strahlte er Autorität aus, eine Ruhe und Gelassenheit, die Vertrauen erzeugte und eine Stärke, die keinen Zweifel daran ließ, dass er mit dem kleinen Finger jeden Gegner entwaffnen könnte. Er versuchte überhaupt nicht erst, ein Starrduell zu initiieren. Er sah nur kurz auf seine Uhr und bedeutete mir dann, meinen Tee zu trinken. „Die zehn Minuten haben wir noch Zeit.“

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