Exitus XIV

Die heiße Flüssigkeit tat gut. Ich hatte überhaupt nicht mehr daran gedacht, dass meine Kleidung immer noch von Erde verkrustet war. Sandkörner knirschten und kratzten bei jeder Bewegung und verklebten die Fasern des Stoffs, sodass er mich nicht mehr warmhalten konnte. Der duftende, aromatische Tee brachte die Wärme zurück und trieb sie durch Arme und Beine bis hin in die Zehen und Fingerspitzen. Schluck für Schluck, als wäre es flüssiges Leben. Der Wächter hatte es mit den zehn Minuten ernst gemeint, denn direkt nach Ablauf leerte er seine Tasse in einem Schluck und stand auf.

„Dann gehen wir mal hinüber zu den anderen.“

Er winkte mich herüber und hämmerte vier Mal gegen die Türe, die sich augenblicklich öffnete. Der Jungspund wartete bereits mit einem dampfenden Kaffee in der Hand auf dem trostlosen Flur. Er hatte sich die Sonnenbrille aufgesetzt und sein Gesicht in eine starre Maske verwandelt. Keine Regung war darauf erkennbar, als der Alte ihn bat, die Anderen zu uns in den großen Verhörraum zu bringen. Aber er spurte und verschwand hinter der nächsten Ecke.

Der alte Wächter führte mich unterdessen in einen größeren Raum mit einem Tisch, der beinahe etwas von einem Konferenztisch hatte. Etwas gemütlicheres Licht, eine Pflanze in der Ecke und einen Bildschirm am Kopfende, und es hätte durchaus ein brauchbarer Versammlungsraum sein können. In einem der Stühle saß Lena, ließ die Füße baumeln und summte verträumt vor sich hin. Als wir den Raum betraten, spitzte sie zwar neugierig die Ohren, unterbrach ihre Melodie aber für keine Sekunde. Auch nicht, als ich sie begrüßte und auf einem freien Stuhl Platz nahm. Sie nickte nur lächelnd in meine Richtung.

Tom wurde als Erster zu uns gebracht. Seine Haare waren zerzaust, das Gesicht und die Kleidung zerknittert und seine Augen winzig. Es war offensichtlich, dass er geschlafen hatte, und gerade erst wach geworden war. Ich musste kichern und beschrieb Lena aus Gewohnheit die Szene. Selbst der alte Orakelwächter schien amüsiert zu sein, während Tom etwas verlegen die restliche Erde unter seinen Fingernägeln hervor kratzte.

„Was hätte ich denn sonst tun sollen?“, murmelte er entschuldigend. „Ihr Kollege hat beim besten Willen keine sinnvollen Fragen stellen wollen und dieses Weichkoch-Spielchen, was Sie scheinbar so lieben, ist entsetzlich öde. Außerdem waren wir die ganze Nacht unterwegs, da wird man sich doch einmal etwas Ruhe und Schlaf gönnen können.“

Marja und Marten wurden hereingebracht, dann waren wir quasi alleine. Sechs alte Menschen, nur einer davon ein Wächter. Doch unsere Übermacht hätte uns nichts nützen können. Selbst wenn wir ihn überwältigen hätten können, saßen wir im Zentrum des Polizeipräsidiums, mitten in der Stadt. Es bestand überhaupt keine Notwendigkeit, uns besser zu bewachen. Für gesuchte Terroristen, denen angeblich alles zuzutrauen sei, war das aber doch etwas merkwürdig. Tom fand ein vergessenes Getreidekorn, was mit der Erde in seinen Bart gekommen sein musste, und versuchte es zu zerbrechen. Ich konnte ahnen, was in ihm vorging und war nicht überrascht, von seiner Provokation.

„Also, Sie haben uns geweckt. Haben Sie denn wenigstens bessere Fragen, oder darf ich mich wieder schlafen legen? Wie gesagt, Ihr Kollege war nicht sehr geschickt. Ich frage mich, ob ihm überhaupt jemand gesagt hat, weswegen er hier ist.“

„Die Orakelwache ist nicht darüber informiert worden, warum genau Sie hier alle versammelt sind. Wir haben nur die Informationen aus den Nachrichten weitergegeben bekommen, die offiziellen Polizeiberichte. Das Orakel selbst hält sich recht bedeckt, was Ihren Fall angeht, was mir verwunderlich vorkommt. Umso mehr, zumal wir unsere Aufträge ja direkt von dort erhalten. Jemand anderes hat noch seine Finger im Spiel. Ich nehme an, Sie alle kennen den Namen Gunter Wyzim.“

Er erwartete nicht ernsthaft eine Antwort und fuhr ohne Unterbrechung fort. Tom machte spätestens jetzt keine Anstalten mehr, sich schlafen zu legen. Das hier versprach auf einmal, sehr spannend zu werden.

„Ich habe jedenfalls die Vermutung, das Wyzim in die Angelegenheit involviert ist. Er ist in letzter Zeit mit Interessen an Infrastruktur, Sprengstoffen und Chemikalien auffällig geworden, die nicht zum üblichen Repertoire eines Arztes gehören. Außerdem wird der Wache hier etwas verheimlicht und das gefällt mir nicht.

Wir haben im Laufe der Ermittlungen bereits einige Unverstorbene in Gewahrsam nehmen und an Sektor 42 übergeben können. In welcher Beziehung standen Sie zueinander?“

Lena übernahm das Antworten und sie schien den Wächter dabei genau in die Augen zu sehen. Für uns, die wir sie bereits länger kanten war es ein Anblick zum Gruseln, der alle Nackenhaare senkrecht stehen ließ. Ihre Stimme war klar und nüchtern, was sie absolut gespenstisch wirken ließ. Es hätte mich nicht überrascht, wenn diese winzige Person nicht auf dem Tisch gesessen, sondern etliche Zentimeter darüber geschwebt hätte.

„Wir sind alle Untote, wie Sie ja bereits festgestellt haben. Das war es dann auch bereits. Es wird vielleicht eine überraschende Enttäuschung sein, aber es gibt keine geheime Kartei von Untoten. Wir sind uns alle mehr oder weniger zufällig begegnet. Wenn jemand sein Leben lang in der Überzeugung lebt, sein Leben endet an einem bestimmten Tag, aber das tritt nicht ein, dann erkennt man das recht gut.“

„Wie ausgesprochen bedauerlich. Wir haben in Ihrem Versteck sechs eingerichtete Zimmer vorgefunden. Außerdem haben sie bedeutende Unterstützung von dem Barmann aus dem Vorzimmer und dem Restaurant im Erdgeschoss erhalten. Das Restaurant konnten wir sichern. Dennoch müssten hier wenigstens sieben Leute sitzen, ich zähle aber nur fünf. Was möchten Sie mir dazu erzählen?“

Wieder war es Lena, die spontan das Wort ergriff, nur diesmal schwang ein Hauch Ungeduld in ihrer Stimme mit. Das Gespenst schien zu wachsen.

„Der alte Jay hat sich Selime geschnappt und ist mit ihr nach Trantor gefahren, zu ihrer Tochter. Das war noch bevor Sie den Güterzug gesprengt haben, um Ihren Angriff auf uns zu legitimieren.“

In diesem Moment ging so viel im Gesicht des Orakelwächters vor, dass es völlig gleichgültig war, ob er die Sonnenbrille trug oder nicht. Er durchlebte gleich alle Emotionen auf einmal, abwechselnd, vor und zurück. Als wäre er tief beleidigt, stinksauer und gelangweilt zugleich, während er den besten Witz aller Zeiten gehört hatte. Plötzlich wirkte er nicht mehr so sehr wie Mitte fünfzig, sondern eher wie siebzig.

„Oma, ich bitte Dich. Ich versuche hier auch nur, meinen Job zu machen. Wem willst du eine solche Geschichte glaubhaft machen? Wir wissen beide, dass Selime ohne Ausweis nicht verreisen kann und Jay riskiert auffällig zu werden, sobald er ein Terminal benutzt. Also könntest Du uns den Gefallen tun und das hier ein wenig ernst nehmen?“

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