Exitus XV

„Oma, ich bitte Dich. Ich versuche hier auch nur, meinen Job zu machen. Wem willst du eine solche Geschichte glaubhaft machen? Wir wissen beide, dass Selime ohne Ausweis nicht verreisen kann und Jay riskiert auffällig zu werden, sobald er ein Terminal benutzt. Also könntest Du uns den Gefallen tun und das hier ein wenig ernst nehmen?“

Jetzt war es an Tom, die Kontrolle über seine Gesichtszüge zu verlieren. Er hatte auf Antworten gehofft und unverhofft Respektlosigkeiten präsentiert bekommen. Sein Temperament ging mit ihm durch.

„Oma? Wir sind vielleicht in keiner Position, wo wir großartig fordern können aber auch Orakelwachen sind nicht unverwundbar, wenn sie sich nicht benehmen können …“

Er setzte zu einer ausgedehnten Wuttirade an, doch Lena griff zielsicher nach seiner Schulter und nahm ihn an die Hand. Sie schien den Wächter genau anzusehen, ihn mit ihren blinden Augen zu fixieren. Es war nicht das erste Mal, dass ich daran zweifelte, ob sie wirklich so völlig blind war.

„Lass gut sein, Tom. Das ist schon in Ordnung.“ Sie wandte sich wieder an den Wächter. „Tut mir leid, Bubi, aber ich kann Dir nicht sagen, wo sie sind. Mit einem Lieferwagen kann man übrigens auch ohne Ausweis fahren, solange man nicht kontrolliert wird. Aber erwartest du wirklich, dass ich Dir verrate, wo meine Freunde hin sind? Hier, in diesem Gebäude? Du hast uns zwar erzählt, dass Doktor Wyzim uns jagt aber wir wissen weder wieso, noch wo er im Augenblick ist. Ich wäre also um einen Plan recht dankbar. Wie soll es weitergehen?“

Der Wächter lehnte sich an die Tischkante und sah nachdenklich aus. Offenbar war es auch für ihn alles ein Rätsel oder Puzzlespiel. Und als er zu einer Antwort ansetzte, kam sie ihm zwar etwas zögerlich aber sehr ehrlich und ruhig über die Lippen.

„Nach allem, was man so hört, zeigt Wyzim in letzter Zeit gewisse Obsessionen. Er hat sich wohl schon länger mit der Thematik befasst, dass nicht jeder Mensch stirbt, wie das Orakel es prophezeit. Aber als dann vor einem Jahr die Entsorger einen Körper nicht finden konnten und er das mitbekommen hat, begann er wohl Gespenster zu sehen. Es mag damit zusammenhängen, dass seine Frau wohl schwer krank ist und sein Sohn vor zwanzig Jahren völlig überraschend gestorben ist. Ich kenne jemanden in Abteilung 42, der von ungewöhnlichen Vorgängen berichtet.“

Er zögerte einen Moment, schien mit sich selbst zu ringen, was er weiter erzählen wollte, ohne sich der Lächerlichkeit preiszugeben. Offensichtlich war es ein empfindliches Thema für ihn, von dem er nicht viel hielt. Lena gönnte ihm seine Pause nicht.

„Ich habe den Verdacht, alles, was in Abteilung 42 geschieht, kann als ungewöhnlicher Vorgang eingestuft werden. Weißt du, was damit genau gemeint ist? Und wieso wir nicht gleich dorthin gebracht wurden?“

„Das Meiste, was in Abteilung 42 vor sich geht, ist tatsächlich sehr unspektakulär. Vielleicht einige etwas unkonventionellere Verhörmethoden oder Versuche, die nicht protokolliert werden sollen. Aber vielfach ist es einfach nur der Ruf der Abteilung, welche die erwünschte Wirkung erzielt. In den wenigsten Fällen werden die Verantwortlichen dort wirklich kreativ. Wenn das der Fall ist, dann besteht auch meistens eine Verbindung zu unserem Doktor Wyzim. Er hat eine erstaunliche Erfolgsquote. Oder eine Erschreckende, je nachdem, von welchem Standpunkt aus man es betrachtet. Aber Untersuchungen zum Thema Vampirismus sind selbst für seine Verhältnisse seltsam.

Vor wenigen Jahren soll er dann erstmals eine Untote in seine Abteilung geholt haben. Eine ältere Dame namens Emma Barfi. Die Entsorger haben sie morgens in ihrer Wohnung vorgefunden, alleine, lebendig und völlig verstört. Sie hatte keine Chance, zu begreifen, was mit ihr geschehen war und Wyzim muss die arme Frau gründlich verstümmelt haben, in seiner Suche nach Antworten. Ihr wisst es alle selbst am Besten: Untote sind nicht unverwundbar oder besitzen etwa übernatürliche Heilkräfte. Was einmal ab ist, das bleibt es auch. Sie sterben lediglich nicht zum prognostizierten Datum, manche auch später nicht. Das einzige Vermächtnis der Emma Barfi war, dass sich Untote anatomisch nicht von Normalsterblichen unterscheiden. Und fast alles, was ich euch hier erzähle, beruht ausschließlich auf Gerüchten, Erzählungen und Vermutungen. Emma Barfis Existenz endet mit ihrem Todestag und nichts Offizielles weist darauf hin, dass danach noch etwas folgte.

Möglicherweise folgten danach noch zwei weitere Untote ihrem Schicksal. Niemand führt darüber Register und es ist einer der Daseinsberechtigungen von Abteilung 42, dass das so bleibt. Selbst das Orakel bekommt nur sehr wenig Schriftliches von dort. Und Wyzim selbst habe ich auch nie kennengelernt. Daher kann ich absolut nicht sagen, was von den Geschichten realistisch ist und was zu den gezielten Fehlinformationen zählt, die gestreut werden, um den Ruf der Einrichtung zu festigen. Ein Hinweis ist vielleicht, dass es den Leuten aus Abteilung 42 selbst unangenehm zu sein scheint, dieses Thema anzusprechen. Mein Bekannter dort hat keinen Zweifel daran gelassen, dass er es für unehrenhafte Forschung hält. Und Wyzims Motivation scheint persönlicher Natur zu sein. Ein privater Rachefeldzug gegen einen falschen Feind.

Und was euch betrifft, ihr seid nicht von Wyzim oder einer seiner Einheiten ausgegriffen worden, sondern von einer der Orakelwache unterstehenden Antiterroreinheit. Der Einzigen, die wir besitzen, um ganz offen zu sein. Obwohl die uns unterstehen, sind sie als Polizeieinheit registriert und arbeiten hauptsächlich als solche. Es gibt schließlich nur sehr geringe Notwendigkeit für Antiterroreinsätze. Folglich wurdet ihr dann zur ersten Befragung ins Polizeipräsidium gebracht. Da nach euch als Terroristen gefahndet wurde, ist es dennoch unsere Angelegenheit, und wenn mich nicht alles täuscht, wird auch Doktor Wyzim bald vorbei kommen wollen.

Es war wohl reiner Zufall, dass sie euch überhaupt gefunden haben. Den Kommandounterposten habt ihr scheinbar völlig unbemerkt passiert. Es war nur bekannt, dass ihr die Stadt verlassen habt, nicht die Richtung. Daher wurden alle Einheiten extrem weit gestreut, um möglichst viel Fläche abzudecken. Hättet ihr euch einen Tag später zur Abreise entschlossen, wärt ihr entweder in eurem Versteck gefunden worden, oder problemlos durchgekommen. Wahrscheinlicher ist das Zweite. Die Suche war im Abbruch begriffen.“

Ich weiß nicht, was ich erwartet hatte. Wo blieb der Triumph angesichts unserer Festnahme? Was war mit der Dominanz der Orakelwache? Was war das für eine Befragung, bei der unser Ermittler sich ohne zu Zögern Lenas Autorität unterordnete und uns die internen Details so zwanglos offenlegte? Da stand nun dieser Berg von einem Mann, einen filigranen Teebecher in der Hand, blickte mürrisch auf die Uhr und murmelte ein „damit hättet ihr uns viel Ärger ersparen können“ in den nicht vorhandenen Bart. Ich war nie besonders empathisch gewesen, aber als er nun schwer seufzte, tat er mir ehrlich leid. Es war offensichtlich, dass er sich große Sorgen machte. Wieder war es Lena, die ihn von seiner Uhr losriss. Ihre Stimme hätte hart oder gereizt sein können, aber auch wenn sie fest und bestimmt war, fühlte sie sich dennoch sanft und einfühlsam an.

„Der Plan, Bubi. Gibt es einen?“

„… ja … ja es gibt einen, aber er gefällt mir nicht besonders gut. Viele graue Stellen und Ungewissheiten. Ihr habt uns nicht viel Zeit gelassen, Oma, und du weißt, wie schlecht ich immer im Improvisieren war.“

„Es wäre zu riskant gewesen, dich im Vorfeld zu unterrichten. Wir mussten möglichst totale Funkstille halten.“

„Ich mache dir ja keinen Vorwurf, aber leichter wird es dadurch nicht. Wir werden euch jetzt dann nach Abteilung 42 überstellen. Dafür werden wir euch in einen Transporter und zu den Räumlichkeiten im Keller des Orakelturms fahren. Vor der Türe lauern bereits die Medien, die eine Aufnahme von den Terroristen erhaschen wollen. Um besser vor eventuellen Übergriffen geschützt zu sein, werden einige Täuschfahrzeuge auf anderen Routen unterwegs sein. Eines davon werde ich fahren, mit euch im Laderaum.

Es ist wichtig, dass ihr perfekt mitspielt. Wenn wir auffliegen, sind wir alle im besten Fall Sekunden später erschossen. Viele Leute riskieren sehr viel dafür, ein paar nicht mehr existente Personen zu retten. Bitte seid euch dessen bewusst.“ Er machte eine kurze Pause, sah erneut auf die Uhr und straffte seine Haltung. „Trinkt jetzt aus, wir müssen los.“

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