Hörsaalgetuschel – Ausgabe 128.

Geläster

Für Mia mochte es ein ungewohnter Start in eine Hausarbeit sein. Normalerweise sammelte sie nur schnell die nötigen Bücher zusammen, lud sich passende Paper oder Artikel herunter und verkroch sich dann mit ihrem Laptop an den heimischen Schreibtisch oder ins Bett. Doch im Augenblick war ihr in der Wohnung zu viel Lärm mit der Baustelle im Nachbarhaus. Ihre Hoffnung war gewesen, dass der gleichmäßige und gedämpfte Lärm eifrig lernender Studenten, eine unauffällige Hintergrundmusik sein würde, zu der sie selbst auch fleißig sein konnte.

Für eine Weile hatte es auch geklappt. Sie hatte einige Paper überflogen und die Hälfte gleich wieder als für das Thema irrelevant gekennzeichnet. Zwei Bücher hatte sie ebenfalls schon durchgearbeitet, alles Hilfreiche raus geschrieben und sie gleich wieder auf den Stapel zur Rückgabe gelegt. Und eigentlich hätte sie auch gerne etwas Musik nebenbei gehört, wenn sie denn etwas Passendes dabei gehabt hätte. Gegen die doch ablenkenden Störgeräusche hätte das sicherlich gut helfen können. Doch sie hätte auch nicht bemerkt, dass die Stimmen, welche durch die dünne Trennwand der Lernkabine hallten, nicht unbekannt waren. Sie gehörten zu Jens und Ole, Kommilitonen seit dem ersten Semester, die sie zwar kannte, mit denen sie aber nie viel zu tun gehabt hatte.

„Boa alter, check die da mal. Blaue Jacke, geht gerade raus. Hammer Teile!“

„Nicht so auffällig, man. Kann das nicht auch Push-Up sein? Die sind sonst echt hart.“

Ganz offenbar waren sie beide nicht mit Lernen beschäftigt. Stattdessen führten sie detaillierte Beobachtungen und Diskussionen durch, wenn man es denn so nennen wollte.

„Glaube ich nicht, die könnten schon wirklich echt sein. Ines trägt viel Push-Up, schon mal drauf geachtet? Nicht, dass sie es nötig hätte, aber egal.“

„Dein Ernst? Ines? Alter, die sieht voll bitchy aus, was willst du von der?“

„Was für bitchy? Ich weiß ja, du stehst nicht auf Blond, aber selbst du musst zugeben, dass die echt scharf ist.“

„Naja gut, ich mach sie dir nicht streitig, also viel Spaß. Aber wolltest du nicht was von der Kleinen aus dem Methodenseminar? Heißt die Tina?“

„Ja, Tina, aber bei der muss man echt aufpassen. Irgendwas läuft bei der voll seltsam. Irgendwann wollte die angeblich mal was von Florian, hat sich dann aber übelst an diesen Erik ran gemacht und ist jetzt mit Marco zusammen.“

Mia hatte nie viel auf Klischees gegeben. Besonders, wenn es an Geschlechterrollen ging, wollte sie sich nicht mit dem Status quo zufriedengeben. Daher war ihr auch durchaus bewusst, dass auch Männer gerne einmal lästerten und tratschten. Das Ausmaß, wessen sie hier gerade Zeuge wurde, überraschte sie aber dann doch. Es fiel ihr ein Spruch ein, den sie einmal gelesen hatte, oder besser gesagt, ein Teil davon. Kleine Geister reden über Leute. Sie konnte sich nicht mehr an den anderen Teil erinnern. Irgendeine noble Eigenschaft größerer Geister musste es gewesen sein. Aber für den Augenblick reichte dieses Fragment völlig.

„Verdammt viel Verkehr. Wer soll da noch den Überblick behalten?“

„Musst du gerade sagen. Du springst doch selbst jedes Wochenende auf ne andere. Findest wohl keine, die dich nen zweites Mal lassen würde.“

„Schnauze. Außerdem hab ich Gerüchte gehört, dass die angeblich schwanger ist. Ob sie wenigstens weiß, von wem? Erik oder Marco?“

Die Beiden hatten ganz offenbar keine Ahnung, dass sie neben ihnen saß und zuhören konnte. Auch wenn Erik sich dem Gedanken zu verweigern schien, Mia wusste genau, dass Tina ihn nicht einfach nur als Freund betrachtete. Allein das bloße Hirngespinst, dass es jemand für möglich hielt, ihr Freund könnte Tina geschwängert haben, versetzte ihr einen empfindlichen Stich.

„Erik ist doch mit Mia zusammen, der Riesenfrau. Das wird der auch nicht aufs Spiel setzen, die zieht ihn doch durchs ganze Studium. Jede Wette, wenn die mal Kinder bekommen, bleibt er als Papa zu Hause. In der Beziehung ist sie der Kerl.“

Ja, und ich bin mehr Kerl und mehr Frau, als du überhaupt vertragen könntest, ging es Mia durch den Kopf. Vielleicht könnte sie Teile dieser Aussagen als Kompliment aufnehmen. Zum Beispiel, dass sie gut genug für zwei war, oder dass sie charakterstark war. Aber sie wollte einfach nicht. Es war gerade so viel einfacher, sich über diese zwei Kleingeister hinweg zu setzen und sich über haltlose und fantasievolle Unterstellungen zu ärgern. Wenigstens würde sie beim Training nachher dadurch sicherlich einen gründlichen Vorteil haben.

Strickmob im Ringpark

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