Exitus XV

Als wir auf den leeren Flur hinausgetreten waren, hörte ich Tom und Lena leise tuscheln.

„Was hat das denn nun wieder zu bedeuten? Oma? Und das lässt du dir bieten?“

„Er ist mein jüngster Enkel. Still jetzt, wir wollen nicht noch mehr riskieren.“

„Du machst mich fertig mit deinen Geheimnissen.“

Nackter Beton, ein Labyrinth aus Gängen aber im groben auch der Weg, den wir gekommen waren. Keine Gesichter, nur vereinzelte Polizeidrohnen, vor und hinter uns jeweils ein Orakelwächter. Auf einmal schienen wir doch wieder recht harmlos zu sein. Aber ich müsste lügen, wenn ich behauptete, es noch bewusst wahrgenommen zu haben. Die Welt schien sich hinter einem wohlig gleichgültigen Schleier zu verstecken, von Müdigkeit schön glatt und faltenfrei gebügelt. Schemen, die sich um mich herum bewegten, genau, wie ich selbst nicht mehr viel mehr war, als ein wandelnder Schatten.

Bei unserer Ankunft war mir die Garage nur wie ein riesengroßer leerer Raum vorgekommen, genau so kalt und kahl wie der Rest des Gebäudes. Jetzt konnte ich erkennen, dass der Raum überhaupt nicht so groß war. Mit den fünf neutralen Ziviltransportern der Polizei war er voll. Es waren nicht solche, wie die, mit denen wir hier hergebracht worden waren oder vorher aus der Stadt hinaus. Das hier waren die Modelle für verdeckte Operationen, an denen nichts von außen darauf hinwies, dass es sich um behördliche Fahrzeuge handelte. Von diesen Lieferwagen waren Hunderte, wenn nicht Tausende auf den Straßen der Stadt unterwegs. Sie waren also ideal, wenn man nicht auffallen wollte und offensichtlich wollten wir das nicht. Vielleicht hatte selbst das Orakel inzwischen Angst vor den Geistern, die es heraufbeschworen hatte.

Zunächst dachte ich, entlang der Wand würden weitere Orakelwächter stehen und warten. Doch alles, was sie wie Wächter erscheinen ließ, waren die dunklen Sonnenbrillen und Oberteile. Bereits die Hosen gehörten wieder zur üblichen Polizeiuniform. Sie mussten als Fahrer für die übrigen Transporter abgestellt worden sein. Sie wirkten unruhig und nervös. Menschliche Polizisten wurden nur in Einzelfällen im Außendienst eingesetzt und das wir ein solcher Ausnahmefall sein sollten, schien ihnen nicht geheuer zu sein.

Der Wächter steuerte zielsicher auf eines der Fahrzeuge zu, während sein Kollege sich ein anderes aussuchte. Ich war davon ausgegangen, dass sich die Polizisten in Bewegung setzten, sobald deutlich war, welche Fahrzeuge noch frei waren. Doch sie rührten sich nicht, blickten sich nur extra nervös um und bemühten sich um eine straffe Haltung. Stumm beobachteten sie, wie Marten und Marja, auf Befehl der beiden Orakelwächter, Lena in den Frachtraum eines der Transporter zogen. Tom half von unten mit, doch die Szene wurde gestört.

Ein schlurfender Gang und das gleichmäßige Pochen eines hölzernen Spazierstocks, auf den sich jemand schwer abstützt, hallte durch die Gänge, kam immer näher. Die Polizisten nahmen unwillkürlich Haltung an und wagten kaum zu atmen. Generell schien das Pochen des Stocks jedes andere Geräusch zu verdrängen. Im Film würde jetzt ganz leise eine bedrohliche Musik eingespielt werden, die maximale Spannung erzeugen sollte. Das war hier nur unserer Fantasie überlassen. Was mir dafür auffiel, war die Unregelmäßigkeit der Schritte. So, als müsse sich die betreffende Person für jeden Schritt sehr bewusst konzentrieren. Und dann kam er um die Ecke und stand vor uns. Doktor Wyzim, mit wutverzerrtem, hochroten Kopf.

Gunter Wyzim war, um ganz ehrlich zu sein, eine Enttäuschung. Der Mann, der mich ein gutes Jahr gejagt hatte, der gleich zwei Terroranschläge inszeniert hatte und die versammelte Polizei von Olimpia auf die Spuren von mir und meinen Freunden gesetzt hatte, war nichts weiter als ein Greis. Ein giftiger alter Mann mit ungepflegtem Haar, schlecht rasiert und in zerknitterter Kleidung. Mir war bewusst, dass auch ich aktuell alles andere als eine beeindruckende Erscheinung war, trotzdem war ich bereits zum zweiten Mal in dieser Nacht enttäuscht und beleidigt, von dem, was mir hier geboten wurde. Schnaubend musterte er uns, während er sich an seinen Stock klammerte, ließ seinen Blick über Lena, Marten und Marja im Transporter gleiten, betrachtete Tom auf der Trittstufe und zuletzt mich. Die beiden Wächter ignorierte er regelrecht zwanghaft.

„Fünf!“ Seine Stimme war matt, rasselte und hatte so überhaupt gar nichts Beeindruckendes an sich. „Mehr habt ihr nicht gefunden? Fünf? Wie viele habt ihr verloren? Wenigstens einer muss es ja gewesen sein, sonst müssten wir uns nicht mit dieser Scheiße hier befassen!“

Mit diesen Worten griff er in seinen fleckigen Kittel, zerrte ein Bündel Papier heraus und schmiss es den Polizisten vor die Füße. Ich erkannte Textsatz und die Anordnung der Bilder eher, als dass ich auch nur ein Wort hätte lesen können. Es waren Martens Flugblätter, für die er so verzweifelt einen Verleger gesucht hatte. Hier waren sie nun, auf dem sauberen blass rosanem Papier der Verwaltungsbehörden gedruckt. Die angesprochenen Menschen hüllten sich in betretenes Schweigen. Ihre straffe Haltung hatte hier und da bereits etwas gelitten, der ein oder andere Kopf hatte sich kaum merklich zwischen seine Schultern zurückgezogen. Sie schienen meine Auffassung nicht zu teilen, dass Wyzims Wutausbruch eine gewisse Komik besaß.

„Die Hälfte aller Radiosender liest das hier alles schön vor und wenigstens jeder zehnte Netzwerkdrucker spuckt diesen Dreck in Großserie aus. Das ist also der Weg, wie die Polizei unserer schönen Stadt mit Terroristen umgeht? Sie hilft ihnen bei der Verbreitung ihrer Propaganda? Sechs Zimmer und die Helfer, wo sind also die Anderen?“

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