Hörsaalgetuschel – Ausgabe 130.

Streichungen

Mia saß im Seminarraum und träumte vor sich hin. Sie hatte sich in letzter Zeit viele Gedanken gemacht, wie sie ihre Beziehung sehen wollte. Einerseits war ihr Verhältnis zu Erik in den letzten Monaten immer besser geworden. Es fiel ihr leichter, sich ihm zu öffnen, vertrauen zu schenken und sie fühlte sich generell wohler in seiner Nähe. Es fiel ihr immer noch schwer, zu begreifen, dass sie sich nicht unsicher wegen ihres Körpers fühlen musste. Was sie selbst nicht an sich leiden konnte, das störte ihn nicht im geringsten. Besonders ihre Größe, für die sie sich immer etwas geschämt hatte, und die es ihr so schwer machte, unauffällig irgendwo zu sein, schien er zu abgöttisch lieben.

Und doch waren da Punkte, an denen sie sich einfach störte. Zum Beispiel, dass er weiterhin dermaßen unbedarft mit Tina umging. Es war offensichtlich, dass sie Erik anhimmelte und genau so offensichtlich, dass es nicht auf Gegenseitigkeit beruhte. Irgendwie tat ihr das gut zwei Köpfe kleinere Mädchen sogar etwas leid. So oft sie auch auf das Bollwerk Erik einstürmte, außer einem gebrochenen Herzen gab es dort nichts für sie zu holen. Mia hatte, was Tina wollte und nicht haben konnte. Irgendwie war das ein gutes Gefühl. Aber Tina hatte auch etwas, um das Mia sie beneidete. Demnächst wenigstens.

Noch vor einem Jahr hätte sie es Tina ausgesprochen übel genommen, sich Erik als Vater für ihr Kind zu wünschen. Inzwischen aber waren sie alle deutlich reifer und gefestigter, hatte sie den Eindruck. Worüber sollte sie sich also ärgern?

Neben diesen Gedanken kam ein zweiter Handlungsstrang in ihr Bewusstsein. Es war noch immer sehr ruhig im Seminarraum. Lediglich zwei Kommilitoninnen saßen in der letzten Reihe und unterhielten sich gedämpft. Und der Dozent selbst war nach aktuellem Stand eine Minute überfällig. Geringschätzig zog sie die Stirn kraus. Unpünktlichkeit zeugte von Nachlässigkeit und das konnte sie nicht leiden. Oder war sie im falschen Raum? Sie musste im falschen Raum sein. Sie wären doch mehr als nur drei Leute im Seminar. Auch wenn sie den Kurs nicht benötigte, sie wollte ihn für zusätzliche Leistungen belegen und um eventuelle schlechtere Noten in anderen Bereichen ausgleichen zu können. Hektisch schlug sie ihren Planer auf und überprüfte den Raum. Doch, sie war richtig. Eine Mail hatte sie auch nicht bekommen, dass der Kurs ausfiel oder verlegt werden musste.

Eine Antwort auf ihre Fragen kam nur Sekunden später in Gestalt des etwas abgehetzt wirkenden Dozenten zur Türe hinein. Etwas irritiert guckte er zunächst in die Runde, blickte dann auf die Raumnummer neben der Tür an der Flurwand und kam dann zögerlich hinein.

„Hier ist doch das Seminar Nachhaltigkeit, oder?“

Die letzte reihe bestätigte, Mia nickte etwas unbestimmt.

„Dann stimmt wenigstens der Raum. Ich habe dieses Mal keine Teilnehmerliste bekommen, aber in den letzten Jahren waren wir immer recht gut ausgelastet. Wissen Sie, ob noch andere Teilnehmer kommen oder es nur noch nicht gefunden haben?“

Nein, das wusste niemand. Mia hatte vergeblich versucht Erik oder Flo dafür zu motivieren, aber beide hatten bereits genug von ihrem regulären Programm. Sie hatte nicht damit gerechnet, dass sie hier dermaßen sparsam besetzt waren. Auch in den kommenden fünf Minuten sollte niemand mehr auftauchen und der Dozent blickte mit jeder weiteren verstreichenden betroffener drein. Auch wenn er frohen Mutes gestartet war, stand er nun vor einem Problem.

„Im Moment guckt der Fachbereich verstärkt darauf, dass unsere Regeln und Richtlinien so weit eingehalten werden. Und unser Dekan hat besonders darauf gepocht, dass wir die Arbeitsgruppen in guten Größen halten. Wenn zu wenig Leute da sind, können wir den Kurs nicht durchführen. Wir brauchen wenigstens sechs Leute, sonst haut mir die Institutsleitung auf die Finger. Das ist ein Problem jetzt. Ich verstehe nicht, wieso es so schwer sein kann, den Bedarf abzuschätzen.“

Er wirkte ernsthaft enttäuscht, beteuerte wiederholt, wie sehr er sich auf den Kurs gefreut hatte und Mia glaubte ihm. Sie hatte sich ebenfalls sehr gefreut und fand auch das Thema interessant. Die Hausarbeit und das Referat dazu wären für sie eher Hobby gewesen als handfeste Arbeit, und darauf sollte sie nun verzichten? Aus der nachdenklich verträumten Laune von vorhin war eine doch recht missmutige Grundstimmung im Raum geworden. Lediglich die beiden Mädels in der letzten Reihe schienen irgendwie erleichtert zu sein. Es stellte sich heraus, dass sie nur hier saßen, weil sie in einem anderen Kurs keinen Platz mehr bekommen hatten und dieser Ausfall bot ihnen die Hoffnung, doch noch irgendwie in den Kurs gequetscht werden zu können. Historische Gletscherentwicklung und ihre Morphologie im Hochgebirge, es war Mia ein absolutes Rätsel, wie man sich für so etwas begeistern konnte.

Für Mia hieß das nun, dass sie sich besser auf die anderen Fächer konzentrieren musste. Die machten ihr zwar weniger Spaß, aber sie brauchte die guten Noten. Wenn sie schon nicht mit zusätzlichen ECTS punkten konnte, dann nun wenigstens durch gute Leistungen. Vielleicht wäre sie über diesen Rückschlag weniger niedergeschlagen gewesen, wenn sie gewusst hätte, dass heute Abend mit Räuchertofu, Kartoffeln und bunter Gemüsepfanne eines ihrer Lieblingsgerichte auf sie wartete. Auf diese Weise war dafür die angenehme Überraschung umso größer. Ihr Traum von einem Mann hatte einfach immer ein Gespür dafür, wie er sie verzaubern konnte. Dafür zog sie ihn doch gerne mit durchs Studium.

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