Exitus XVII

Es war nicht mehr eine Drohkulisse, mit der Wyzim uns anstarrte, keine Einschüchterung. In seinen Augen loderte blanker, fanatischer Wahnsinn. Das fleckige Gesicht zu einer von Hass verzerrten Fratze verzerrt, deutete er mit seinem Stock auf mich. Nein, nicht mit dem Stock, nur mit dem Knauf davon. Erst jetzt bemerkte ich, dass es eine Pistole war. Gut getarnt und reich verziert, aber dadurch nicht weniger tödlich, und ihre Mündung zeigte mal auf mich, mal auf Tom. Ich war noch nie in der Situation gewesen, dass eine Waffe auf mich gerichtet wurde.

In den Filmen rannten die Leute dann immer hektisch und schreiend durch die Gegend. Hier waren es lediglich die Polizisten und Orakelwachen, die nervös wurden, aber still blieben. Tom wirkte, als wäre es ihm so schrecklich egal, Marten und Marja hatten sich an die Wand des Transporters gedrückt und waren miteinander beschäftigt, Lena konnte nicht sehen, was geschah und ich selbst war so ruhig, dass es mir selbst bereits unheimlich war. Da wurde ich mit der Waffe bedroht und es war mir einfach völlig egal.

„Dann ist da also doch etwas dran, an den Vampirismus Gerüchten. Wir sollen also unsere Lebenszeit auf Kosten Anderer verlängern? Saugen also die Energie von unseren Mitmenschen ab und bringen sie vorzeitig ins Grab?“

Toms Stimme war ruhig, aber die Langeweile war daraus gewichen. Der leise Spott, den man als solchen erkennen mochte, war viel mehr Ausdruck von Wachsamkeit. Wer ihn nicht kannte, dem mochte das entgehen, aber Tom lauerte und war hellwach. Er wusste, dass Wyzim nicht nur als Drohgebärde auf uns zielte. Er wollte abdrücken und suchte nur noch nach einem Grund. Auch wenn er eigentlich lebende Exemplare haben wollte, tot würden wir eine geringere Gefahr für ihn abgeben. Und Forschung war Forschung, wobei die auch nur noch eine hohle Maske war. Dies hier war ein persönlicher Kreuzzug.

„Spottet nur, solange ihr könnt. Bei mir werdet ihr damit keinen Erfolg haben. Ich weiß, was ihr plant, und selbst wenn ich euch jetzt nicht alle zu fassen bekomme, ihr könnt euch nicht ewig verstecken. Die ganze Stadt jagt euch, niemand wird Euresgleichen mehr schützen. Ihr seht also, eure beste Option ist es, euch einfach zu ergeben und mitzukommen. Wir können gemeinsam eine Heilung finden, damit keine weiteren Unschuldigen sterben müssen.“

„Wohin mitkommen? Abteilung 42? Ich dachte, dahin wären wir eh auf dem Weg. Und du hast die Stirn, uns etwas von unschuldigen Leben zu erzählen, während du, im Gegensatz zu uns, mit deinen Terroranschlägen ganze Blocks vernichtet hast.“

Lena hatte dem Gespräch bislang recht abwesend zugehört, doch nun betrachtete sie Tom mit wachsendem Unbehagen. Das hier mochte genau der Grund gewesen sein, auf den Wyzim gehofft hatte.

„Wart ihr das also? Irgendwie bin ich nicht so überzeugt, dass ihr es auch bis in meine Abteilung geschafft hättet. Was für ein Glück, dass wir uns hier noch begegnet sind, wo ihr es anscheinend kaum noch erwarten könnt, dort einzutreffen. Dann fahren wir mal. Herr Wächter, sie beschützen unsere Freunde im Container, ich fahre.“

Mit diesen Worten setzte er sich in Bewegung, die Pistole immer noch unbestimmt in unsere Richtung wedelnd. Die Orakelwache zögerte, zuckte dann unbestimmt mit den Schultern und ging langsam auf die Heckklappe des Transporters zu. Hinter seiner Stirn konnte man es arbeiten sehen. Auch wenn er sich inzwischen als ein Verbündeter gezeigt hatte, diesen Angriff auf seine Kompetenz durfte er eigentlich nicht ungestraft lassen. Er brauchte nur eine Idee, die ihm nicht kommen wollte.

Es war, als würden die wenigen Sekunden wie Stunden vergehen. Wyzim humpelte auf mich zu, bedeutete mir durch das Wedeln mit der Waffe, in den Transporter zu steigen, und wurde sichtlich nervös, weil ich nicht sofort Folge leistete. Wenn ich jetzt in diesen Wagen stieg, würde das nicht nur mein Ende bedeuten, sondern auch das von Tom, Lena, Marja, Marten und des Wächters. Wyzim würde uns foltern, töten und sezieren. Er würde nicht finden, was er suchte. Er würde in keinem von uns das Leben seines Kindes oder seiner Frau finden. Er würde auch nichts finden, was ihm selbst zu ewigem Leben verhalf. Nicht einmal Rache oder Genugtuung konnte er finden. Solange er nicht wusste, welche Fragen er beantworten wollte, wäre unser aller Tod reine Verschwendung. Und der feine Doktor Wyzim war nicht fähig, die richtigen Fragen zu stellen.

Wahrscheinlicher war sogar, dass er auf dem Weg zu Abteilung 42 die Journalisten überfahren würde, welche auf einen Schnappschuss hofften. Und wenn dort draußen wirklich Martens Flugblätter verlesen wurden, dann dürfte das auch den ein oder anderen Neugierigen auf die Straße locken. Ihre Leben würden ihm noch einmal viel weniger wert sein als unsere. Er hatte Wohnblocks und Brücken gesprengt, nur in der vagen Hoffnung, unserer habhaft zu werden. Selbst wenn wir die Vampire waren, für die er uns hielt, ging von ihm die deutlich größere Gefahr aus. Und das hier war die einzige Chance, meinem Leben eine tiefere Bedeutung zu geben.

„Nein.“

Die Pistole zeigte jetzt genau auf meine Brust. Es war nur ein einzelnes, leise gesprochenes Wort gewesen, doch der Effekt war erstaunlich.

„Nein?“

„Nein! Wir werden nicht fahren.“

Aus dem Augenwinkel konnte ich erkennen, dass Tom die Tür des Transporters schloss und dahinter in Deckung ging. Der Wächter blieb vor Verwunderung danebenstehen, sah irritiert umher und schien wieder einmal überfordert. Sein Kollege war wieder aus seinem Laster geklettert und sah ratlos hinüber, die Polizisten trauten sich ebenfalls nicht, einzuschreiten.

In einer fließenden Bewegung drehte ich mich und lief auf Wyzim zu. Vielleicht war es eine schnelle und plötzliche Bewegung, aber mir erschien sie gemächlich und langsam. Ich hörte den Knall, spürte den Einschlag der Kugel in meinem Brustkorb. Vielleicht ließ es mich auch kurz zucken, aber das war es, nur ein leises, dumpfes Pochen. Mit dem nächsten Schritt erreichte ich den Doktor, griff in seinen Arm und bog ihn zurück. Wohl nur noch aus Reflex drückte er ein zweites Mal ab, Unglaube und Entsetzen in den Augen. Sein Ruf hatte versagt, ebenso seine Erscheinung und seine Einschätzung. Und nun verließ die zweite Kugel ihren Lauf, durchschlug seinen Kiefer und verschwand irgendwo in seinem Gehirn.

Aus Unglaube wurde ein Moment blanker Panik, ehe sein Blick stumpf und leer wurde. Sein Körper erschlaffte, wie in Zeitlupe. Seine Hand rutschte aus der Pistole und sank mit dem Rest zu Boden. Ich hatte gewonnen. Wir hatten gewonnen! Wyzim war tot und keine Gefahr mehr für irgendjemanden. Mir war noch immer nicht deutlich, wieso er uns nun eigentlich umbringen wollte, aber das spielte auch keine Rolle mehr. Wir waren wohl nur der letzte Strohhalm gewesen, den er finden konnte, um einen Verantwortlichen am Tode seiner Geliebten zu finden.

Mit einem fröhlichen Siegeslächeln im Gesicht sah ich mich nach den Anderen um. Vier leichenblasse vor Schock starre Gesichter blickten mich aus dem Transporter an. Der Wächter schien im Sturz eingefroren zu sein. Es brauchte eine Weile, um zu erkennen, dass er auf mich zu stürzte und die träge Masse das Einzige war, was ihn zurückhielt. Und während ich die schwere Pistole noch nachdenklich in der Hand wog, wurde mir bewusst, dass ich bereits seit etlichen Sekunden keinen Herzschlag mehr hatte. Zwei große Hände griffen nach meinen Schultern, im nächsten Moment lag ich bereits auf dem Boden des Transporters, umringt von besorgten Gesichtern.

Wieso? Es gab Grund zur Freude! Sie waren außer Gefahr, oder wenigstens so gut wie. Die Türen waren geschlossen, nur noch die herrlich schummrige Innenbeleuchtung brannte. Wir waren der garantierten Gefangenschaft nebst Folter und Tod entgangen. Ich hatte meine zweite Familie retten können, zum ersten Mal in meinem Leben etwas Heldenhaftes vollbringen können. Mein zufriedenes Lächeln war mehr als angemessen.

Und während ich spürte, wie der Motor anlief, fühlte ich den Nebel, welcher schlussendlich doch in meinen Geist kroch, um für immer zu bleiben. Ich schloss die Augen, atmete aus und es fühlte sich einfach nur noch verdammt gut an.

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