Momente VI

Sengende Sonne strahlt zwischen einzelnen scharfkantig bauschigen Schäfchenwolken hindurch, es wird warm unter der Plexiglashaube. Grünes Gras in vollem Saft zieht sich über das flache Feld, ein feines Stahlkabel, was sich mittig darüber zieht. Am Rand blühen einige Blumen und es schwirren hektisch Bienen und Hummeln umher, nutzen den schönen Frühlingstag bei einem lauen Wind.

Ein kurzer Check, Griff zu den Gurten, zur Verriegelung der Haube, ein Blick links und rechts die strahlend weißen Tragflächen entlang und über die Schulter. Test von Pedalen und Knüppel, alle Ruder und Klappen sind freigängig. Tief durchatmen, die Sehnsucht wirken lassen, es ist alles okay.

Ein weißes Wölkchen schwebt etwa im fünfundvierzig-Grad-Winkel von der Position aus über der Bahn. Der perfekte Wegweiser. Ein kurzes Okay, das Stahlseil strafft sich, zieht an, der Sitz stürmt nach vorne weg und jedes Gramm Körpermasse versucht verzweifelt schritt zu halten und nicht durch die Sitzschale gedrückt zu werden. Keine zwei Sekunden später rattert die Maschine mit knapp über einhundert Kilometern pro Stunde über das Feld, welches plötzlich kaum mehr glatt erscheint. Büsche, Bäume oder Zaunpfähle rasen im Augenwinkel vorbei, nur einen Augenblick, dann wird das Rumpeln von einem gleichmäßigen Rauschen abgelöst. Kaum ein halber Meter Wind liegt zwischen dem Flieger und dem Gras, die Wolke unterdessen ist immer noch an ihrer Position über dem Flugfeld.

Ein sanfter Zug am Knüppel und die Nase zeigt genau auf die Wolke. Wie im Fahrstuhl zerrt das Seil das kleine weiße Flugzeug in die Höhe. Nur schneller, so viel schneller. Steuern ist sinnlos, die Aerodynamik übernimmt es von alleine. Das rauschen wird leiser, die Maschine langsamer, der Winkel flacher. Vor wenigen Augenblicken noch zwischen blühenden Bäumen, nun bereits einen halben Kilometer den wattigen Wolken näher. Ein metallisches Kratzen lässt den Rumpf leise zittern und die Hand geht automatisch zur Seilkupplung. Selbst wenn das Seil etwas zurückgelassen hätte, nun ist es fort.

Ruhe, nur noch der leise Fahrtwind, ein Bellen auf einem Bauernhof weit unten, das ewige Brummen der Autobahn hinter dem nächsten Hügel. Geschwindigkeit okay, Gleitzahl auch. Ein kurzer Blick umher, wo ist welche Wolke? Was soll das Ziel sein? Am Horizont quellen dicke Wolken aus Kühltürmen, periodisches Aufblitzen verrät einen Flieger, der ihre Aufwinde nutzt. Eine kleine Bewegung über die rechte Tragfläche erregt Aufmerksamkeit und weist die Richtung. Einer der Meister zieht seine Kreise und gewinnt rasch an Höhe. Der Falke kann jede Regung der Luft spüren, der Flieger leider nicht. Da hilft nur noch Schätzen und die Erfahrung.

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