Hörsaalgetuschel – Ausgabe 131.

Nachwuchs

Kurz, nachdem Flo zu Kristina gezogen war, hatte sich das Ritual eingebürgert, einmal die Woche mit Erik und Mia gemeinsam in der Mensa essen zu gehen. Zeitweise gesellten sich auch andere Freunde dazu, aber die Drei waren die Stammbesetzung dieser Runde. Heute würden sie nicht hinein gehen, sondern sich nur einen Platz in der Vorhalle suchen, denn Flo hatte mal wieder einen Kuchen dabei, welcher ihr Mittagessen sein würde. Etwas Geduld brauchten sie aber noch, denn Erik war alleine gekommen. Mia hatte mal wieder etwas zu organisieren gehabt und war noch in der Sprechstunde beim Dekan.

„Du kannst sagen, was du willst, aber die Frau treibt mich irgendwann noch in den Wahnsinn.“

So sehr Erik seine Freundin auch bewunderte, so sehr liebte er es, über sie zu meckern. Ob sie anwesend war oder nicht, spielte keine Rolle. Nichts, was er sagte, würde er nicht auch vor ihr so sagen, und wenn sie sich über etwas aufregen oder ärgern wollte, dann tat sie das ebenso unabhängig davon, ob sie es hörte, oder nicht. Und bei allen Unstimmigkeiten konnten sie nicht anders, als sich am Ende jedes Mal wieder zu vertragen. Sie waren absolut süchtig nacheinander und selbst wenn ihre Wohnung zwanzig Zimmer gehabt hätte, sie wären immer maximal im Nebenraum voneinander gewesen.

Flo sah von seinem Telefon auf und machte sich emotional bereit, wieder mitten im Kreuzfeuer zwischen den Schützengräben zu stehen. Bei jedem größeren Streit kam es zwangsläufig zu dem Punkt, wo wenigstens eine der beiden Seiten vor ihm stand, und eine Positionierung forderte. Inzwischen war er sehr geübt darin, eine positiv klingende aber dennoch dermaßen ungefähre Antwort zu geben, aus der ihm auch im Nachhinein kein Strick gedreht werden konnte. Doch das hier klang bereits jetzt nicht nach einem großen Streit, sondern nur geringfügig abweichenden Meinungen.

„Ich weiß ja, dass sie recht eifersüchtig sein kann, aber irgendwo muss doch auch mal gut sein. Seit sie mitbekommt, dass Tina gelegentlich etwas mit mir flirtet, geht sie viel stärker auf mich ein, das ist ja noch etwas Gutes. Aber offenbar bekommt sie es etwas in den falschen Hals, dass Tina ein Kind bekommt.“

„Wieso das? Will sie jetzt auch eins? Du weißt ja, sie ist manches Mal etwas voreilig und hat Angst, etwas zu verpassen. Gib ihr ein bis zwei Wochen, um sich an die Situation zu gewöhnen, und alles ist wieder gut.“

„Du verstehst das nicht so ganz, glaube ich. Sie wird keine Woche warten wollen.“

„Soweit ich weiß, gehören da auch immer zwei zu. Also, was soll sie tun?“

„Eine Katze anschaffen.“

Die Idee war so charmant wie absurd. Das letzte Mal, dass Mia eine Katze gestreichelt hatte, konnte sie für zwei Tage kaum mehr etwas sehen, so sehr hatte der allergische Schock ihre Augen zu quellen lassen. Auch wenn sie die Tiere nach wie vor liebte, sie war zum Abstand gezwungen. Und jetzt wollte sie sich eine Katze als Kindersatz in die Wohnung holen? Flo musste unwillkürlich laut auflachen. Das passte doch alles überhaupt nicht zusammen. Wieso musste es unbedingt eine Katze sein? Weil ein Hund zu viel Auslauf benötigte und ein Meerschweinchen zu uninteressant war? Oder wollte sie doch noch zu einer verrückten alten Katzendame werden?

„Eine Katze? Von allen möglichen Haustieren möchte sie eine Katze haben? Es könnte auf jeden Fall sehr lustig werden, wenn ich mich an das letzte Mal erinnere.“

„Das nennst du lustig? Schlimm genug, dass ich mich dann rund um die Uhr um sie kümmern muss, weil sie selbst zu nicht mehr viel in der Lage sein wird. Aber hast du eine Ahnung, was die Viecher für einen Dreck machen? Also Katzen mein ich jetzt, nicht geblendete Frauen. Überall Haare, Katzenstreu und alles wird nach was auch immer stinken. Wie soll ich denn mit Putzen hinterher kommen, wenn auf jeder Schrankwand dreckige Katzenpfoten Samba tanzen? Soviel kann ich dir jetzt schon sagen, Mia wird sich nicht darum kümmern. Wenn ich Glück habe, achtet sie wenigstens auf die Erziehung.“

„Oh das wird sie schon. Spätestens dann, wenn die Katze ihre verrückten fünf Minuten während ihrer Serie bekommt.“

Konfliktpotenzial vom Feinsten bahnte sich an. Mias spontane Sehnsucht nach einem Kindersatz gegen Eriks ausgeprägten Sauberkeitsfimmel. Wenn es nur um die beiden ging, ging das Zusammenleben ja recht gut, aber ein Haustier? Flo sah darin den denkbar ungeeignetsten Testballon für ein eventuell anstehendes gemeinsames Kind. Aber so oder so, ein Kind pro Semester war doch eigentlich genug. Er sah jedenfalls nicht, dass es eine gute Option für Mia und Erik wäre.

Zu seiner Überraschung sah er nun auch Mia, die sich zügig und in unerwarteter Begleitung näherte. An ihrer Seite bemühte sich Tina, Schritt zu halten. Die beiden Frauen wirkten dabei außerordentlich gut gelaunt. Schon von Weitem winkte Mia Erik und Flo aufgeregt zu, drückte dann ihrem Freund einen Kuss auf den Mund und Flo ihr Handy ins Gesicht.

„Schau mal! Ist sie nicht süß? Vielleicht bekommen wir die Kleine hier als Pflegekind. Erik hat dir wahrscheinlich schon erzählt, dass wir eine Katze adoptieren, oder?“

Da war sie, die Aufforderung, Position zu beziehen, wenn auch etwas versteckt. Natürlich sah Mia nirgendwo ein Problem oder Diskussionsbedarf, vielleicht auch deswegen, weil Erik nie sehr nachdrücklich war.

„Er hat mir erzählt, dass du dir eine Katze wünschst, ihr darüber aber noch einmal reden müsst.“

„Ja siehst du, das ist doch fast das Gleiche. Was gibt es heute zu essen? Ich verhungere!“

20170423_161646

Advertisements

4 Gedanken zu „Hörsaalgetuschel – Ausgabe 131.

  1. Pingback: Inhaltsverzeichnis (in Arbeit) | des Grafen Lesestunde

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s