Exitus XVIII – Ende

Am achtzehnten Juni bin ich gestorben. Mein Ausweis ist abgelaufen, meine Konten wurden geleert und auf die zugewiesenen Erben verteilt, Mietvertrag und alles damit zusammenhängende wurden beendet. Doch es sollte noch einmal etwa ein Jahr dauern, bis ich auch wirklich tot war. Mein Leben mag nicht spektakulär gewesen sein, in weiten Teilen sogar regelrecht langweilig, doch zum Ende hin wurde es noch einmal richtig spannend. Ich muss gestehen, auch wenn es mich selbst erschreckt hat, ich hatte meinen Spaß daran und am Ende ging ich mit einem Lächeln auf den Lippen. Wir hatten gewonnen. Es war ein ungleicher Kampf in einem Spiel, dessen Regeln uns niemand erklärt hatte, und doch hatten wir gesiegt. Was hätte ich denn hiernach noch erreichen wollen?

Ich erfuhr nicht mehr, dass die Anderen es geschafft hatten, die Grenze zu erreichen. Nur wenige Meter auf dem Territorium der Longinius Inseln, und sie waren von Grenzern aufgegriffen worden. Niemand hatte damit gerechnet, doch Mimir kannte die entsprechenden Namen, um ohne weitere Fragen direkt an hohe Stellen weitergeleitet zu werden. Jay hatte die Chance direkt genutzt, um dem Geheimdienst der Longinius Inseln die Flugblätter und die entsprechenden Hintergrundinformationen zukommen zu lassen. Ein wenig Glück und der richtige Name, und die Radiostationen von Olimpia verloren die Kontrolle über ihr Programm.

Ich erfuhr auch nicht mehr, dass unser Laster wenige Minuten später am Krankenhaus hielt. Die Polizei war dermaßen unvorbereitet getroffen worden, dass sie uns wertvolle Minuten Vorsprung schenkten. Auch wenn nur noch mein Tod festgestellt werden konnte, die Anderen schafften noch am gleichen Morgen den Weg über die Grenze, wo sie bereits von Mimir und Jay erwartet wurden. Hattie, Selime und Lukas fanden sie später in einem Hotelzimmer, wo sie völlig erschöpft aber immerhin frisch geduscht eingeschlafen waren.

Aber die Versteckmöglichkeit für meine Freunde war damit fort. Sie waren nicht länger tot, keine Geister im System mehr. Sie erhielten alle wieder Ausweise und offizielle Lizenzen. Lena und Lukas konnten Positionen an der Universität ergattern, Jay eröffnete wieder eine Bar, Tom schaffte es tatsächlich, in sein geliebtes Schattendasein zu verschwinden. Die örtlichen Behörden griffen gerne auf ihn als verdeckten Ermittler im Untergrund zurück. Mimir verschwand irgendwann komplett, tauchte nur dann und wann wieder auf, meldete sich auf der Durchreise. Selime, Hattie, Marten und Marja bezogen gemeinsam ein kleines Landhaus und führten ein unauffälliges, gewöhnliches Leben. Nach fünf Jahren stellten sie erst fest, dass auch Marten bereits seit fast einem Jahr hätte verstorben sein sollen.

Olimpia wurde nach meinem Exitus drei Tage lang von Aufständen gebeutelt. Die Reporter hatten im Chaos ihren Weg in die Polizeistation gefunden, hatten vom Tod Gunter Wyzims erfahren, und die Leute hatten ihre Schlüsse gezogen. Als dann noch ein nicht näher benannter Orakelwächter sensible Akten aus Abteilung 42 an die Nachrichten weiter gab, waren alle Zweifel ausgeräumt. Erst, als das Orakel die Abteilung mit sofortiger Wirkung schloss, die Orakelwache mit einer umfangreichen Untersuchung der Fälle beauftragte und Kompensationen versprach, beruhigte sich die Lage wieder.

Doch auch wenn das Orakel seine Macht festigen und ausbauen konnte, indem es der Wache weitere Freiheiten in ihren Methoden und Berechtigungen verlieh und sie gleichzeitig enger an sich band, es war kein reiner Gewinn. Die reine Möglichkeit, dass ein geliebter Mensch nicht mit seinem festgesetzten Datum gehen würde, machte vielen Mut. Ebenso rief es aber auch viel Neid hervor und die Wunden, welche die wenigen Wochen des Misstrauens gegen die Untoten in die Gesellschaft gerissen hatte, waren tief und sie heilten langsam. Das Wort des Orakels war nicht länger unangezweifeltes Gesetz.

Dreißig Jahre später sollten Lena und Jay noch einmal eine Reise nach Olimpia antreten und eine tief veränderte Stadt antreffen. Zwar voller herzensguter, aber sehr schweigsamer und skeptischer Menschen. Nur mit Mühe fanden sie einen neuen moralischen Kompass zwischen dem Orakel und einer Vielzahl von Herausforderern, die jeder eigene Interessen durchsetzen wollten. Doch sie lernten auch, sich über die kleinen Dinge im Leben zu freuen. Die Stadt mochte vorsichtig geworden sein, doch an Farbenpracht hatte sie nichts verloren.

Das war also mein Vermächtnis. Ein Mensch starb nicht zum vorherbestimmten Zeitpunkt und sein tatsächlicher Tod war der Startschuss in eine neue Ära. Und dabei war mir immer nur ein friedliches Leben für alle Menschen gleichermaßen wichtig gewesen.

Das war meine nicht mehr ganz so kurze Kurzgeschichte zu Jettes Schreib mit mir Teil 21! Ich hoffe, es wird mir nachgesehen, dass ich es nicht mehr bei jedem Beitrag explizit dazu geschrieben habe. Wer von Anfang an dabei ist, der weiß das ja sowieso und so ergibt die Geschichte auch am meisten Sinn. Ich hoffe, sie hatte nicht zu viele Längen oder Lücken und hat Euch gut unterhalten können.

Es ist jedenfalls sehr sehr viel größer geworden, als ursprünglich angedacht gewesen ist aber es hat auf jeden Fall sehr viel Spaß gemacht, zu schreiben. Ein für mich sehr ungewohnter Stil, ein neues, mir selbst recht unbekanntes Setting und eine immer weiter wachsende Welt. Es war eine schöne Herausforderung und eine Übung, mich auf das Wesentliche zu konzentrieren. Hier und da mag es mir ein wenig entglitten sein.

(Für die Zahlenfetischisten: Es sind 23.704 Worte geworden, bestehend aus 150.049 Zeichen, welche in meinem LibreOffice 38 Seiten beschlagnahmen. Für ein spontanes, ungeplantes Nebenprojekt und auch für meine Verhältnisse generell recht umfangreich. Ich bin selbst ziemlich verblüfft.)

Wie hat euch die Geschichte denn gefallen? War sie zu lang oder hätte ich die Welt besser ausarbeiten sollen? Gab es Längen oder habt ihr euch voller Spannung auf den nächsten Beitrag gefreut? Schreib es mir gerne in die Kommentare.

Ich möchte mich herzlich bei allen bedanken, die mich auf dieser Reise begleitet haben und mit freundlichen Kommentaren oder einfach nur einem stummen Lächeln dem Abenteuer gefolgt sind. Besonders lieben Dank natürlich auch noch einmal an Jette / Frau Offenschreiben für das schöne Thema. Bis zum nächsten Mal, gehabt euch wohl 🙂

Exitus.jpg

Advertisements

4 Gedanken zu „Exitus XVIII – Ende

  1. offenschreiben

    Das war eine tolle Geschichte in einer schönen Welt. Danke, dass du dabei warst. Es hat mir großen Spaß gemacht und ich fand nicht, dass du Längen hattest. Ich habe mich auf jeden neuen Teil gefreut. Das Ende ist dir auch super gelungen.
    Liebe Grüße 🙂

    Gefällt 1 Person

    Antwort
    1. dergrafvonborg Autor

      Ganz lieben Dank für deine tollen Worte. Es hat mir echt riesig viel Spaß gemacht, die Geschichte zu schreiben und die Welt wachsen zu sehen. Ich bin immer noch überrascht, was aus deinem Samenkorn hier gewachsen ist. Vielen Dank auch noch einmal dafür und liebe Grüße 🙂

      Gefällt 1 Person

      Antwort
    1. dergrafvonborg Autor

      Vielen Dank für deine lieben Worte 🙂 Es freut mich wirklich sehr, dass sie so gut angekommen ist. Ich werde sie wohl irgendwie vermissen und muss mir etwas überlegen, wohin denn die nächste Reise geht. Vielen Dank euch allen auch dafür, dass ihr so eifrig mitgefiebert und die Treue gehalten habt 🙂

      Gefällt 1 Person

      Antwort

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s