Hörsaalgetuschel – Ausgabe 132.

Drei sind Einer zu viel?

Es war wieder einmal einer dieser Tage, in denen Erik das tat, was er mit am besten konnte. Er machte sich Sorgen. Und wieder einmal über etwas, worüber er mit niemandem reden konnte. Vielleicht hätte er mit Flo darüber reden können, wenn er sich das getraut hätte, aber heute hatte er keine Veranstaltungen in der Uni und arbeitete stattdessen von zu Hause aus. Also saß er alleine vor seinem Kaffee in der Mensa und rührte lustlos darin herum. Mia sollte besser nicht wissen, dass er sich seinen Kopf über Tina zerbrach.

Seit Wochen hatte er sie nicht mehr wirklich lächeln gesehen. Es war, als habe sie sich die Sorgen der Welt auf ihre Schultern geladen und abgesehen von dem ein oder anderen flüchtigen Lächeln, welches es niemals bis zu ihren Augen schaffte, hatte sie im Idealfall ein ernstes Gesicht. Teilweise mochte das mit Marcos Reaktion auf ihre Schwangerschaft zu tun haben. Verständnis war nicht unbedingt das richtige Wort dafür gewesen. Er war eher völlig ausgerastet, hatte sie wüst beschimpft, angebrüllt und deutlich gemacht, dass er absolut nicht für die Idee zu begeistern war, Vater zu werden. Zu den charmanteren Aktionen hatte noch gehört, dass er ihr einen fünfzig Euro Schein in den Ausschnitt gestopft hatte, um wenigstens seine „Schulden für den Sex“ abzubezahlen.

Seitdem hatte ihn dann niemand mehr gesehen. Sein Wohnheimzimmer war dunkel und der Hausmeister scharrte bereits mit den Füßen, den Raum neu vermieten zu können. Seine Freunde gaben vor, von nichts zu wissen und seine Familie kannte Tina nicht. Nur über viele Ecken und Gerüchte hatte sie erfahren, dass er angeblich die Uni gewechselt hatte und jetzt lagen wenigstens zweihundert Kilometer zwischen ihnen. Irgendwie war Erik nicht überrascht gewesen, als sie ihm das erzählt hatte.

Tina verschwendete keine Zeit darauf, ihn zu suchen. Sie verbrachte jeden verfügbaren Tag und jede freie Stunde mit Arbeiten. Erik wusste nicht, ob sie inzwischen mit ihren Eltern darüber geredet hatte, aber mit Unterstützung rechnete sie sowieso nicht. Also kämpfte sie, um die verbleibende Zeit gut genug zu nutzen, um alles Notwendige anschaffen zu können. Ihre Noten würden gründlich darunter leiden, das war bereits jetzt absehbar. Und auch das war nicht hilfreich, um ihre Laune zu heben. Statt sich auf das Kind zu freuen, wurde sie also nur bitter, und Erik hatte keine Ahnung, wie er ihr helfen konnte.

Er wusste aber auch nicht, wie weit er ihr überhaupt helfen sollte. Am Ende des Tages hatte er immer noch eine Freundin. Auch wenn Mia in letzter Zeit erstaunlich intensiv Tinas Freundschaft suchte, traute er dem Braten nicht. Die beiden waren einfach ein ungleiches Paar und ihre Offenheit und Freundlichkeit hatte irgendwie immer etwas Erzwungenes. Mias Blick hatte immer eine eifersüchtige Note, wenn sie Tina beobachtete und sich selbst dafür unbeobachtet fühlte. Manches Mal fragte sich Erik, was für eine Seite seiner Freundin er dort gerade kennenlernte. Egal, welche es war, sie gefiel ihm nicht besonders.

In seiner Beziehung war es voll geworden, und das lag nicht allein an ihm. Mia hatte seine Freundschaft zu Tina genommen und auf eine völlig neue Ebene gehievt. Eine, bei der er nicht mehr sagen konnte, was er damit anfangen sollte. Sie hatte ihren Kinderwunsch entdeckt und auf einen Haustierwunsch projiziert, bei dem er kein Mitspracherecht mehr zu haben schien. Hatte sie früher ihre Phasen gehabt, in denen sie distanziert und kühl gewesen war, zeigte sie ihm nun verstärkt ihre Zuneigung und Leidenschaft. Ihr Liebesleben hatte sehr an Qualität gewonnen, wie er es sich eigentlich immer gewünscht hatte. Und doch fühlte er sich unwohl.

Es fehlte ihm die Luft zum Atmen. Er brauchte den Raum zum Leben, die Ruhe um sich zu sammeln und die Leichtigkeit, sich auch einmal über etwas zu freuen. Sich richtig zu freuen, nicht nur einmal leise zu schmunzeln. Der Alltag hatte ihn erfasst wie ein Zug in voller Fahrt und hatte ihn mitgerissen. Er fühlte sich alt, müde, träge, schlapp und schwer. Er hätte sich ins Bett legen und einfach dort liegen bleiben können, mit einem Kuscheltier im Arm. Durfte man so etwas als erwachsener Mann überhaupt? Was macht einen überhaupt erwachsen? Im Moment fühlte er sich eher wie ein kleines Kind, ein Schuljunge, der ungefähr so selbstständig sein konnte, wie ein Fisch auf dem Trockenen.

War es in seiner Beziehung zu voll geworden? Wenn, dann lag es nicht einmal an Tina, die konnte nichts dafür. Auch Mia konnte er nichts vorhalten. Es war er selbst, der zu viel war. Er fühlte sich nicht in der Lage, der Freund zu sein, den Mia oder Tina oder überhaupt irgendjemand verdiente. Er war abgebrannt und fühlte sich von seinen eigenen Sorgen erschlagen und erstickt. Und mit diesem Gefühl im Bauch und der zugeschnürten Kehle hatte er jetzt noch zwei Stunden Vorlesung vor sich.

Mit einem schweren Seufzen leerte er die Kaffeetasse, stand auf und räumte sein Geschirr weg. Wie auf Schienen verließ er die Mensa, ging zu dem großen und abgrundtief hässlichen Betonbunker hinüber, in dem die Hörsäle waren. Wenn er die letzten Semester etwas eifriger gewesen wäre, dann hätte er hier jetzt überhaupt nichts mehr zu suchen. Er ging an der Türe vorbei, saß schon zwei Minuten später im Bus und kam erst wieder so wirklich zu Bewusstsein, als er sich kurz darauf die Bettdecke über den Kopf zog. Wenigstens für heute.

Kassel 3

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