Hörsaalgetuschel – Ausgabe 133.

Orientierungslosigkeit

„Ist alles okay bei dir? Du guckst in letzter Zeit so oft, als hättest du Besuch vom Grübelmonster.“

Kristina ließ sich neben Flo aufs Sofa fallen, schob die Füße unter das Kissen am anderen Ende und kuschelte ihren Kopf in seinen Schoß, um einige Streicheleinheiten einzufordern. Sie liebte es, wenn er ihr so durch die Haare kraulte, und sie streichelte. Nach einem ermüdenden Arbeitstag gab es doch weniges, was so schön war, wie einfach dort zu liegen, und sich berieseln und umsorgen zu lassen. Sie liebte seine Nähe, seine sanften Berührungen, seinen weichen und manches Mal auch leicht scharfen Geruch. Es entspannte sie zuverlässig jedes Mal, und wenn sie die Augen schloss, dann warteten dort nur schöne Bilder. Aber jetzt schloss sie die Augen noch nicht. Sie sah stattdessen zu Flo hinauf, der ihr zärtlich über die Schulter streichelte und sie vorsichtig anlächelte.

„Es passt schon. Ich überlege nur mal wieder, was ich denn mit mir anfangen soll. Nächstes Semester steht ein Masterprojekt an. Das ist der größte Teil des Semesters, der damit gefüllt wird, und je nachdem, wie man sich anstellt, kann das auch gleich in die Masterarbeit mit über gehen. Man möchte meinen, so alt, wie ich bin, hätte ich einen wunderbaren Plan, was ich denn machen möchte, aber ich habe keine Idee. So einige Möglichkeiten schon, klar, aber was wäre denn meins?“

Er machte eine Pause und starrte auf einen Punkt irgendwo im Nichts vor ihm. Es war eine Sorge, die ihn schon lange begleitete. Er hatte schon in seinem früheren Studium nicht wirklich eine klare Richtung finden können und auch im Bachelor jetzt war seine fachliche Vertiefung so ausgefallen, dass er nach Möglichkeit alle Wege offen gehalten hatte. Er hatte sich eigentlich für etwas entscheiden wollen, aber war dann zu keinem Entschluss gekommen. Alles hatte seine Vor- und Nachteile.

„Du bist nicht halb so alt, wie du dich fühlst. Überleg dir doch, was dich besonders interessiert und gleiche das mit deinen Fächern ab. Welches hat dir besonders viel Spaß gemacht oder hat dich extra interessiert? Und dann überleg dir, was man da für ein Thema draus machen kann, oder frag einfach mal bei den Dozenten an.“

Das war ja eben sein großes Problem. Er konnte nicht so sehr nach Interesse gehen, wie er wollte, denn seine Interessen und seine Fähigkeiten liefen leider in weiten Teilen meilenweit aneinander vorbei. Besonders, wenn es an Berechnungen und Formeln ging, kam er regelmäßig ins Straucheln. Bei Kristina wirkte es alles immer so einfach und beiläufig aber er selbst hatte einfach keinen Verstand für so etwas. Er hatte generell keinen Verstand, der irgendetwas besonders gut konnte, fand er. Jedenfalls nichts, was nicht alle anderen auch gut konnten.

„Hast du vielleicht einen Vorschlag, was mich besonders interessieren könnte und was ich dann auch gut kann? Mir will irgendwie nichts einfallen. Abgesehen davon bin ich sehr wohl alt. Wahrscheinlich der älteste bei uns im Semester. Vermutlich auch der Planloseste.“

Wenigstens was das Alter anging, hatte er gelogen. Er war zwar durchaus der Älteste im Semester, aber er fühlte sich im Moment noch einmal deutlich älter. Älter und mutloser. Kristina und er hatten dieses Gespräch bereits mehrfach geführt und er wusste, dass sie ihm nur begrenzt helfen konnte. Sie wusste vielleicht besser als er selbst, wofür er sich begeisterte und was er gut konnte. Aber sie wusste wohl auch, dass sie ihn in dieser Situation von Nichts überzeugen konnte, also blieb sie still und genoss stattdessen, wie er ihr durch die Haare strich. Er wusste selbst gut genug, dass er irgendwann etwas finden musste, mit dem er gut leben konnte. Sein Problem war, dass dieses Irgendwann jetzt vor ihm stand und ihn fragend und erwartungsvoll anstarrte. Jedes Mal, wenn er die Augen schloss, jedes Mal, wenn er fünf Minuten hatte, um zur Ruhe zu kommen. Und dabei hatte er doch eigentlich schon einen Weg eingeschlagen, dachte er. Wenn er sich nur sicher wäre, dass es der Richtige war. Wenn er noch abbiegen wollte, dann musste er das jetzt tun.

Center of the Universe

Advertisements

Ein Gedanke zu „Hörsaalgetuschel – Ausgabe 133.

  1. Pingback: Inhaltsverzeichnis (in Arbeit) | des Grafen Lesestunde

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s