Hörsaalgetuschel – Ausgabe 134.

Zeitvertreib

Strahlend blauer Himmel und ein sommerlicher Wind waren vermutlich die Hauptverantwortlichen für die positive Grundstimmung auf dem Campus. Überall saßen oder standen gut gelaunte Grüppchen von Studenten herum, unterhielten sich entspannt und genossen das Wetter, welches so eifrig den Zwang aus dem Tag heraus brannte. Dabei war das so mitten im Semester nicht immer ganz angemessen.

Flo konnte das Wetter heute nicht wirklich genießen. Er hatte Druck und wollte endlich die Hausarbeit beginnen, die er eigentlich doch schon seit zwei Wochen fertig haben wollte. Da traf es sich fast schon super, dass er heute Morgen viel zu Früh und dennoch mit Verspätung zur Tür hinaus gestürmt war, um zu einer Veranstaltung zu erscheinen, die diese Woche überhaupt nicht stattfand. Als einer der Ersten hatte er heute dann in der Bibliothek gesessen, um die etwas ausgedehnte und eigentlich nur zwei Stunden dauernde Pause zwischen den beiden Veranstaltungen des Tages dennoch sinnig zu nutzen.

Er hatte es auch in der Zwischenzeit immerhin geschafft, sich eine Veröffentlichung raus zu suchen und zu öffnen. Aber wie so oft war es interessanter, sich anzusehen, wer denn an diesem schönen Tag die Bibliothek betrat, und in welchem Zustand er oder sie es tat. Von seinem Platz, etwas abseits und halb hinter einer Säule versteckt, hatte er die große Halle gut im Blick. Die ersten Leute belegten direkt von Anfang an die Computerterminals. In vielen Fällen saß auf der einen Seite der Tastatur ein Zombie, auf der anderen Seite etwas, was sicherlich nicht viel mit der Uni zu tun hatte. Twitter, Facebook, Youtube oder Klatschnachrichten bestimmten die Monitore.

Ein Mädchen war mit dem Kopf auf die Tastatur gesunken und schnarchte leise vor sich hin. Auf ihrem Monitor flimmerte ein Paper über katholische Sexualethik, und Flo vermied es gezielt, sich darunter Genaueres vorstellen zu müssen. Ihr Sitznachbar war gerade dabei seinen dritten Kaffee zu leeren und wechselte dann von einer Bilderserie über die Aerodynamik von Kühen und Elefanten zu etwas, was die thermodynamische Berechnung eines Tauchsieders sein konnte. Er starrte eine Weile darauf, scrollte mal weiter, dann wieder zurück, und holte sich am Ende seinen vierten Kaffee innerhalb einer halben Stunde.

Völlig außer Atem hetzte ein Mädchen an der Szene vorbei, in Richtung der Drucker. Sie sah aus, als wäre sie erst vor zwei Minuten aus dem Bett gekrochen, hätte sich nur schnell eine Hose und Schuhe angezogen und wäre losgerannt, den USB-Stick mit wichtigen Dokumenten in der Hand. Ihre Haare waren im bemitleidenswerten Zustand, und wenn sie nicht in ihrem T-Shirt geschlafen hatte, dann wenigstens darauf. Wenige Minuten und viele energische „Knopfdrücke“ später hastete sie auch schon wieder durch den Haupteingang hinaus, eine kleine Sammlung loser Blätter in der Hand.

Um ein Haar wäre sie mit dem barfüßigen Jungen kollidiert, der gerade aus der Ecke mit den Schließfächern kam. Dabei war er mit seiner leuchtend bunten Ballonhose echt schwer zu übersehen. Seine spindeldürren Arme verrieten, dass er im Falle einer Kollision wohl eh, mangels Masse, das Nachsehen gehabt hätte. Mit nichts weiter als einem dünnen Block und einem Kuli in der Hand verschwand er die Treppe zu den Lesesälen hinauf. Er wirkte wenigstens ausreichend wach und motiviert, als dass er keine zwei Stunden schlafen würde, sondern wirklich seine gewünschten Informationen aus den Büchern zusammentragen würde.

Inzwischen war es spät genug geworden, als dass nicht mehr nur die frühen Vögel auf der Jagd nach dem Wurm waren. Einem exotischen Paradiesvogel gleich schwebte eine junge Dame mit Blau-lila-pink gefärbten Haaren und einem aufwendigen Sommerkleid herein. Bunte Farben und rauschender, hauchfeiner Stoff. Sie schien den ganzen Raum damit ausfüllen zu wollen. Ihre Freundin hingegen trug dickeren Stoff, versuchte aber dennoch den Rekord des kürzesten Höschens des Jahres bis jetzt zu knacken.

Vielleicht sollte es Flo unangenehm sein, so heimlich aber direkt zu starren, aber irgendwie ist alles relativ, und wenn sie so offensichtlich Blicke auf sich lenken wollte, dann wäre es doch regelrecht unhöflich, ihr diesen Gefallen nicht zu erweisen. Kristina würde er schließlich erst gegen Abend wieder sehen, wenn sie in ihrer Jogginghose auf dem Sessel saß und ihm trotzdem noch den Atem raubte. Dafür brauchte es weder besonders knappe noch aufwendige Kleider.

Lediglich für seine Hausarbeit sah es immer noch nicht viel besser aus. Der menschliche Zoo war einfach viel spannender, die weichen Formen viel angenehmer, als das harte Schwarz-Weiß des Textes vor ihm. Immer wieder versuchte er sich auf die Arbeit zu konzentrieren und vielleicht sollte er nächstes Mal besser mit dem Gesicht zur Wand sitzen. Es gab einfach zu viel Ablenkung, zu viel zu sehen, zu viel zu hören und manches Mal auch zu viel zu riechen. Zum Beispiel, wenn der Frühsportler vom Nachbartisch noch einmal sein Deo auffrischte, ehe er sich in dicke Gesetzestexte stürzte und die beiden Mädels gegenüber ignorierte, die sich lautstark über die unmenschlichen Anforderungen im Lehramtsexamen ausließen.

Die Uhr tickte unerbittlich und Flo konnte sich immer besser in den Kaffeetrinker hinein versetzen, der seine Thermodynamik selbst bei mehrfachem Durchlesen nicht erfassen konnte. Sehr ähnlich ging es ihm gerade bei den Veröffentlichungen, die ihm bei seiner Hausarbeit weiter helfen sollten. Es war nicht sein Tag und nicht seine Zeit. Wenn er jetzt seine Sachen zusammen räumte, dann konnte er wenigstens noch ein kleines Frühstück in der Cafeteria zu sich nehmen, ehe er in den Kurs musste. Vielleicht könnte er sich dabei ja noch Gedanken machen und wenigstens den Aufbau seiner Arbeit einmal durch gehen. Auch wenn er dafür die schöne Bibliothekarin alleine lassen musste, die immer am Infoterminal saß und geduldig alle Fragen beantwortete.

20170526_143008

Advertisements

Ein Gedanke zu „Hörsaalgetuschel – Ausgabe 134.

  1. Pingback: Inhaltsverzeichnis (in Arbeit) | des Grafen Lesestunde

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s