War, Sein, Werden II.

Frank war sichtlich nervös, als er die Direktorin vor der Tür abstellte. In seinem Kopf musste er den Ablauf mindestens einhundert Mal geprobt haben aber jetzt die Schalter tatsächlich um zu legen war etwas anderes. Er zwang sich zur Ruhe und sah die Direktorin an, die im Augenblick eher auf die schwarz glänzenden Spitzen ihrer ledernen Stiefel konzentriert war.

„Wohin soll die Reise denn gehen? Hast du irgendeinen speziellen Wunsch? Denk daran, uns steht fast alles offen.“

„Ich hätte erwartet, dass du schon Ziele vorbereitet hast. So viel Strom wie die ganze Anlage schon geschluckt hat, musst du doch jedes Jahr bis zur Entstehung der Welt zurückgereist sein.“

Frank gab sich leicht gekränkt und zog eine Schnute. Er hatte einige Testläufe gewagt aber war noch nie tatsächlich durch die Tür gegangen. Er hatte nur ein paar Mal einen Apfel hindurch geschmissen, um zu beobachten, wie sich der Energieverbrauch ändern würde und ob der Apfel auch heile in der Vergangenheit ankommen würde. Die Äpfel waren unbeschadet angekommen, soweit er es sehen konnte wenigstens. Für einen Tierversuch hatte es ihm schlicht an Testtieren gefehlt, also musste er den Selbstversuch wagen. Strom war teuer, da blieb kein Budget mehr für Versuchstiere und so blieb nur die Beobachtung oder eben dieser Selbstversuch. Für einen Moment überlegte er, der Direktorin als Dank für ihre aufmunternden Worte den Vortritt zu lassen. Seine Mutter hätte sich wahrscheinlich für ihn geschämt, dachte er, wählte ein Ziel aus, ergriff die Hand der Direktorin und zog sie hinter sich her durch die Tür. Er weigerte sich daran zu glauben, dass etwas schief gehen könnte. Und manchmal wird Wagemut sogar vom Schicksal belohnt.

Inmitten der eisigen Kälte der Eiszeit erschien eine Tür. Sie bildete mit ihrem schwarzen Anstrich und den gelben Kanten einen starken Kontrast zum endlosen Weiß der Gletscher Mitteleuropas. Hindurch stolperten zwei Gestalten. Sie waren offensichtlich menschlich, nur deutlich größer und fremdartig gekleidet. Beide hatten sehr dünnes Haar und eine regelrecht übertrieben aufrechte Haltung.

Der junge Jäger duckte sich hinter eine Schneewehe und ärgerte sich. Er konnte die beiden fremden bis hier hin hören und mit etwas Pech konnte er sie auch riechen. Das hieß, seine Beute konnte die beiden genau so wahrnehmen und flüchten. Zehn Tage lang hatte er auf die großen Rüsseltiere gewartet. Alleine würde er keine Chance haben eines von ihnen zu erlegen und erst recht nicht, wenn sie vorher flüchteten. Er könnte stattdessen ja die Fremden erlegen. Sie schienen keine Ahnung von der Jagd zu haben, waren unvorsichtig wie die Frischlinge und auch noch deutlich schmächtiger. Alle beide froren bitterlich. Sie waren für einen milden Sommertag gekleidet aber nicht für einen Frühlingstag wie heute. Er verstand sie nicht.

Frank und die Direktorin standen bis zu den Knöcheln im Pulverschnee. Während Frank sich mit riesigen Augen umsah, wirkte seine Begleiterin deutlich unbeeindruckter. Für sie wirkte es einfach nur nach den aktuellen Polarregionen, nicht nach einem Ort in der Vergangenheit. Sie bemerkte eine Bewegung im Augenwinkel, konnte aber nichts entdecken. Was auch immer dort gewesen sein mochte, es war unter der Schneedecke verschwunden. Dafür entdeckte sie etwas anderes am Horizont und nun war auch sie beeindruckt. Vor dem rauen Hintergrund der verschneiten Felsen wanderten riesige Schatten auf sie zu.

Sie waren schnell deutlicher zu erkennen. Elefanten aber größer, mit längeren Stoßzähnen und dickem Fell. Sie waren mitten auf der Wanderroute einer Herde Mammuts gelandet. Obwohl zwei Menschen und ein Zeitportal für die riesigen Tiere keine Gefahr darstellen würden, hielten sie lieber vorsichtigen Abstand, und verschoben ihre Durchreise. Dort, wo sie hin wollten, würde niemand auf sie warten, außer vielleicht der Frühling. Für Frank war es trotzdem eine Nervenprobe. Er wollte der Herde nicht näherkommen als unbedingt notwendig. Es ging ihm lediglich um den Beweis, dass seine Maschine funktionierte und der war längst erbracht. Die Tiere selbst waren ihm unheimlich. Zu groß, zu unberechenbar. Ein schnelles Foto musste ausreichend sein.

Die Direktorin war ihm ein Rätsel. Sie hatte darauf bestanden noch eine weitere Minute die Mammuts beobachten zu dürfen. Die Kälte schien sie nicht einmal zu bemerken und das trotz der dünnen Sportschuhe aus Stoff und der fehlenden Jacke. Frank machte sich ernsthaft Sorgen, ob ihr nicht die Füße abfrieren würden. Sicherheitshalber stellte er sein Portal auf eine Zeit ein, in der wärmeres Klima herrschte. Einer Zeit, noch weiter in der Vergangenheit denn nun galt es, die Grenzen zu erproben. Sein Ehrgeiz war geweckt.

Der Junge Jäger hatte die Mammuts ebenfalls entdeckt. Das Lager seines Stammes war nicht weit und er beeilte sich, die anderen Jäger zu holen. Sollten die beiden Frischlinge doch im Schnee erfrieren. Ein Mammut war in jedem Fall die bessere Beute. Die Jagdgesellschaft brach auf, die Herde zu stellen aber als sie den Ort fanden, an dem der Schnee von scheinbar menschlichen Füßen zertrampelt war, breitete sich Aufregung aus. Weder zu der Stelle hin, noch davon weg war eine Spur zu finden. Jeder Mensch hinterließ eine Spur, immer! Nur diese nicht. Und der junge Jäger wagte es nicht, seinem Stamm die ganze Geschichte zu erzählen.

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6 Gedanken zu „War, Sein, Werden II.

      1. rina.p

        Wie war das. Ein Flügelschlag eines Schmetterlings in sagen wir mal Frankfurt kann in Peking einen Orkan auslösen oder so was. Das wird bei Zeitreisen auch gerne genommen. Aber Deine hinterlassen ja keine Flügelschläge 🙂 Also keine Auswirkung auf die Gegenwart.

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      2. dergrafvonborg Autor

        Wenn die das da auch alles richtig interpretieren. Sie latschen ja einfach los, ohne genau zu wissen, was sie tun. Aber in welcher Gegenwart kommt man denn an, wenn man etwas ändert? Macht man nicht eine neue Zeitlinie auf?

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