Hörsaalgetuschel – Ausgabe 137.

Sommerlaunen

Nach einem regenreichen Frühling kam ein wechselhafter Sommer. Die letzten Jahre waren ungewöhnlich heiß gewesen und dieses hier schien dem Trend nur sehr widerwillig folgen zu wollen. Erst in den letzten Tagen hatte die Sonne ihre Kraft einmal so richtig zeigen wollen und alle nach draußen getrieben. Und mit einer angenehmen Wärme hatte sie auch eine allgemein positive Grundstimmung mit sich gebracht. Selbst Flo hatte eher erstaunt festgestellt, dass er weniger Zeit vor dem Fernseher oder seinem Rechner verbrachte, sondern sich tatsächlich mit einem Lehrbuch in die Sonne gesetzt hatte. Er hätte seinen Laptop gerne mit genommen, aber dank der etwas skurrilen Modeerscheinung von Hochglanzdisplays erkannte er im hellen Sonnenlicht auf dem Bildschirm genau überhaupt nichts.

Aber auch das sollte seine Laune nicht vermiesen. In der Mittagspause waren Tina und er ein wenig über den hinteren Bereich des Campus gewandert. Mia und Erik hatten den heutigen Freitag einmal ausfallen lassen und waren zu Mias Familie gefahren, die ihr alljährliches Sommerfest an diesem Wochenende hatte. Für Tina hieß das, sie durfte sich wieder selbst zurechtfinden, ohne Mia, die ihr ansonsten übereifrig zur Seite stand. Der Freiraum schien ihr sogar ziemlich gut zu tun, auch wenn sie sich selbst nicht scheute, die Hilfe anzunehmen oder auch selbst danach zu fragen. Flo hatte noch immer seine Schwierigkeiten, die ganze Situation zu erfassen und zu begreifen.

„Was ist denn jetzt eigentlich mit Erik? Bist du sicher, ob das so gut ist, wenn du ihm und Mia jetzt so nahe bist? Und besonders Mia, erst wart ihr noch drauf und dran, euch gegenseitig die Kehlen aufzureißen, und jetzt gibt es euch kaum noch getrennt?“

„Mia ist schon eigentlich echt nett, wenn man sie denn einmal kennenlernt. Das Problem war halt, dass sie mit Erik zusammen ist und ich sie deswegen überhaupt nicht kennenlernen wollte. Aber jetzt geht es eigentlich. Ich kann verstehen, dass er mit ihr zusammen ist, auch wenn ich immer noch etwas eifersüchtig bin.“

„Dafür ist Mia jetzt wohl eifersüchtig auf dein Kind.“

„Sie kann ja selbst auch eins haben. Immerhin hat sie ja Erik und was drei Jahre gehalten hat, das kann ja auch weiterhin gut bestehen.“

Flo musste sich eingestehen, dass er überrascht war. Er hatte nicht erwartet, dass sie so nüchtern und rational mit dem Thema umgehen konnte. Fast hätte er glauben können, ihr würde nichts mehr an Erik liegen. Aber er sah immer noch den verehrenden Blick, mit dem sie Erik betrachtete, wenn sie sich unbeobachtet fühlte. Die Sehnsucht in ihren Augen war kein antrainierter Reflex oder Gewohnheit, sondern echt. Flo machte sich Sorgen um sie. Es konnte nicht gesund sein, dermaßen festgefressen in einer Situation zu sein, dermaßen hartnäckig hoffnungslosen Gefühlen nachzuhängen. Aber wenigstens für den Moment schien Tina glücklich zu sein. Sie wirkte frei, zufrieden und offen, wie sie hier neben ihm stand und auf die bunte Blumenwiese hinter der Uni hinaus sah.

„Vielleicht werde ich dich ja irgendwann verstehen, aber im Moment kommt mir das Ganze noch etwas merkwürdig vor.“

Sie mussten beide über seine Worte grinsen, und erst nachdem er es ausgesprochen hatte, fiel ihm auf, wie merkwürdig es ihm überhaupt erschien.

„Drei Jahre, und jetzt bist du die dritte Person in der Beziehung? Hat Mia dich schon adoptiert? Immerhin hat sie einen ziemlichen Narren an dir gefressen.“

Und jetzt lachte nur noch er. Tina sah stumm und verträumt auf die von eifrigen Bienen umschwirrten Blumen. Es war eine merkwürdige Ruhe. So friedlich und entspannend, als würden sich die Bäume nur in Zeitlupe im Wind schaukeln und die Zeit selbst langsamer laufen. Flo konnte sich absolut nicht vorstellen, wie dieses zerbrechliche und filigrane Wesen hier einen kleinen Menschen tragen sollte. Wo war der Platz dafür in ihr? Und während er ganz versonnen dem Wind dabei zusah, wie er mit ihren blonden Strähnen tanzte, holte Tina das größte und schokoladigste Schokocroissant aus ihrem Rucksack, was er je gesehen hatte.

„Weißt du, wie gesagt, wenn man sie einmal näher kennenlernt, ist sie schon echt ein toller Mensch. Ich bin mir nicht ganz sicher, was genau sie in mir sieht, aber sie meint es ehrlich und das tut irgendwie gut. Außerdem habe ich sie auch ziemlich gern.“

Flo hörte nur noch halb den Worten zu, die dort zwischen den einzelnen Bissen hervor kamen. Er war viel zu sehr von dem gewaltigen Mittagessen fasziniert und starrte geradezu unanständig eifersüchtig darauf. So offensichtlich, dass selbst Tina in ihrer Gedankenwelt es bemerkte und ihm einen missmutigen Blick zu warf.

„Ich habe in letzter Zeit halt viel um die Ohren, und außerdem esse ich doch so selten so etwas.“

Und wieder war Flo der Einzige, der lachte.

„Das sollte ganz sicher kein Vorwurf sein. Es sieht nur echt sehr super aus. Und ganz abgesehen davon wird von dir erwartet, dass du dir auch einmal was Gutes tust. Also hau rein!“

Das schien sie überzeugen zu können, wenigstens hatte er den Eindruck, dass sie es wieder etwas genießen konnte. Flo rekapitulierte seine letzten Worte noch einmal still im Kopf und versuchte herauszubekommen, woher sie gekommen waren. Dabei fiel ihm auf, dass er sich nicht daran erinnern konnte, diese Formulierung schon einmal wo gehört zu haben. War er wirklich einmal handfest kreativ gewesen? Und dann auch noch mit einem Satz, der so kitschig war, dass man ihn locker auf eine alberne Postkarte drucken konnte. Und während der Wind den süßen Duft sommerlicher Blüten herüber trug, fühlte er einen dezenten Stolz in sich reifen. Es brauchte lediglich einen Freundeskreis, bei dem es einem nie langweilig wurde, und schon keimte die Fantasie.

Einen beliebigen Punkt irgendwo am Horizont fixierend, lächelte er vor sich hin. Unbestimmten Gedankenblitzen für einen Augenblick folgend, dann wieder einfach nur geistig driftend. Das Croissant neben ihm war inzwischen verschwunden und auch Tina hatte eine beliebige Blüte mitten auf dem Feld fokussiert. Und auch wenn sie sich miserabel dabei fühlte, sie konnte nicht umhin, ein klein wenig zu lächeln.

„Hast du bemerkt, dass Erik mit Mia nicht mehr besonders glücklich ist? Selbst wenn es drei Jahre gehalten hat, ich würde gerade auf kein Viertes wetten.“

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