War, Sein, Werden III.

Die Direktorin hatte die Kälte nicht bemerkt, bis sie verschwunden war. Jetzt, in der Sommersonne der Kreidezeit fühlte sie die Auswirkungen um so mehr. Ihre Schuhe waren durchnässt und die Zehen halb ab gefroren. Der wiederkehrende Blutfluss juckte unangenehm. Frank stiefelte unbeirrt durch die Farnwiese und sah sich mit noch größeren Augen um, als auf dem Gletscher.

Das Panorama was sich ihnen bot war atemberaubend. Das Portal war an einer Waldkante erschienen, mit Blick auf eine weite Steppe. Der Wald brüllte vor verstecktem Leben, während die Savanne ruhig unter summenden Insektenschwärmen da lag. Durch die hohen Farne und das Gebüsch schoben sich die ersten lebenden Dinosaurier, die ein Mensch je zu Gesicht bekommen hatte. Frank hätte schwören können, vor dem weiten Grasland der afrikanischen Savanne zu stehen mit seinen Tierherden, Mückenschwärmen und kreisenden Geiern.

Nur gab es hier kein Gras und die kreisenden Geier waren zwar den bekannten Vögeln ähnlich, aber doch auf den zweiten Blick ganz klar keine Geier. Die Herden von Gnus, Zebras und Elefanten waren sogar weit davon entfernt, Säugetiere zu sein. Frank war nicht besonders gut in Paläontologie gewesen. Von all den unterschiedlichen Arten erkannte er zunächst nur die massiven Kolosse mit den drei Hörnern. Er erinnerte sich daran, als Kind einen Triceratops mit abgeschnittenen Hörnern als Spielzeug gehabt hatte. Fasziniert ging er näher darauf zu.

Die Farne strichen ihm um die Beine, Dornenzweige versuchten Löcher in seine sorgsam gebügelte Hose zu reißen und plötzlich bemerkte er, wie er auf eine schillernde Libelle trat. Leicht betreten betrachtete er die Reste des Insektes. Es war riesig, so lang wie seine Hand und schimmerte in den Farben des Regenbogens. Er streifte seinen Schuh am nächsten Moosbüschel ab und drehte sich zur Direktorin um. Sie war ihm nicht gefolgt, sondern hatte ihr Notizbuch hervorgeholt und skizzierte die Sauropoden, welche sich an den saftigen Büschen an der Waldkante gütig taten. Michael gesellte sich wieder zu ihr und sah ihr über die Schulter. Kindliche Begeisterung leuchtete in ihren Augen.

„Ich war erst kürzlich in der Paläontologie zu Gast. Professor Angus hat mir diverse Dinosaurier vorgeführt, auch Sauropoden. Diese hier ähneln aber keinem von denen, die er mir gezeigt hat. Wenn es wirklich eine neue Art ist, dann fällt uns die Ehre zu, sie zu benennen. Hast du schon einen Vorschlag? Michael Droposaurus?“

Sie zwinkerte ihm frech zu, vollendete ihre Skizze und machte dann doch noch ein Foto. Michael ärgerte sich inzwischen doch ziemlich, keine Kamera eingepackt zu haben. Er hätte daran denken müssen. Wie sonst wollte er die Funktionstauglichkeit des Portals dokumentieren? Erster Testlauf hin oder her, so ein Fehler durfte nicht passieren. Besonders nicht, da er diesmal schon besser vorbereitet war als bei vielen offiziellen Testläufen zuvor. Er hatte das nötigste Werkzeug dabei und einen Ablaufplan.

Laut seinem Plan lagen sie echt gut in der Zeit. Er hatte nur noch drei weitere Punkte auf seiner Liste stehen. Mit jedem dieser Punkte würden sie weiter in der Geschichte zurückreisen. „Theoretisch“ so erklärte er der Direktorin „können wir jeden beliebigen Punkt in der Geschichte des Universums ansteuern. Den Ort können wir dabei nur geringfügig beeinflussen. Wenn ich es richtig interpretiert habe, dann sind wir auf die Erde beschränkt aber können dort wenigstens den Ort frei wählen. Je weiter wir in die Vergangenheit reisen und je weiter wir uns von dem Startpunkt entfernen, um so höher wird der Energieverbrauch des Portals. Außerdem empfiehlt es sich, das ein oder andere Ereignis in der Erdgeschichte nicht zu besuchen. Aus sicherheitstechnischen oder gesundheitlichen Gründen.“

Die Direktorin musste ihm bei seinem letzten Punkt beipflichten. Sie dachte an diverse Katastrophen und Kriege, die schon allein in der Geschichte der Menschheit dokumentiert worden waren. Beim Gedanken an Vulkanausbrüche, Flutwellen, Erdbeben und Meteoriteneinschläge lief es ihr eiskalt den Rücken hinunter.

Verträumt sah sie sich um. Es gab noch etwas, was über die Jahrmillionen gleich geblieben war. Der süßliche Duft der Blumen hatte schon damals nach dem gleichen Muster funktioniert, auch wenn sie ihr nicht so farbenprächtig vorkamen wie die, die sie in ihrem Garten züchtete. Michael schien auch Freude an den Blumen zu haben. Er fand eine besonders dicke, gelbe Blüte, schnitt sie von ihrem Strauch und steckte sie sich ins Knopfloch. Sie sah schrecklich neben seiner blauen Krawatte aus, aber Sinn für Farben hatte er noch nie besessen. „Ich glaube, es ist langsam an der Zeit, unsere Reise fortzusetzen. Es gibt noch einige Orte, die wir besuchen sollten. Ich will sehen, was das Portal alles kann.“

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