Hörsaalgetuschel – Ausgabe 138.

Es war der Punkt im Sommer erreicht, wo er für die Ersten anstrengend wurde, die nicht bereits bei zwanzig Grad über die Hitze zu ächzen begannen. Mit Tiefstwerten von fünfundzwanzig Grad hatten die ersten Tropennächte Einzug in die Stadt erhalten und tagsüber kletterten selbst die Schatten auf über dreißig Grad. Für Flo war das in etwa die Grenze, bei der er nicht mehr von Frühling reden wollte. Mia hingegen jammerte bereits seit über einem Monat, dass es ihr zu warm war und er würde nie verstehen können, wie sie zu diesem Gedanken kommen konnte.

Gut gelaunt von der Sonne schlenderte er zu seinem Seminar, nicht mehr ganz so früh am Morgen. Der ehemalige Langschläfer hatte sich einen neuen Rhythmus angewöhnt, seit er morgens mit Kristina gemeinsam aufstand und frühstückte. Anfangs war es noch eine Tortur für ihn gewesen, die er dennoch dankbar auf sich genommen hatte. Auf einmal hatte der Tag sogar genug Stunden, um einiges zu erledigen, was bislang auf der Strecke geblieben war. Es war ihm nur ein absolutes Rätsel, wie das möglich war. Immerhin wurde der Tag ja nicht länger, er verschob sich nur etwas nach vorne. Vielleicht war es die Bahnfahrt, auf der er es schaffte, Dinge zu erledigen.

Unter einem strahlend blauen Himmel lag ein sonnendurchfluteter Campus. Darüber wälzte sich der übliche Mix aus völlig überdrehten Morgenmenschen, den extra frühen Vögeln, deren Energie jetzt um zehn Uhr mit dem dritten Kaffee erst einmal völlig einbrach, dem wahlweise entspannten oder angespannten Durchschnittswesen und den Zombies. Letztere waren entweder noch ausreichend stark alkoholisiert von der letzten Party, dass ihre Fahne allein für eine satte Party gereicht hätte (aber diverse Kurse hatten einfach Anwesenheitspflicht), oder aber sie gehörten zu der Sorte Mensch, der selbst um vier Uhr nachmittags noch im Halbschlaf umherwanderte.

Flo zählte sich zum Durchschnitt. Kaffee benötigte er nicht, er war halbwegs ausgeschlafen, gut gelaunt und ansonsten absolut unauffällig. Mia und Erik warteten vor dem Seminargebäude auf ihn und beide waren, was halbwegs untypisch für sie war, heute eher die Kategorie Zombie. Unausgeschlafen mit tiefen Ringen unter den Augen, die Haare nicht besonders sorgsam gekämmt aber immerhin notdürftig organisiert und sehr schweigsam. Beide nickten ihm nur mürrisch zu, als er sie begrüßte. Es war offensichtlich, dass sie sich gestern Abend gestritten hatten und dann beide die Nacht durch nicht geschlafen hatten, es aber auch nicht über ihren Stolz brachten, endlich die Entschuldigungen auszusprechen, die sie sich gegenseitig schuldig waren.

Schweigend schlichen sie in den Seminarraum und setzten sich so, dass Flo schlichtend zwischen ihnen positioniert war. Unerbittlich tickte der Zeiger der Uhr und mit jeder Sekunde schien Mia etwas nervöser zu werden. Flo sah sie fragend an, wurde von ihr ignoriert und zuckte dann mit den Schultern. Die Antwort kam von der anderen Seite, so leise geraunt, dass Mia wohl nur noch ein unbestimmtes Brummen vernehmen sollte.

„Schätze, sie wundert sich, wo Tina bleibt. Eigentlich wollte sie uns heute schon im Bus treffen, hat ihn aber wohl verpasst.“

Das dürfte wohl auch der Grund für den Streit am Abend gewesen sein. Flo wusste, dass Erik sich wünschte, seine Freundin würde ihm auch etwas Aufmerksamkeit zukommen lassen. Um das zu provozieren, hatte er letztens nach dem Abendessen den Abwasch sogar stehen lassen und das immerhin zwei Tage durchgehalten, bis er die komplette Küche einer Tiefenreinigung unterzogen hatte. Und Mia ihrerseits war von Eriks negativer Ausstrahlung in letzter Zeit genervt. Dass es einen Zusammenhang zwischen den beiden Punkten geben könnte, wollten beide nicht gerne sehen.

Tina hingegen hatte wieder gelernt zu lächeln. Sie hatte Anfang der Woche einen Termin zur Voruntersuchung gehabt und die Ergebnisse sahen sehr gut aus. Sowohl Kind als auch Mutter erfreuten sich bester Gesundheit, die Entwicklung lief prächtig, um nicht zu sagen geradezu vorbildlich. So sehr sie sich auch sorgen mochte, wie das denn alles zu bewältigen werden würde, musste sich Tina inzwischen eingestehen, dass sie sich tatsächlich auf das Kind freute. Sie hatte sich nicht einfach nur damit abgefunden und es akzeptiert, sie hatte es sogar lieb gewonnen. Was konnte der Zwerg schon für seinen Taugenichts von Vater? Sie würde das auch alleine schaffen. Dafür war sie dickköpfig genug und stark genug. Aber irgendwann würde der Punkt kommen, an dem sie ihre Eltern einweihen musste. Sie würden es ihr nicht verzeihen können, nichts davon zu erfahren.

Und trotz diesen Damokles Schwertes strahlte sie inzwischen eine Ruhe und Positivität aus, die alle um sie herum anstecken sollte. Es hatte immerhin ausgereicht, als dass Mia aus ihrer eifersüchtigen Phase hervor gekommen war, und nicht mehr länger von einer Katze redete. Flo konnte nicht sagen, ob sie den Gedanken tatsächlich begraben, oder nur erst einmal zurück gestellt hatte. Er wusste allerdings, dass Erik darum immens dankbar war.

„Wo bleibt sie denn?“

Mia rutschte unruhig auf ihrem Platz herum. Sie würde sich vermutlich die ganze Stunde nicht konzentrieren können, wenn sie nicht wusste, was los was. Flo sah auf sein Telefon, fand aber keine Nachricht. Er wandte sich Mia zu.

„Hat sie dir nicht bescheid gegeben? Keine Nachricht?“

„Nein!“ Sie war gereizt, sah genervt auf ihr Telefon und stutzte. „Doch. Vor einer halben Stunde schon.“

Kannst du mir ein Handout einpacken? Schaffe es heute nicht mehr in die Uni. Musste noch einmal ins Krankenhaus.

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