Momente X

Dumpfes Donnern wandert über den Fluss unter der Brücke, breitet sich in einer beinahe sichtbaren Druckwelle aus und lässt nicht nur die Trommelfelle in den Ohren beben. Vom Ursprungspunkt des Donners aus, nur wenige Hundert Meter entfernt, steigt eine kleine, kaum sichtbare Kugel glimmend empor. Erst schnell, immer langsamer werdend, wird auch ihr Schein immer dünner.

Völlig absehbar und doch unerwartet verwandelt sich der eben noch kaum sichtbare Punkt in einen weißen Blitz, der den ganzen Himmel erleuchtet und die Menschenmassen rund herum sichtbar macht. In alle Richtungen schießen die weißen Strahlen, Tentakeln gleich, in den Nachthimmel. Nach einer kurzen Strecke ist ihre Reise aber wieder am Ende und sie explodieren in einen Regen aus Sternen. Nur einen kurzen Augenblick hat es gedauert, vom Abschuss der Ladung bis zum Verglühen ihrer letzten Fragmente. Der Wind trägt den Pulverdampf mit sich fort, kitzelt in der Nase und macht dann Platz für die nächste Donnerwelle, welche die Seele massiert.

Eine nach der anderen zünden die Röhren, katapultieren ihre brennenden Ladungen in den Himmel. Mal einfache Lichtblitze, knisternden Goldregen, funkelnde Sterne. Mal bunte Explosionen in allen Farben des Regenbogens, jede begleitet von einem volltönenden tiefen Donner. Inzwischen rollt er nicht mehr in einzelnen Wellen heran. Auf jeden Knall folgt gleich der nächste, der Blitz, jedes Leuchten, geht direkt in das nächste über. Selbst in den dunklen Momenten dazwischen glüht der Himmel immer noch so hell, dass es selbst der hellste Stern nicht hindurch schafft. Brennende Säulen steigen auf, zerplatzen zu kleinen Sonnen, die ihr Feuer wie eine weiche Decke über den Fluss legen. Mit lautem Heulen schrauben sich Spiralen aus Licht in dem Himmel und prägen sich in die Netzhaut.

Und dann ist es auf einmal vorbei. Keine weitere Ladung wird abgeschossen, kein neuer Stern erscheint und rieselt als prasselnder Funkenregen hinab. Statt knallenden Pulvers rauscht wieder nur der Hintergrundlärm der Stadt und zahlloser Menschen in den Ohren und der Wind trägt die nach verbranntem Schwarzpulver riechenden Wolken mit sich fort. Nur noch ein schwacher Nachschein glitzert im Auge, während die Sterne langsam wieder sichtbar werden. Und es fühlt sich an, als würde der Wind mitsamt dem Pulverdampf auch einige Traumsplitter davontragen. Auf zu neuen Ufern, in frische Köpfe, als Kondensationskeime für junge Geister und Hoffnungen.

20170707_223847

Advertisements

4 Gedanken zu „Momente X

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s