Hörsaalgetuschel – Ausgabe 143.

Laborkurse

Zwei Wochen war es her, dass Flo überraschend eine Mail in seinem Postfach entdeckte, mit der er nicht gerechnet hatte. Offenbar hatte er sich vor etwas mehr als einem halben Jahr für einen Laborkurs angemeldet, aber versäumt, diesen in seinen Kalender einzutragen. In der Konsequenz war er zunächst einmal sehr verwirrt und unsicher, was er tun sollte. Am Kurs teilnehmen oder doch lieber davon zurücktreten? Passte er in seine Zeitplanung oder sprengte das alle Fristen und Termine für ihn? So oder so hatte er ihn völlig vergessen.

„Ich bin durchaus sehr spontan, wenn man mir nur rechtzeitig Bescheid gibt“, hatte er immer gesagt, wenn es um Spontanität ging. Das hier fiel definitiv nicht unter seine Ansicht von rechtzeitig. Aber so oder so war es dann wieder ein Fach mehr, was ihn näher an den Abschluss brachte. Langsam aber sicher füllte sich die Liste und irgendwann würde der Tag kommen, an dem er seinen letzten Kurs tatsächlich abschließen würde. Wenn er ehrlich mit sich selbst war, dann gruselte er sich gehörig vor diesem Moment, denn er konnte immer noch nicht abschätzen, was danach folgen würde.

Aber jetzt stand erst einmal das Labor an. Passenderweise in genau der Woche, in der die Temperaturen wieder kräftig steigen sollten. Die Vorstellung, in einem Raum ohne Klimaanlage, dafür aber mit Brennern und Trockenschränken sowie großer Fensterfront zu stehen, während die Laborordnung neben festem Schuhwerk auch lange Hosen und Kittel vorschrieb, war wenig verlockend.

So wenig verlockend, dass Erik am Montag früh auf dem Sofa lag und überlegte, einfach liegen zu bleiben. Auch wenn es schon eine ganze Weile so lief, erschien es Flo immer noch wie Ironie, dass ausgerechnet er jemand anderen überreden musste, zur Uni zu gehen. Für ihn war immer noch die Zeit präsent, in der er selbst eher nachlässig mit den Veranstaltungen und seiner Anwesenheit dort gewesen war. Generell schien Erik aktuell etwas nachzulassen. Immer wieder saß er da, starrte regungslos auf seinen Bildschirm, und wenn in seinem Kopf etwas vor sich ging, dann blieb es darin verborgen. Immer wieder schien er völlig in seiner eigenen Welt gefangen, abgeschottet von seiner Umwelt. Vielleicht lag es mit daran, dass Mia zwar zur Kenntnis genommen hatte, dass er aktuell bei Flo auf dem Sofa wohnte, aber wohl beschlossen hatte, sich später damit auseinanderzusetzen.

Letztendlich schaffte Flo es, Erik zum Aufstehen zu bewegen und mit ins Labor zu schleifen. Immerhin wäre es auch unfair den anderen Anmeldungen gegenüber gewesen. Die Anzahl der Kursplätze war mit gerade einmal sechs Stück sehr knapp ausgelegt aber in den vergangenen Jahren hatte das immer vollends ausgereicht. In diesem Jahr hatte allerdings ein bestimmter Doktorand den Lehrstuhl verlassen, was zur Folge hatte, dass die Nachfrage deutlich anstieg, ebenso wie der Ruf des Instituts. Flo und Erik hatten immerhin beide einen der begehrten Plätze bekommen und hatten es beide wieder vergessen, bis sie von der Erinnerungsmail darauf aufmerksam gemacht worden waren.

Eine Bahn- und eine Busfahrt später standen sie dann pünktlich vor dem Labor und wurden vom Laborleiter und seinen HiWis begrüßt. Drei Betreuer für sechs Studenten, und alle hatten eines gemeinsam. Sie trugen zwar geschlossene Schuhe, aber kurze Hosen, T-Shirts und keine Laborkittel. „Heute werden wir sowieso noch nicht mit aggressiven Chemikalien arbeiten. Ihr werdet bestenfalls etwas staubig.“ Aber auch an den folgenden Tagen konnte der Umgang mit Säuren sie nicht von ihrer Uniform abhalten.

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