Beltane – Teil 2.

Beltane Titelbild

So war es dann gekommen, dass auf Beltane Kameras ausgepackt wurden mit dem Ziel, die Schönheit der Landschaft und die Eigenheiten der Kolonie fest zu halten. Mara Naravova war zur Pressevertreterin der Kolonie ernannt worden. Ein Reporter namens Felix Urban hatte eine Videonachricht in einem völlig veralteten Format geschickt. Er hatte die Autorisierung der Allianz eine Dokumentation über die Besiedlung von Beltane zu drehen. Ohne selbst dort zu sein. Um trotzdem etwas über die Kolonie zu erfahren und Interviews führen zu können hatte er ein weiteres Video gesendet. Wieder im gleichen veralteten Format und voll gestopft mit Fragen rund um die Reise, die ersten Schritte auf der neuen Welt und das alltägliche Leben so weit draußen. Aus seinen Worten sprach dabei wenig Anerkennung.

Mara Naravova überlegte, wie sie mit den Interviews umgehen sollte und beschloss, aus jeder Gruppe einen Vertreter vor die Kamera zu setzen. Sie war sich nicht sicher, in welchem Ton sie die Antworten formulieren sollten. Die vorlaute, herablassende Wortwahl des Reporters störte sie sehr. Sie beschloss, das aktuell in der Allianz übliche Format zu verwenden. Damit würde sie die Bandbreite der Übertragung zwar wahrscheinlich vollständig ausnutzen aber sie hatte das Gefühl, die Ehre der Kolonie verteidigen zu müssen. Sie waren noch einfach, aber nicht rückständig.

Sie war sich bewusst, dass Beltane das jüngste der zweiundvierzig von Menschen bewohnten Systeme war aber das machte sie nicht zu der primitivsten. Sie waren keine Bauernkolonie wie Solaris oder Shire. Die Siedler dort versuchten tote Planeten mit endlosen Wäldern zu bepflanzen. Auf Beltane wollten sie eine Perle der Menschheit schaffen. Kunstvolle Städte sollten entstehen, zierliche Parks, unkomplizierte Farmen, leistungsstarke Fertigungsstätten, perfekt ausgerüstete Schulen und Universitäten. In jeder Stadt sollte es eine Bibliothek geben, zusätzlich zu dem immer erreichbaren Zentralarchiv. Jede Stadt sollte ein Theater haben, ein Orchester und Museen. Die Tunnelbohrmaschinen gruben bereits die ersten Tunnel zwischen den beiden Städten und den Orten, wo weitere entstehen sollten. Die U-Bahn würde den ganzen Globus umspannen, jede Stadt mit jeder verbinden. Selbst jene, die noch lange nicht gegründet waren. Nein, für Beltane musste man sich wahrlich nicht schämen. Sie waren nicht rückständig und würden es auch nie sein.

Mara Naravova griff sich eine Kamera und verließ ihr Büro. Sie wollte sich umsehen, Orte suchen, die für die Interviews eine geeignete Kulisse abgeben würden. Sie hatte sich überlegt, die verschiedenen Vertreter jeweils vor der Stätte ihres Wirkens zu interviewen. So konnte sie ihnen die Möglichkeit geben, direkt auf ihre Arbeit Bezug zu nehmen und sie zu Präsentieren. Die Farmen, die Fabriken, die Bildungs- und Kulturanstalten, die Minen und Städte. Nur wo sollte sie anfangen?

Im Foyer der Koloniezentrale befand sich ein Hologramm der Kolonie. Die Hauptstadt, Beltane, namens gebend für die ganze Kolonie, lag auf einem Hügel genau zwischen zwei klaren Seen. Genau in ihrer Mitte ragte der Verwaltungsturm der Koloniezentrale wie eine glitzernde Nadel in den Himmel. Von dort aus führten Alleen in alle Richtungen. Hinunter zu den Häfen, zu den Plätzen und Parks der Stadt. Mara Naravova mochte die Parks, besonders die waldigen. Sie waren mit viel Bedacht angelegt worden und immer gepflegt und aufgeräumt. Wenn man Glück hatte, dann konnte man sogar einen der seltenen Vögel dort zwitschern hören. Tiere gab es noch immer recht wenige auf Beltane. Es gab zwar sogar bereits einen kleinen Zoo aber der war drüben, in Belenos. Die Parks bildeten immer kleine Freiflächen und Kontraste in den dichten Strukturen der Stadt. Die Siedler waren beisammen gehalten worden. Selbst die Farmen mit ihren weitläufigen Gewächshäusern lagen unmittelbar an der Stadtgrenze. Es gab kaum lange Strecken, alles ließ sich zu Fuß oder mit dem Fahrrad erreichen.

Und dann fand Mara Naravova den Ort für ihr erstes Interview. Der Garten der Universität! Zunächst ein recht unscheinbarer Ort. Mit seinen Kletterpflanzen und rauen Mauern wirkte er irgendwie urig, als wäre er schon sehr viel älter als die Kolonie. Das niedrige Universitätsgebäude störte dieses Bild nicht. Die großen Fenster waren mit vielen kleinen Kacheln aus Buntglas besetzt und erinnerten an die Bilder von Kathedralen und mittelalterlichen Schlössern aus den Geschichtsbüchern der Erde. Die Container des Kolonieschiffs, aus denen das Gebäude ursprünglich zusammen gesetzt war, konnte man nicht mehr als solche identifizieren. Viele der Gebäude in Beltane waren zumindest teilweise früher einmal ein Element des Schiffs gewesen. Jetzt waren sie auf Fundamente gesetzt worden und bewohnt. Putz und Farbe hatten aus alten Containern wohnliche Häuser gemacht, schweißgeräte und fähige Tischler aus klobigen Schotts einladende Türen.

5 Gedanken zu „Beltane – Teil 2.

  1. Stella, oh, Stella

    So einen science fiction Film hätte ich mal gerne gesehen. Wo es um die Besiedlung eines fremden Planeten geht und die Schwierigkeiten, die zu überwinden sind. Nicht immer nur Krieg gehen irgendwelche schleimigen, tentakelbesetzen Wesen, die alle immer nur den Untergang der Menschheit wollen und ohne „Let’s kick some alien arses“ und dann wird die Welt von einem alten, dem Trunk verfallenen Typen gerettet. (Oder kommt das bei dir noch???) 😉

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    1. dergrafvonborg Autor

      Nein, mit einem Trunkenbold kann ich leider nicht dienen. Es gibt auch bisher erst eine Brauerei und eine Rumbrennerei dort. Nicht die idealen Bedingungen für das große Saufen. Und die Welt wurde ja genau deswegen ausgesucht, weil es keine alien arses zum kicken gab 😉 Wäre ja sonst auch nicht nett. Ich glaube, das Action-Potential von solchen Besiedlungsgeschichten ist nur sehr viel niedriger, daher macht sich da niemand die Mühe mal wirklich Geschichten rein zu schreiben, die man verfilmen könnte 😀

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