Hörsaalgetuschel – Ausgabe 146.

Der innere Schweinehund

„Erik, ich weiß, dass du nicht viel brauchst, aber du kannst nicht wochenlang im Bett liegen bleiben. Selbst deine Pflanze nimmt dir das schon übel und du musst wirklich einmal gründlich lüften.“

Flo stand gegen das spartanisch eingeräumte Regal gelehnt in einer kleinen Wohnung, die absolut typisch für Erik sein konnte. Wo nichts herumstand, konnte auch nichts einstauben. Aber hier hatte er es vielleicht ein wenig auf die Spitze getrieben. Erik hatte sich nicht einmal die Mühe gemacht, die meisten Kisten oder Koffer auszupacken. Er hatte sie ungeöffnet im Keller verschwinden lassen und hatte nur das Nötigste mit hinauf in die kleine Einzimmerwohnung genommen. Das Bett war ein durchgelegenes Schlafsofa, welches er vom Vormieter übernommen hatte, genau so wie die meisten Möbel.

Die wenigen Habseligkeiten, die er ausgepackt hatte, wirkten merkwürdig deplatziert und verstreut im Raum. Die einsame Pflanze auf dem Fensterbrett hatte das Stadium des Blätter Abwerfens übersprungen und war gleich so kross knusprig getrocknet. Als könne er jeden Moment wieder blühen, stand der mumifizierte Rest dort. Und wenn Flo Erik so ansah, war der Unterschied nicht zu groß.

Die ganze Woche schon hatten Flo und Kristina Vorwände gesucht, Erik aus dem Haus zu locken und zu Unternehmungen einzuladen. Vergeblich. Wenn überhaupt, dann war es zu bewerkstelligen, ihn aus dem Bett zu bekommen, um die Türe zu öffnen. Die Ernährung bestand aus Fertiggerichten, Nudeln oder Reis mit Ketchup oder irgendetwas, was sich gerade auftreiben ließ. Nichts war übrig geblieben, von den kulinarischen Glanzlichtern, die er so gerne gekocht hatte. Denn das war schließlich für andere gewesen und nicht nur für ihn selbst. Bisher war es nicht so deutlich aufgefallen, aber jetzt konnte er es nicht mehr verstecken. Was er tat, das tat er für andere. Sich selbst stellte er immer hinten an. Nur jetzt war da niemand mehr, für den er wirklich etwas tun konnte. Flo sah das anders und war verhältnismäßig beleidigt.

„Bring dich jetzt mal in Ordnung und dann gehen wir raus. Mit diesem Theater ist wenigstens für heute mal Schluss!“

Vielleicht konnte er mit etwas gut gemeinter Strenge und deutlichen Worten mehr Effekt erzielen. Auch wenn gut gemeint oft das Gegenteil von gut war, er musste es jetzt einfach versuchen. Ein schlaffer Erik wühlte sich unkoordiniert aus den Laken, ließ sich wie ein Walross von der Bettkante fallen, bis er schließlich doch danebenstand. Flo hatte immer daran geglaubt, dass Sprichwörter irgendwo auch einen Bezug zur Realität hatten und sich nur im Laufe der Zeit etwas verselbstständigt hatten. Hier aber stand die Personifikation des Sprichwortes vom nassen Sack. Schwarz unterlaufene Augen sahen ihn müde und verquollen an.

„Sie hat mich verlassen, wollte es noch mir in die Schuhe schieben und fängt gleichzeitig mit der Frau etwas an, die sich eigentlich an mich ran gemacht hat und die ich ihr zuliebe abgewiesen habe. Hast du eine Ahnung, wie verarscht man sich dabei fühlt?“

„Nein, das habe ich nicht. Aber es ist auch keine Lösung, sich hier einzugraben und zu verschimmeln. Wir gehen raus und mal sehen, mit etwas Glück läuft uns ja sogar jemand tolles für dich über den Weg.“

„Du hast es ja sehr eilig. Jemanden wie Mia finde ich ohnehin nicht noch einmal.“

„Genau das ist der Plan. Diesmal soll es jemand sein, die dich auch will und nicht nur der Bequemlichkeit halber behält. Seit Monaten sehe ich dich laufend zweifeln und jetzt hat sie den Schritt gemacht, den du dich nicht getraut hast.“

„Am Ende soll ich ihr auch noch dankbar dafür sein? Flo, du bist verrückt.“

„Damit hast du absolut recht. Was meinst du, wieso Kristina noch bei mir ist? Ernsthaft, ich habe doch ansonsten nichts anzubieten. Und jetzt genug davon. Ich hab Durst und seit über einer Woche kein Bier mehr getrunken. Kristina versucht im Moment etwas zu reduzieren.“

Erik musste einsehen, dass Widerspruch zwecklos war, und er hasste es. Er zwang sich unter die Dusche und in die Klamotten, die am wenigsten schmutzig und unansehnlich waren. Wenig später saßen sie bei den Klängen keltischer Volksmusik in der Bar, jeder ein Bier vor sich, und so sehr Erik sich auch dagegen sträubte, es ging ihm mit jedem Schluck und jeder Minute besser. Er genoss sogar die Anwesenheit anderer Menschen, auch wenn ihn das Paar leuchtend grüner Augen am Tisch des Junggesellinnenabschieds, welches ihn unverhohlen anfunkelte, etwas irritierte.

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