Beltane – Teil 4.

Beltane Titelbild

Mara Naravova bedankte sich beim Rektor für das Interview und schaltete ihre Kamera ab. Das war er also gewesen, ihr erster Versuch ein Interview zu führen. Sie fühlte sich nicht einmal so schlecht deswegen. Es war besser gelaufen als sie gedacht hatte aber es waren Fragen aufgetaucht, mit denen sie sich noch nie bewusst befasst hatte. Für sie war der schroffe Fels Beltanes immer mindestens mit einem frischen, grünen Flaum bedeckt gewesen. Sie konnte sich schlicht nicht vorstellen, dass es einmal anders gewesen war oder anders sein würde. Dabei wusch der Regen bei weitem nicht mehr so viele Pflanzen fort wie er es einmal getan hatte. Mehr und mehr zusammen hängende Grünflächen bildeten sich an Stellen, wo sie früher nur Fels und Sand hatten finden können.

Ihre Füße hatten sie an den Pier der Fähre getragen. Verträumt, den Blick nach innen gerichtet, versuchte sie das Bild ihrer Kindheit wieder her zu stellen. Kahle Hügel, grobe Felsen und sprudelnde, warme, klare Bäche. Ein breiter Fluss speiste den weiten See mit Wasser was so klar war, dass es kaum sichtbar war. Lediglich der scharfe Sand glitzerte dann und wann, reflektierte das helle Sonnenlicht, dass es wie Sternenschein wirkte. Heller war es damals gewesen, mit weniger Wolken. Mara Naravova kam sich in diesem Moment tatsächlich alt vor. Die Alten redeten oft von Früher, wenn sie abends zusammen auf den Bänken saßen. Es hatte weniger Regen gegeben, weniger Wolken, das Leben war einfacher aber auch anstrengender gewesen und das Wasser sauberer. Inzwischen war selbst der Fluss etwas trüber geworden. Er trug schlammige, braune Schwebstoffe mit sich, sein Wasser hatte begonnen zu schäumen und hier und dort war sogar ein einzelner Fisch zu sehen.

Mara war nie gut genug in Biologie gewesen um den Zusammenhang zu erkennen. Das Wasser floss nicht mehr einfach in den porösen Fels sondern wurde von den jungen Pflanzen festgehalten und verdampfte über ihre Blätter in die Atmosphäre. Abgestorbene Pflanzenreste zerfielen, wurden zersetzt und was nicht festgehalten werden konnte, um die erste Generation echten Humus zu bilden, wurde vom Regen weg gewaschen und bildete zuerst die Schwebstoffe im Fluss, später dann an anderer Stelle den Boden. Selbst die großen Sandflächen hinter dem Hügelland konnten zu einer blühenden Heide werden.

Der See, an dem Mara Naravova stand, war seit je her ein Indikator für den Stand der Fauna gewesen. Mit dem ersten Moos kam das erste Plankton und die ersten Algen, verliehen dem blass blauen Wasser einen leichten Grünstich. Die ersten Wiesen wurden von Schilf und Seerosen begleitet und gemeinsam mit den ersten Setzlingen des Waldes wurden Mangrovensetzlinge auf die flachen Sandbänke gepflanzt. Sie ließ ihren Blick streifen. Die nächste Fähre von Belenos würde erst in etwas mehr als einer Stunde anlegen. Allein war sie trotzdem nicht. Eine knochige Hand tippte ihr ganz vorsichtig auf die Schulter, deutete auf eine Stelle im Schilf und bedeutete ihr Ruhig zu sein.

„Sehen Sie nur!“ flüsterte der alte Mann. Sein Gesicht war Wetter gegerbt und von tiefen Furchen durchzogen, die Augen tief in den Höhlen aber ausgesprochen neugierig und hell. Seine Hand zeigte auf eine vorsichtige Bewegung am Ufer. „Gänseküken! Sie sind erst gestern das erste mal ins Wasser gekommen. Die zweite Generation. Vor zwei Jahren haben wir uns das erste mal daran getraut und ihr Genom aus der Datenbank geholt. Sind sie nicht wunderschön?“

Mara Naravova war verdutzt. Sie hatte vorher noch nie bewusst Gänse oder überhaupt Wasservögel hier wahr genommen. Plötzlich fielen ihr sogar andere Vögel am Wasser auf, die sie aber nicht erkannte. Die eine Art mit dem grünen Köpfen konnten Enten sein, ein Vogel, der auf der Erde weit verbreitet sein sollte. Sie blickte zu dem Mann an ihrer Seite.

„Sie sind Biologe? Wieso haben sie jetzt erst diese Vögel gezüchtet?“

„Oh nein! Ich bin kein Biologe. Ich bin der Bootsbauer, habe früher die Fähre gefahren. Damals, als Belenos noch nur eine kleine Minenstation war. Aber ich habe den Biologen bei der Arbeit am See geholfen. Ich war der erste, der nach der Landung sein Zelt hier am See aufgeschlagen hat und hier die Pflanzen gepflegt hat. Vielleicht haben sie mich deswegen hier akzeptiert und mich bei der Auswahl der Wasservögel helfen lassen. Sehen Sie, man kann nicht einfach hin gehen und jeden Vogel in jedes Gewässer setzen. Irgendwas müssen die Tiere ja auch essen. Solange es im Wasser keine Pflanzen gibt, kann hier keine Ente überleben und ohne ausreichend viele Fische würde uns ein Reiher schnell verhungern. Erbgut aus der Datenbank zu replizieren ist teuer und zeitaufwändig. Da geht man keine unnötigen Risiken ein.“

Mara Naravova war froh, unverhofft ihr zweites Interview gefunden zu haben. Das Aufnahmegerät zeichnete emsig alles auf was sie selbst sah und hörte. Als sie den alten Mann um die Erlaubnis bat, einige Fragen zu stellen und für die Dokumentation zu verwenden wirkte er irritiert. Er hatte nie den Ansporn gehabt speziell auf zu fallen oder sich hervor zu heben. Er erledigte seine Arbeit, kümmerte sich um den See und half, wo es ihm gerade möglich war. Besondere Aufmerksamkeit hatte er dafür nie erwartet. Er wollte nur seine Welt erschaffen.

„Was kann ich Ihnen erzählen? Ich war der erste Fährmann der Kolonie. Meine Aufgabe ist es, mich um alles zu kümmern, was auf dem See vor sich geht. Für mich gehört da auch alles Leben am Wasser dazu. Meine Großeltern haben sich damals für die Kolonisierung gemeldet, weil sie einen Unterschied machen wollten. Auf der Erde fällt ein Einzelner nicht mehr ins Gewicht, haben sie immer gesagt. Dort kann man als Mensch nichts besonderes mehr bewirken haben sie mir erzählt. Darum sind sie ausgewandert. Für sie war es noch besonders schwer einen Platz auf der Beltane zu bekommen. Sie kommen nicht von Luna, einem der kleineren Monde, den Asteroiden oder den Frachtern. Ihre Familien haben auf der Erde gelebt, von dort kamen die wenigsten Kolonisten. Es ist zu energieaufwendig Menschen von dort in den Weltraum zu bringen. Wie sieht es mit Ihnen aus, junge Dame? Ihre eigene Familie stammt aus den Minen von Deimos, dem Marsmond, wenn ich mich nicht täusche.“

 

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