Beltane – Teil 6.

Beltane Titelbild

Mara meinte, einen ausreichend guten Eindruck vom See und seinem Hüter bekommen zu haben. Die Bilder würden der Erde zeigen können, wie Wasser unter freiem Himmel auszusehen hatte. Vielleicht konnte man selbst dort wieder einiges renaturieren, wenn man sich Mühe gab. Beltane konnte die Richtung aufzeigen und sich so dabei einen Namen machen. Für sie war es Zeit, weiter zu kommen. Die Fähre war angekommen und brachte sie nach Belenos.

Die zweitgrößte Siedlung auf Beltane konnte und wollte ihren Zweck nicht verbergen. Wie ein Denkmal ragte aus den symmetrisch angeordneten Vierteln ein historisch wirkender Förderturm hinaus. Ein filigranes Gitter aus dünnen Stahlträgern wie es vor hunderten Jahren modern war, als die Menschheit Kohle aus der Erde holte, um Eisenbahnen und Dampfmaschinen der frühen Fabriken damit zu befeuern. Zwischen den sauberen Wohnblocks mit ihren flachen Dächern und den hohen Fabrikhallen war er ein überdeutlicher Anachronismus.

Die Straßen von Belenos waren breiter als die der Hauptstadt. Sie waren angelegt worden, um einmal große Mengen schwere Frachter tragen zu können. Man hatte abseits der Verkehrsflächen wenig Planungsraum für Parks und Gärten gelassen. Die Grünflächen waren auf die Dächer gewandert, welche untereinander häufig mit schlanken Fußgängerbrücken verbunden waren. Im Hintergrund der Stadt hob sich der Berg, wie eine natürliche Pyramide in den Himmel. Trotz der sommerlichen Temperaturen hatte sein Gipfel schon immer eine bepuderte Spitze, die oft genug im Nebel lag.

Mara hatte sich hier nie wohlgefühlt. Diese Stadt war ihr zu steril, zu geplant, zu industriell. Sie mochte das Organische, Gewachsene von Beltane und liebte die vielen kleinen versteckten Parks und Gärten, die häufig in den Hinterhöfen und Seitengassen zu finden waren. Sie erfreute sich am Summen der Bienen und Hummeln, wie sie durch die Blüten und Blumen krochen. Hier in Belenos, wo die Gärten auf den Dächern und die Fenster zur Straße meist verschlossen blieben, fehlte ihr dieses Zeichen von Leben. Vielleicht würde es eines Tages genug Brücken geben, als dass man die Stadt als Fußgänger überhaupt nicht mehr auf der Straßenebene betrat. Dann würde man statt durch Häuserschluchten nur noch durch Parks laufen, aber noch war es nicht soweit.

Die Kamera laufend vor sich her haltend betrat sie die Minen. Von hier kam das erste Eisenerz, welches in der Kolonie gefördert und verarbeitet worden war. Sobald sie das Gebäude betrat, fröstelte sie. Kalte Luft strömte aus dem Förderschacht und kühlte den gesamten Komplex ab. Für Mara reichte das völlig aus, um ihre Abneigung gegen Industriekomplexe zu verstärken. Aber sie war hier sowieso nicht zum Freizeitvergnügen, sondern weil sie einen Termin hatte. Sie wollte ihr Interview haben und wieder verschwinden. Leider würde sie dafür den Schacht hinab müssen.

Die Temperatur in Bergwerken ist unter anderem abhängig von ihrer Tiefe und der geologischen Aktivität der Position. Beltane war deutlich weniger aktiv als zum Beispiel die Erde. Während dort selbst auf den Kratonen schon in etwa viertausend Metern Tiefe sechzig Grad Celsius teilweise überschritt, waren noch an den Riftzonen von Beltane in dieser Tiefe keine dreißig Grad erreicht. Die Verwaltung war in den ersten Stollen untergebracht, keine hundert Meter tief. Die trockenen, kühlen Höhlen waren gut als Archiv geeignet aber wieso es hier Büros und Konferenzräume gab, verstand Mara nicht.

Sie hatte ihre Ausrüstung auf einem der viel zu großen Konferenztische aufgebaut und blätterte nervös durch ihr Notizbuch. Der Fels über ihrem Kopf hielt bereits beinahe so lange, wie die Kolonie existierte aber wer garantierte ihr, dass das auch so bleiben würde? Sie vermisste den Himmel, die Pflanzen und den Lärm. Auf dem Flur hatte sie eine Palme in einem Pflanzenkübel gesehen, ansonsten nichts Grünes. In dem mit dickem Teppich ausgelegten Konferenzraum hallten nicht einmal Schritte wider. Es war absolut still. Durch diese Stille schnitt die eigentlich so sanfte Stimme von Mira Gruber wie ein Messer.

„Der Stollen, aus dem dieser Raum hier geschlagen wurde, war der Erste, aus dem damals Erz abgebaut wurde. Noch bevor das Fundament für die Koloniezentrale in Beltane fertig war, hatten die Geologen mit der Suche nach Rohstoffquellen begonnen und waren hier fündig geworden. Die Lage bietet sich an. Es ist noch recht nah an der Landestelle, Energie und Rohstoffe waren ausreichend verfügbar und der See war bis zur Fertigstellung der Bahnlinie ideal für den Transport der Erzeugnisse per Floß. Außerdem befinden sich am Stadtrand die wichtigsten Steinbrüche. Die junge Kolonie brauchte Rohstoffe für ihr Wachstum, also begann man mit dem Abbau. Anfangs noch komplett von Hand, da die Kraftwerke noch nicht ausgeladen waren. Die Bergleute bauten hier ihre Zelte auf, da ihnen keine Container zugestanden wurden. Die Verwaltung wollte zuerst Beltane selbst aufbauen. Die Rohstoffe dafür aber kamen hier her und die Leute waren es schnell leid, täglich über den See zu fahren. Hier eine zweite Stadt zu gründen war die logische Konsequenz.“

Vor den beiden Frauen standen zwei dampfende Tassen mit herrlich duftendem Algentee, ein Teller mit Keksen in der Mitte des Tisches. Auch wenn ihr der Ort nicht behagte, es hatte auch seine Vorteile, Vertreter der Presse zu sein, fand Mara. Sie musterte die Frau ihr gegenüber, deren Vorname fast identisch mit ihrem eigenen war. Sie war nur wenige Jahre älter als sie selbst, das wusste sie. Außerdem einen guten Kopf kleiner, zierlich von Gestalt aber bestimmt in ihren Bewegungen. Sie war unter der Erde zu Hause, das merkte man und das strahlte sie auch aus.

Mara erfuhr, dass der Nachname Gruber, das Ergebnis von über fünfhundert Jahren bergmännischer Tätigkeit von Miras Familie war. Wenn es irgendwo eine Mine oder eine Grube gab, ein Mitglied der Familie Gruber war meist nicht weit. Eine Tradition, die sich über das Zeitalter von Kohle und Öl hinaus in den Weltraum bewahrt hatte. Mara konnte den Stolz der kleinen Frau angesichts ihrer Familiengeschichte gut nachvollziehen. Sie erfuhr, wie ihre Eltern und Großeltern dafür sorgten, dass Beltane mit Stahl und Beton versorgt wurde. Wie sie aus dem Nichts die Industrie der Kolonie begründeten, noch ehe ihnen die Roboter zugeteilt werden konnten. Sie hatten der Stadt ihren Stempel aufgedrückt wie sonst kaum jemand und von ihnen stammte auch der Entwurf, die Gärten ausschließlich auf den Hausdächern anzulegen. Für Jemanden, der sein Leben unter der Erde verbringt, mochte es logisch sein, dass sich ein Garten immer über einem befindet, ging es Mara durch den Kopf.

„Meine Großeltern sind in einem Grubenunfall ums Leben gekommen, als ich noch ein kleines Mädchen war, nur wenige Jahre nach der Landung. Das hat mich gelehrt, den Berg niemals zu unterschätzen. Egal, mit welcher Technik wir ihm zu Leibe rücken, wir bekommen nur das, was er uns geben will. Meine Eltern überwachen die Tunnelbaustellen für die Bahn, und solange habe ich die Leitung der Minen hier übertragen bekommen. Das Meiste unter Tage wird allerdings auch hier inzwischen robotisch erledigt. Wir bauen die Maschinen selbst und passen sie direkt den nötigen Anforderungen an. Auf diese Weise können wir der Kolonie laufend einen Überschuss liefern.

Unser Wachstum ist nicht dadurch begrenzt, dass wir kein Baumaterial liefern könnten. Meistens sind die Leute einfach mit dem zufrieden, was sie haben. Sie haben sich so sehr an ihre Container gewöhnt, dass sie sie als ihr Zuhause betrachten. Es sind die jungen Leute, die bauen wollen. Die Verwaltung, drüben in Beltane, ist aber sehr vorsichtig, was das Ausstellen neuer Baugenehmigungen angeht. Sie möchten möglichst viel von Beltanes uriger und rauer Schönheit bewahren, aber gleichzeitig lebendige, organische Städte bauen.

Ich glaube, sie stehen sich da häufig selbst im Weg. Wenn sie die Landschaft so dringend schützen wollten, dann müssten sie unterirdisch bauen, und das wollen sie nicht. Aber irgendwann wird trotzdem auch über den rauen Felsen ein weicher Boden wachsen. Weiter im Norden hat es bereits angefangen. Dort an der Flussmündung soll doch eine weitere Stadt entstehen. Wie es aussieht, werden sie dann nicht mehr zwingend Gewächshäuser brauchen. Vielleicht kann man das Delta dann dafür nutzen.“

2 Gedanken zu „Beltane – Teil 6.

  1. Stella, oh, Stella

    Also ich finde, das ergäbe einen interessanten Film, auch ohne Explosionen oder Angriffen von schleimigen Aliens mit Tentakeln. Man hat ja so viel Freiheit was Pflanzen- und Tierwelt angeht.

    Die Idee mit Gärten auf den Dächern mit Brücken verbunden finde ich spannend. Das könnte sich zu was Schönem entwickeln.

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    1. dergrafvonborg Autor

      Tja, wenn ich mal ein wenig besser zeichnen könnte :/ vielleicht würde ich mich dann tatsächlich trauen, das ganze irgendwie bewegt darzustellen… wenn ich eine Idee hätte, wie. Für den Film müsste man ansonsten eine Wüste finden, da es ja noch nicht so viel Bewuchs gibt 🙂

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