Hörsaalgetuschel – Ausgabe 149.

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„Hallo schöner Mann. Du hast dich so lange nicht gemeldet und ich dachte, wir könnten uns gemeinsam etwas die Zeit verschönern.“

Die Worte, der Absender und der frivol grinsende Smiley in dieser Chatnachricht sprachen eine Sprache, die Erik fast schon eine Spur zu deutlich war. Aber sie trugen auch etwas in sich, was in ihm ein fast schon vergessenes und wohliges Gefühl auslöste. Das Gefühl, begehrt und gewollt zu sein. So sehr er sich auch sträuben mochte und um Rationalität bemüht war, er musste sich eingestehen, dass es ihm gefiel und irgendwie auch gut tat. Außerdem war Marlene viel zu gut darin, ihm dieses Gefühl zu geben und dabei glaubhaft zu bleiben. So sehr er auch nach Anzeichen dafür suchte, dass sie nur ein Spiel spielte, er konnte nichts finden. Zeitweise hatte er sogar den Eindruck, sie könnte überhaupt nicht lügen, selbst wenn sie es versuchte. Stattdessen funkelte sie ihn mit ihren leuchtend grünen Augen an, und er hatte den Eindruck, durch sie direkt bis in ihre Seele blicken zu können. Und alles, was er sehen konnte, war, dass sie ihn wollte. Nicht einfach nur stumpf körperlich, das natürlich auch, aber viel mehr mit Haut, Haaren und Herz. Daran arbeitete sie mit einer Beharrlichkeit, die ihn fast um den Verstand brachte und beängstigte.

Und das alles war auch noch Flos schuld. Er war es gewesen, der vor drei Wochen die Mädels auf ihrem Junggesellinnenabschied angesprochen hatte und mit der Braut geflirtet hatte. Er war es gewesen, der die interessierten Blicke der Trauzeugin wahrgenommen hatte und Eriks Nummer gegen einen Schnaps eingetauscht hatte. Er war es gewesen, der die Gruppen zusammen gewürfelt hatte und ganz zufällig Erik neben Marlene geschoben hatte, wofür sie ihn unendlich dankbar angesehen hatte. Und beinahe hätte er auch seinen letzten Zug fahren lassen, da Erik nicht alleine bei den Mädels geblieben wäre. Am Ende des Abends war es nicht der Alkohol gewesen, der Erik fertiggemacht hatte, sondern nur seine Nerven.

Dennoch, er ließ es nicht einfach im Sande verlaufen, sondern blieb dabei und spielte mit. Er selbst war darüber vielleicht noch am meisten überrascht. Aber er antwortete auf ihre Nachrichten, beantwortete ihre Fragen, stellte seinerseits selbst welche und entdeckte so ein Interesse und eine gewisse Faszination für sie. Und das, obwohl er gerade erst eine Beziehung hinter sich hatte, die er als ernsthaft bezeichnen würde, und auch immer noch gelegentlich an Mia dachte.

Die Gefühle für sie waren aber leider inzwischen eher von Bitterkeit und mit einem Geschmack von Verrat durchzogen. Aber eines war ihm auch deutlich geworden. Die Zeit, die Mia mit Tina ohne ihn verbracht hatte, ohne ihm zu sagen, dass es vorbei war, zählte für ihn dennoch schon als Trennungsphase. Er hatte viel Zeit gehabt, sich darauf vorzubereiten und an den Gedanken zu gewöhnen. Nichts war plötzlich und auf einmal da gewesen, sondern von langer Hand her angekündigt. Der gemeinsame Alltag hatte bereits weit im Vorfeld so viel gefressen, hatte so vieles selbstverständlich werden lassen und so vieles auf dem Weg zurück gelassen. Kleine Worte der Zärtlichkeit, warme Blicke oder nur mal ein unerwarteter Kuss nebenher.

Und auf einmal waren da diese leuchtenden grünen Augen, welche direkt in sein Innerstes zu blicken schienen und nach eben diesen warmen Blicken oder Zärtlichkeiten suchten. Volle, offensichtlich wunderbar weiche Lippen, die um gemeinsame Zeiten baten, und seien es nur Minuten. Erik wusste nicht, wie lange sie alleine gewesen war, aber er merkte, sie würde einiges daran setzen, ihn von seinem Plan abzubringen, jetzt eine Weile alleine zu verbringen. Und wenn er ehrlich war, gefiel ihm der Gedanke auch.

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2 Gedanken zu „Hörsaalgetuschel – Ausgabe 149.

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