Beltane – Teil 7.

Beltane Titelbild

„[…] Aber irgendwann wird trotzdem auch über den rauen Felsen ein weicher Boden wachsen. Weiter im Norden hat es bereits angefangen. Dort an der Flussmündung soll doch eine weitere Stadt entstehen. Wie es aussieht, werden sie dann nicht mehr zwingend Gewächshäuser brauchen. Vielleicht kann man das Delta dann dafür nutzen.“

Mara ließ sich die Gelegenheit nicht entgehen, eine persönliche Führung für sich und die Kamera wahrzunehmen. Wenn überhaupt, dann würde sie wohl kaum in nächster Zeit wieder hier hinunterkommen. Mira Gruber führte sie durch die Stollen, zeigte ihr die Abbauroboter, Förderbänder, Steuerzentralen, Ver- und Entsorgungseinrichtungen. Rumpelnde Erzbrocken und Abraum auf dem Weg zu neuen Ufern. Menschen und Maschinen auf dem Weg zu ihren Arbeitsstätten. Ganz nebenbei erfuhr Mara auch noch etwas über die Bergbaugeschichte der Erde.

Sie verfolgten die Förderbänder durch lange Tunnel. Mara wünschte sich bald ein Fahrrad oder selbst ein Förderband, aber sie waren zum Laufen verdammt, und dennoch bereute sie keinen einzigen Schritt. Eine gefühlte Ewigkeit später tauchte Tageslicht vor ihnen auf. In riesigen Hallen war die weitere Verarbeitung des Erzes untergebracht. Enorme Hitze strahlte von den elektrischen Hochöfen und Schmelzen durch den gesamten Komplex und machte das Atmen schwer.

Die Führung war auch hier ausgezeichnet. Es war ein Transportwagen aufgetaucht, der die beiden Frauen durch die Fabriken chauffierte. Mira Gruber erklärte Mara Naravova die Produktionsketten mit viel Geduld. Sie beantwortete die Fragen, stellte ihr die Mitarbeiter vor und erläuterte die Maschinen. Mara nutzte die Gelegenheit um Interviews zu führen und Mira war geduldig genug, um ihr die Zeit zu gönnen. In der Zwischenzeit musste Mara sogar eine neue Speicherkarte einlegen. Jemand hatte vergessen, die Alte zu leeren.

So erfuhr sie von zahlreichen Familiengeschichten und Einzelschicksalen. Menschen die mal ein besseres, mal ein schlechteres Leben zurück gelassen hatten, um komplett neu zu starten. Die Motive waren dabei vielseitig. Und sie erhielt einen guten Einblick in die Köpfe der Kolonie und deren Alltag. Sie ertappte sich dabei, wie sie die ausgefeilte Produktion der besten Roboter und Maschinen nur beiläufig bemerkte. Viel Interessanter fand sie die Menschen dahinter und ihre Geschichten.

Tony Fords Großmutter hatte die Erde damals nach einem Mord fluchtartig verlassen müssen. Über einen Freund war sie auf die Passagierliste geschmuggelt worden und hatte erst auf der Reise ihren Mann, Tonys Großvater, kennengelernt. Sie war nach der Landung beim Bau des Aquädukts verunglückt und gestorben. Sein Großvater hatte ihren Verlust bis zuletzt nicht verarbeiten können. Er war es gewesen, der dem jungen Tony beigebracht hatte, Roboter zu bauen. So war er in den Werkstätten von Belenos gelandet, wo er die neuen Modelle perfektionierte. War ein Entwurf einmal fertig, konnte er von den Robotern selbst ausgeführt werden. So sehr er seine Roboter auch umwarb, auf die Frage, ob seine Roboter nicht auch selbstständig Modelle entwickeln könnten, reagierte er unterkühlt.

Anna Abboth hatte von ihrer Familie nicht so viel gelernt. Sämtliche ihrer Vorfahren der letzten fünf Generationen waren Ärzte gewesen. Sie war die Erste und bislang Einzige gewesen, die mit der Tradition gebrochen hatte und stattdessen Schweißer geworden war. Auf den Baustellen und in den Minen war sie als solche mehr als willkommen. Ihre beiden Brüder lehrten inzwischen Medizin an der Universität. Sie hielt dafür Unterricht für die Handwerker und lehrte sie alles, was es über Metallbearbeitung zu wissen gab.

Venera Wisnewski wollte über sich nicht mehr preisgeben, als dass sie Buchhaltung gelernt hatte. Dafür erzählte sie von ihrem Vater, Mikail. Er hatte als junger Mann die erste Fähre gebaut, die Belenos mit Beltane verband. Damals hatte die Kolonie noch keinen eigenen Hochofen besessen und sämtliches Metall des Raumschiffs wurde sehr sorgfältig verplant. Für die Fähre hatte er keines bekommen können. Allerdings war der erste Steinbruch eröffnet und das Zementwerk in Betrieb. Aus entsorgten Drähten, einem aussortierten Servomotor aber hauptsächlich Beton hatte er dann die Fähre gebaut. Sie war durch Unachtsamkeit mehrfach auf Grund gesetzt worden und leckgeschlagen, konnte aber jedes Mal repariert werden und ihren Dienst bis heute fortsetzen.

Thomas Extras Familie war schon immer in Bewegung gewesen. Seine Vorfahren waren aus allen Teilen der Welt gekommen und ebenso in alle Himmelsrichtungen wieder entschwunden. Als es an die Besiedlung des Sonnensystems ging, hatten sie sich zunächst zurück gehalten, aber am Ende hatten sie doch den Griff zu den Sternen gewagt. Auf jeder Kolonie der Menschheit fand sich inzwischen mindestens ein Mitglied der Familie Extra, natürlich also auch auf Beltane. Thomas hatte als junger Mann große Schwierigkeiten gehabt, seinen Platz in der Kolonie zu finden. Er hatte etliches ausprobiert aber wollte nirgendwo wirklich hineinpassen. Irgendwann hatte er angefangen, nach alten Plänen Modelle von historischen Flugzeugen zu bauen. Damit war seine Aufgabe gefunden. Er entwarf, baute und wartete die Flugzeuge von Beltane. Das es bisher nur einen Flugplatz gab, störte niemanden. Man suchte seine Aufgabe einfach in der Aufklärung und der Übung im Umgang mit der Produktion.

Chi Chin und Han Bey Fong waren beide Elektriker gewesen. Sie hatten auf dem Kolonieschiff angeheuert, um gemeinsam ihrer Heimat zu entfliehen. Eine Koreanerin und ein Japaner, das war eine völlig undenkbare Kombination. Das Kolonieschiff war die einzige Möglichkeit, welche die beiden sahen, zusammen sein zu können, ohne von den Nachbarn als Verräter behandelt zu werden. Ihre Tochter Shao war noch auf dem Schiff geboren worden und war bei der Landung, mit zwölf Jahren, fertig ausgebildet im Beruf ihrer Eltern. Heute war diese Beltanes dienstälteste Elektrikerin und betreute das Kraftwerk von Belenos.

So lernte Mara Stück für Stück alle Elemente der Welt kennen, in der sie lebte. Sie war sehr erstaunt, wie viele Gesichter der kleinen Gemeinde sie noch nie gesehen hatte. Eine junge Kolonie mit zwei Städten und keiner halben Million Einwohner. Sie hatte erwartet, jeden Bewohner bereits mindestens einmal getroffen zu haben. Besonders, da schon ihre übliche Arbeit in der Koloniezentrale viel Kontakt zu den Siedlern forderte.

Was sie neben der Herkunft der Siedler besonders fasziniert hatte, waren die Geschichten über die Eltern und Großeltern. Die Gründungstage der Kolonie mussten sehr bewegt gewesen sein und auch wenn es nur wenig Bildmaterial dazu geben würde, sie musste unbedingt die Archive besuchen. Für sie wurde die Kolonie erst durch eben diese Geschichten lebendig. Die Mauern und Fenster füllten sich mit Leben, genau wie die Straßen und Plätze. Das war für sie der Schatz der Kolonie. Nicht die Museen und Fabriken oder Parks und Alleen. Die Geschichten waren das Geheimnis.

3 Gedanken zu „Beltane – Teil 7.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s