Archiv für den Monat September 2017

Beltane – Teil 4.

Beltane Titelbild

Mara Naravova bedankte sich beim Rektor für das Interview und schaltete ihre Kamera ab. Das war er also gewesen, ihr erster Versuch ein Interview zu führen. Sie fühlte sich nicht einmal so schlecht deswegen. Es war besser gelaufen als sie gedacht hatte aber es waren Fragen aufgetaucht, mit denen sie sich noch nie bewusst befasst hatte. Für sie war der schroffe Fels Beltanes immer mindestens mit einem frischen, grünen Flaum bedeckt gewesen. Sie konnte sich schlicht nicht vorstellen, dass es einmal anders gewesen war oder anders sein würde. Dabei wusch der Regen bei weitem nicht mehr so viele Pflanzen fort wie er es einmal getan hatte. Mehr und mehr zusammen hängende Grünflächen bildeten sich an Stellen, wo sie früher nur Fels und Sand hatten finden können.

Ihre Füße hatten sie an den Pier der Fähre getragen. Verträumt, den Blick nach innen gerichtet, versuchte sie das Bild ihrer Kindheit wieder her zu stellen. Kahle Hügel, grobe Felsen und sprudelnde, warme, klare Bäche. Ein breiter Fluss speiste den weiten See mit Wasser was so klar war, dass es kaum sichtbar war. Lediglich der scharfe Sand glitzerte dann und wann, reflektierte das helle Sonnenlicht, dass es wie Sternenschein wirkte. Heller war es damals gewesen, mit weniger Wolken. Mara Naravova kam sich in diesem Moment tatsächlich alt vor. Die Alten redeten oft von Früher, wenn sie abends zusammen auf den Bänken saßen. Es hatte weniger Regen gegeben, weniger Wolken, das Leben war einfacher aber auch anstrengender gewesen und das Wasser sauberer. Inzwischen war selbst der Fluss etwas trüber geworden. Er trug schlammige, braune Schwebstoffe mit sich, sein Wasser hatte begonnen zu schäumen und hier und dort war sogar ein einzelner Fisch zu sehen.

Mara war nie gut genug in Biologie gewesen um den Zusammenhang zu erkennen. Das Wasser floss nicht mehr einfach in den porösen Fels sondern wurde von den jungen Pflanzen festgehalten und verdampfte über ihre Blätter in die Atmosphäre. Abgestorbene Pflanzenreste zerfielen, wurden zersetzt und was nicht festgehalten werden konnte, um die erste Generation echten Humus zu bilden, wurde vom Regen weg gewaschen und bildete zuerst die Schwebstoffe im Fluss, später dann an anderer Stelle den Boden. Selbst die großen Sandflächen hinter dem Hügelland konnten zu einer blühenden Heide werden.

Der See, an dem Mara Naravova stand, war seit je her ein Indikator für den Stand der Fauna gewesen. Mit dem ersten Moos kam das erste Plankton und die ersten Algen, verliehen dem blass blauen Wasser einen leichten Grünstich. Die ersten Wiesen wurden von Schilf und Seerosen begleitet und gemeinsam mit den ersten Setzlingen des Waldes wurden Mangrovensetzlinge auf die flachen Sandbänke gepflanzt. Sie ließ ihren Blick streifen. Die nächste Fähre von Belenos würde erst in etwas mehr als einer Stunde anlegen. Allein war sie trotzdem nicht. Eine knochige Hand tippte ihr ganz vorsichtig auf die Schulter, deutete auf eine Stelle im Schilf und bedeutete ihr Ruhig zu sein.

„Sehen Sie nur!“ flüsterte der alte Mann. Sein Gesicht war Wetter gegerbt und von tiefen Furchen durchzogen, die Augen tief in den Höhlen aber ausgesprochen neugierig und hell. Seine Hand zeigte auf eine vorsichtige Bewegung am Ufer. „Gänseküken! Sie sind erst gestern das erste mal ins Wasser gekommen. Die zweite Generation. Vor zwei Jahren haben wir uns das erste mal daran getraut und ihr Genom aus der Datenbank geholt. Sind sie nicht wunderschön?“

Mara Naravova war verdutzt. Sie hatte vorher noch nie bewusst Gänse oder überhaupt Wasservögel hier wahr genommen. Plötzlich fielen ihr sogar andere Vögel am Wasser auf, die sie aber nicht erkannte. Die eine Art mit dem grünen Köpfen konnten Enten sein, ein Vogel, der auf der Erde weit verbreitet sein sollte. Sie blickte zu dem Mann an ihrer Seite.

„Sie sind Biologe? Wieso haben sie jetzt erst diese Vögel gezüchtet?“

„Oh nein! Ich bin kein Biologe. Ich bin der Bootsbauer, habe früher die Fähre gefahren. Damals, als Belenos noch nur eine kleine Minenstation war. Aber ich habe den Biologen bei der Arbeit am See geholfen. Ich war der erste, der nach der Landung sein Zelt hier am See aufgeschlagen hat und hier die Pflanzen gepflegt hat. Vielleicht haben sie mich deswegen hier akzeptiert und mich bei der Auswahl der Wasservögel helfen lassen. Sehen Sie, man kann nicht einfach hin gehen und jeden Vogel in jedes Gewässer setzen. Irgendwas müssen die Tiere ja auch essen. Solange es im Wasser keine Pflanzen gibt, kann hier keine Ente überleben und ohne ausreichend viele Fische würde uns ein Reiher schnell verhungern. Erbgut aus der Datenbank zu replizieren ist teuer und zeitaufwändig. Da geht man keine unnötigen Risiken ein.“

Mara Naravova war froh, unverhofft ihr zweites Interview gefunden zu haben. Das Aufnahmegerät zeichnete emsig alles auf was sie selbst sah und hörte. Als sie den alten Mann um die Erlaubnis bat, einige Fragen zu stellen und für die Dokumentation zu verwenden wirkte er irritiert. Er hatte nie den Ansporn gehabt speziell auf zu fallen oder sich hervor zu heben. Er erledigte seine Arbeit, kümmerte sich um den See und half, wo es ihm gerade möglich war. Besondere Aufmerksamkeit hatte er dafür nie erwartet. Er wollte nur seine Welt erschaffen.

„Was kann ich Ihnen erzählen? Ich war der erste Fährmann der Kolonie. Meine Aufgabe ist es, mich um alles zu kümmern, was auf dem See vor sich geht. Für mich gehört da auch alles Leben am Wasser dazu. Meine Großeltern haben sich damals für die Kolonisierung gemeldet, weil sie einen Unterschied machen wollten. Auf der Erde fällt ein Einzelner nicht mehr ins Gewicht, haben sie immer gesagt. Dort kann man als Mensch nichts besonderes mehr bewirken haben sie mir erzählt. Darum sind sie ausgewandert. Für sie war es noch besonders schwer einen Platz auf der Beltane zu bekommen. Sie kommen nicht von Luna, einem der kleineren Monde, den Asteroiden oder den Frachtern. Ihre Familien haben auf der Erde gelebt, von dort kamen die wenigsten Kolonisten. Es ist zu energieaufwendig Menschen von dort in den Weltraum zu bringen. Wie sieht es mit Ihnen aus, junge Dame? Ihre eigene Familie stammt aus den Minen von Deimos, dem Marsmond, wenn ich mich nicht täusche.“

 

Hörsaalgetuschel – Ausgabe 147.

Grüne Daumen

„Schatz, ich habe eine Idee für nächstes Jahr.“

Kristina verbrachte den Abend, wie sie es am liebsten tat. Den Kopf in Flos Schoß gelegt, mit einem Buch in der Hand und dem Blick die meiste Zeit über auf einen Punkt irgendwo im Nirgendwo über dem Sofa auf dem sie lag gerichtet. Flo setzte die Tasse mit frischem Kräutertee ab und kehrte aus seiner Gedankenwelt zurück. Der Fernseher lief schon lange nur noch fürs Hintergrundrauschen. In seinem Kopf tanzte seine Hausarbeit gerade einen wilden Tango und organisierte sie laufend neu. Entsprechend hatte er keine Ahnung, was seine Traumfrau meinen konnte, als er zu ihr hinab blickte.

„Wir holen uns einen Garten. Was hältst du davon?“

Was sollte er davon halten? Sie hatten doch bereits die Blumentöpfe auf dem Balkon? Wie sollte das denn funktionieren?

„Und wo stellen wir den hin? Auf den Balkon? Wie stellst du dir das denn vor und wer soll den tragen?“

„Wovon redest du denn? Wir holen doch den Garten nicht auf den Balkon. Aber einen kleinen Schrebergarten oder irgendwo hier eine kleine Parzelle. Dann haben wir vielleicht ein klein wenig mehr Platz auf dem Balkon und eine Möglichkeit, etwas Leckeres anzupflanzen. Tomaten zum Beispiel oder vielleicht auch Kürbisse. Klingt das nicht gut?“

„Kürbisse … hmm, was wäre mit Kartoffeln? Oder Möhren? Tomaten haben wir doch bereits auf dem Balkon und es klappt gut.“

Er sah zum Fenster hinaus auf den Balkon, der noch im letzten Dämmerlicht lag. Tomaten drängten sich wie ein Wald an der Seite, Erdbeeren und einige Küchenkräuter besiedelten die Blumenkästen. Er hatte sich nie besonders für Pflanzen interessiert. Das zählte zu den Seiten, die Kristina an ihm heraus poliert hatte. Es würde ihn ja stören, dass sie ihn formen konnte wie feuchten Ton, wenn er nicht das Gefühl hätte, dass sie immer seine besten Seiten hervor holte. Ganz abgesehen davon bemerkte er es immer erst, wenn es bereits viel zu spät war. Inzwischen trank er sogar weniger Alkohol, auch wenn ihm das niemals als etwas Negatives aufgefallen war. Sie mussten nicht groß diskutieren, er war bereits mit dem Kürbis überzeugt gewesen. Nur anmerken lassen wollte er es sich nicht.

„Und wir könnten auch Knoblauch oder Zwiebeln ausprobieren. Das wollte ich schon immer einmal, wegen der schönen Blüten. Genau so wie Rosen. Oder Bohnen? Es gibt so vieles, was ich mal ausprobieren möchte. Deine Kartoffeln und Möhren sollen sich übrigens auch noch gut vertragen, und wenn ich mir ansehe, wie gut du dich um die Pflanzen auf dem Balkon kümmerst, muss das doch was werden.“

Kristina schwärmte noch eine ganze Weile vor sich hin und versuchte ihn zu überzeugen, dass ein kleiner Garten genau das war, was ihnen noch fehlte. Es war bedauerlich, dass hinterm Haus nur ein gepflasterter Hof war. Das, was man da am besten anpflanzen konnte, waren Moos und Löwenzahn. Und selbst wenn ein Kohl hier überleben würde, mit dem Aroma vom Teer des alten Asphalts würde er sicherlich nicht genießbar sein können. Aber wer würde sich um den Garten kümmern? Kristina war es gewesen, die auf dem Balkon angefangen hatte, Pflanzen aufzustellen. Es hatte nicht lange gedauert, bis Flo sich darum kümmern musste, weil sie nicht dazu kam. Würde das bei einem Garten denn so viel anders laufen? Und würde ihn das überhaupt stören? Immerhin musste er zugeben, dass es ihm Spaß machte. Und dann auch noch eigene Kürbisse … Der nächste Herbst würde schmackhaft werden können.

Schlossgarten Brühl

Pflanzexperiment: Milpa, Update 3.

20170828_200008

Der Herbst hat ganz klar Einzug gehalten im Beet, oder es war der Mehltau. Die Kürbisse haben sich jedenfalls ihrer Blätter weitgehend entledigt und bieten einen ganz neuen Blick auf die Pflanzen. Zugegeben, es sieht in der Tat etwas verwildert aus. Immerhin vier kleine Kürbisse kann ich zählen und es sieht so aus, als würden sie nicht wirklich größer werden. Die Sorte, Sweet Dumpling, soll zwar generell nicht sehr groß werden, diese Exemplare scheinen sich aber an meiner Faust als Größe orientieren zu wollen. Vielleicht sagt ihnen die Erde nur einfach nicht sehr zu. Mir ist bewusst, dass Kürbisse einen eher fruchtbaren Boden lieben und Exemplare auf kleinen Komposthaufen in anderen Beeten haben sich auch deutlich ergiebiger gezeigt. Einen Vorteil habe ich mit den sehr kleinen Kürbissen dann doch: Es ist wahrscheinlicher, dass sie auch im Beet bleiben und keine Beine bekommen. Geschmackstest folgt.
Die ersten Bohnen hängen in schrumpligen gelben Schoten herab, die Blätter verfärben sich von Grün zu Goldgelb. Von den Schoten hängt nur noch etwa die Hälfte. Ich habe mich an mein Ziel vom Anfang erinnert, wenigstens eine Ladung Saatgut fürs nächste Jahr zu ernten, und durchgezählt. Es war durchaus sicher, die Hälfte der Bohnen im grünen Zustand zu ernten und zu kochen. Immerhin waren sie fingerdick und sehr schmackhaft mit Kartoffeln. Das geerntete Saatgut reicht übrigens nicht nur für eine, sondern gleich für drei Beete dieses Formats. Der Fortbestand ist also gesichert und vielleicht gehen nächstes Jahr auch ein paar mehr Pflänzchen auf. Dieses Jahr waren es nur etwa 5 von 16.
Überall zwischen den Maisstängeln leuchten die kleinen gelben Punkten von den Tomaten, die sich überall breitgemacht haben. Hier und da sind es auch mal Rote, die auch etwas dicker sind, aber maximal das Format von Cherrytomaten. Die Gelben kommen zwar nur auf etwa zwei Zentimeter Durchmesser, sind aber trotzdem sehr lecker und auf jeden Fall reichlich, dafür, dass sie nicht einmal den Raum für sich selbst haben. Ein gutes Kilo habe ich sicherlich bereits ernten können und es ist immer noch etwas da.
Der Mais, optisches Highlight, weithin sichtbar und selbst in unserem bunten Garten ein kleiner Exot. Leider ist auch er nicht super ertragreich. Etwa einen Kolben pro Pflanze könnte ich ernten. Könnte, wenn da nicht die Sache mit den Zweibeinern wäre. Denn offenbar schmeckt der Futtermais auf den Feldern rund herum nicht gut genug, also stehe ich plötzlich vor meinem Beet und stelle fest, dass von den Maiskolben nicht mehr viele übrig sind. Einen hatte ich bereits vorher geerntet und probiert. Da waren die Körner noch so weich, dass ich sie einfach so frisch abnagen konnte und sie waren wirklich lecker. Grund genug also, die Restlichen so lange hängen zu lassen, bis sie reif sind und ich die Samen sammeln kann. Schade, dass meine Artgenossen mir das nicht gönnen wollen.
Das war voraussichtlich der letzte Zwischenbericht zu meinem kleinen Milpaprojekt. Aber keine Panik, ich möchte gerne noch ein paar Worte zum Abschluss schreiben, ein Fazit, wenn es dann so weit ist, dass ich alles abgeerntet habe und das Beet aufgeräumt ist. Aber eines kann ich glaube ich jetzt schon sagen. Nächstes Jahr soll es einen weiteren Versuch geben.

20170828_200032