Beltane – Teil 8.

Beltane Titelbild

Mara hatte einen Termin am Theater. Vitali Korovof hatte nicht nur den Posten des Kolonievorstands inne, sondern war gleichzeitig der Chefintendant des kolonialen Theaters. Seine Wohnung war im Dachgeschoss des Theatergebäudes untergebracht und hatte eine grandiose Aussicht auf den zentralen Turm. Heute aber wartete die Orchesterprobe.

Das Orchester selbst war zu klein, um die volle Besetzung eines klassischen Symphonieorchesters bieten zu können. Man hatte sich damit ausgeholfen, die fehlenden Musikanten durch Roboter zu ersetzen. Ihre Aufgabe war es seltener, ein Instrument zu spielen sondern schön auszusehen. Der Ton war meistens im Vorhinein eingespielt worden. Auf dem Spielplan stand zur Zeit Händels Feuerwerksmusik. Die Aufführung sollte auf dem Sommerfest stattfinden, der Gründungs- und Patronsfeier der Kolonie.

„Natürlich legen wir großen Wert auf eine gute Aufführung mit vollständiger Besetzung. Wir wollen immerhin das Kulturzentrum der frischen Allianz werden. Bescheidenheit bringt uns nicht weiter und Beltane braucht ein scharfes Profil, wenn wir uns behaupten wollen.“

Korovof war leicht untersetzt und sein Frack war geschneidert worden, als er noch mindestens zwanzig Kilo leichter war. Seine stolze Haltung beanspruchte die Knopfleiste zusätzlich und ließ das Hemd fast platzen. Mara erwartete jeden Augenblick, dass ihr die Einzelteile um die Ohren schossen. Die Felle der Pauken konnten nicht straffer gespannt sein.

„Für dieses kulturelle Profil bedarf es natürlich eines guten Orchesters, Bewusstsein für die Herkunft und die Welt, auf der wir leben, selbstverständlich auch eine eigene Kunst und Architektur. Zurzeit ist die Erscheinung der Kolonie leider noch sehr industriell und provisorisch. Daran werden wir arbeiten, sobald die Kapazitäten zur Verfügung stehen. Wir haben weder das Personal, noch das Gerät oder das Baumaterial.“

Er war sich seiner Sache sehr sicher. So sicher sogar, dass er aus dem Interview einen Monolog machte. Kurz, aber trotzdem eintönig und langweilig, wie Mara fand. Wie war so etwas nur möglich?

„Um uns ein solches Profil leisten zu können, bedarf es natürlich der Grundlage. Die Komplexe drüben, in Belenos, werden stetig ausgebaut und versorgen uns mit Waren in einer Qualität, um die uns die Allianz mit Recht beneidet.“ Vielleicht war er sich etwas zu bewusst, dass die Kamera lief, denn er übertrieb maßlos. „Wie dem auch sei, bald werden sie ihre Kapazität so weit ausgebaut haben, dass wir es uns leisten können, im großen Stil zu exportieren. Das wird ein großer Schritt für uns sein, der nicht zu unterschätzende Folgen mit sich bringt.

In der Verwaltung arbeiten wir aktuell an Plänen, die Kolonie touristisch attraktiv zu gestalten, sollte der interplanetare Personenverkehr sich weiter ausweiten. Ich will ehrlich sein, zurzeit sieht es ganz so aus, als würden wir bald Raumschiffe mit Kabinen voller Touristen hier draußen begrüßen dürfen. Die Menschheit strebt weiter hinaus, weitere Kolonien werden entstehen und weitere Kontakte mit fremden Wesen werden sich höchst positiv auf unsere Kreativität auswirken. Wir können nur gewinnen.“

Inzwischen fand Mara die Aussicht das Beste an diesem Gespräch. Sie hatte Korovof nie besonders gut leiden können aber aktuell wurde es lächerlich. Tourismus, hier am Rand der Allianz. Wenn sie Glück hatten, dann würden sich weitere Frachter hier her verirren. Sie war sich sicher, dass von seiner Überzeugung und Begeisterung nichts echt war. Er war durch und durch Politiker und daher gewohnt, große Reden zu halten, von denen nichts ernst gemeint war. Und auch er konnte nicht ignorieren, dass die Beltane das letzte Kolonieschiff gewesen war.

„Wenn es soweit ist, werden wir natürlich auch ein größeres Konzerthaus bauen und eine durchgehend vollständige Besetzung haben. Aktuell leiden wir leider noch unter der Situation, dass viele unserer Musiker das Orchester nur als Nebenbeschäftigung sehen.“

Natürlich sahen sie es nur als Nebenbeschäftigung, was auch sonst? Niemand in der Kolonie erfüllte nur eine Aufgabe. In erster Linie mussten die Grundfunktionen gesichert werden und die Infrastruktur aufgebaut werden. Das Orchester war Zerstreuung und Freizeitbeschäftigung. Es machte das Leben zwar schöner, aber füllte kein Lagerhaus, keinen Magen und ließ keine Transporter fahren. Die Kolonie war erst dreißig Jahre alt. So groß dieser Zeitraum auch war, die Aufgaben, die eine Kolonisierung von Null an mit sich brachten, waren größer.

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