Beltane – Teil 9.

Beltane Titelbild

Mit müden Armen und der immer schwerer werdenden Kamera schlenderte Mara durch die Straßen. Inzwischen musste sie jeden sehenswerten Punkt aus allen Perspektiven mindestens drei Mal aufgenommen haben. Mit jedem neuen Bild nahm sie ihre Heimat selbst mit anderen Augen wahr. Zu jeder Türe, jedem Fenster schossen ihr unzählige mögliche Geschichten und Hintergründe durch den Kopf. Plötzlich wirkten die meist so ruhigen Straßen viel lebendiger.

Sie hatte die letzten Tage damit verbracht, die zahllosen Interviews, die sie geführt hatte, zu sichten, zu sortieren und zu katalogisieren. Ihr Kopf summte wie ein Bienenstock und ihre Arme wurden so müde wie ihre Beine, die sie ungewohnt viel durch die Gegend tragen mussten. An einem völlig beliebig gewählten Punkt beschloss sie dann, genug Material für den arroganten Reporter beisammenzuhaben. Die Liste mit seinen Fragen war so weit abgearbeitet, bis auf wenige Ausnahmen, die sie bewusst ausgelassen hatte. Dafür hatte sie etliche Eigene mit eingearbeitet.

In wenigen Stunden würde die Übertragung durch das Portal einen Schwall von vielen Stunden Filmmaterial zur Erde bringen und dort unter anderem im Postfach von Felix Urban landen. Sie hatte dafür gesorgt, dass er nicht den exklusiven Zugriff darauf bekommen würde, auch wenn sein Bericht der Erste sein würde. Mara Naravova hingegen würde den Abend im Archiv verbringen. Sie hatte beschlossen, ihren eigenen Bericht über die Chronik von Beltane zu erstellen. Es galt der jüngsten Welt der Menschheit eine Geschichte zu geben, eine offizielle Chronik.

Die jungen Bäume standen in saftigem Grün und trugen bunte Blüten. Geschäftiges Treiben bestimmte das Bild von Mensch und Tier, der Sommeranfang stand ins Haus. Der Erdkalender hatte sich für die Kolonien als ungeeignet herausgestellt und so hatte jede Welt ihren eigenen Kalender erstellt. Man ging im Allgemeinen davon aus, dass, selbst wenn es einen allgemeinen Kalender für die gesamte Allianz geben würde, die lokalen trotzdem weiter beibehalten werden würden.

Für die jüngste Kolonie war der Sommeranfang ein besonderes Ereignis. Beltane wurde jedes Jahr mit einem großen Fest gefeiert, der Sommeranfang als vorzeitlicher Patron der frisch keimenden Welt. Vor der Kulisse des alten Kolonieschiffs, der strahlend weißen Nadel in der Mitte der Hauptstadt, waren eine Bühne und lange Tischreihen mit Bänken aufgebaut worden. Es würde ein großes Festessen geben, für das bereits Wochen im Voraus gekocht und gebacken wurde. Viel Musik, Tanz und einige große Reden der wichtigen Leute mit viel Selbstbeweihräucherung standen auf dem Plan.

Mara hatte sich schon immer in die Planung der jährlichen Feier eingebracht aber dieses Jahr hatte sie eine kleine Überraschung geplant. Kurz vorher würde Felix Urban ihr die fertige Dokumentation schicken, wie er sie zusammengestellt hatte und wie sie im Nachrichtennetz der Erde und der jungen Allianz ausgestrahlt werden würde. Sie wäre zuversichtlicher gewesen, wenn sie ihm vertraut hätte, aber das konnte sie nicht. Der Eindruck, den seine erste Anfrage erweckt hatte, saß tief und bitter. Es wirkte zu sehr danach, dass er Gründe suchte, eine primitive Bauernkolonie schlecht zu machen, statt über eine sich entwickelnde, junge Welt zu berichten.

Ein Ausweichplan wäre nicht verkehrt, auch wenn sie der Überzeugung war, die Leute sollten sehen, was der Rest der Menschheit über sie alle erfahren würde. Mara hatte ihre Freizeit der letzten Wochen im Archiv verbracht, wo Tausende Bilder, Videos und Dokumente aus allen Phasen der Besiedlung gespeichert waren. Sie war mit ihrer Zusammenstellung fertig geworden und das Ergebnis gefiel ihr. Sie war deswegen um so nervöser, wie ihre Mitbürger es aufnehmen würden, wenn sie es sahen.

So war dann das Festgelände fertig aufgebaut, geschmückt und die Straßen voller Leben. Die Siedler begingen ihren höchsten Feiertag unter einem strahlend blauen Himmel und bei angenehm warmen Temperaturen. Überall duftete es nach den Köstlichkeiten, die das Buffet zieren sollten. Das Orchester probte unter freiem Himmel seinen Auftritt und Mara sah sich den Bericht an, der zeitgleich mit ihrer Gründungsfeier auf der Erde ausgestrahlt werden sollte. Er war mit der letzten Öffnung des Portals gekommen, gemeinsam mit einem flüchtigen Dankesschreiben, in dem Felix Urban ihr für das Zusenden des Rohmaterials dankte. Das war alles gewesen.

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