Archiv für den Monat November 2017

Hinterm Horizont – Teil 5.

Wenn ich nun durch die Gänge ging, meinte ich zunächst, eine Veränderung bei den Leuten zu bemerken. Es dauerte etwas bis ich begriff, dass die Änderung bei mir stattgefunden hatte. Das teilnahmslose Herumstreifen, die leeren ausdruckslosen Augen, das lethargische Ausharren vor den Bullaugen. All das hatte ich bis vor kurzem genauso beherrscht. Die Filmvorführungen, das Essen, die Sporteinheiten. All das hatte auch bei mir kaum einen Effekt gegen die Depression und Antriebslosigkeit bezwecken können und bei den Anderen sah es nicht viel anders aus. Wie Mastvieh hingen sie herum, wartend auf ihr Ende.

Doch inzwischen hatte ich eine Aufgabe, wenn auch keine bedeutsame. Ich war bei leichten Beschädigungen die zweite Anlaufstelle für die Roboter geworden, wenn die automatische Reparatureinheit belegt war. Und ich begann zu begreifen, wie das Schiff funktionierte. Unter den mehr als tausend Kolonisten fand sich kaum mehr als ein Dutzend, welche, wie ich selbst, einer geregelten Tätigkeit nachgingen. Sie waren leicht zu erkennen, wenn man nur einmal hinsah. Ihr Gang war zielgerichtet, die Augen wacher und meistens waren sie sogar gewaschen und frisiert. Außerdem hatten wir inzwischen, einem ungeschriebenen Gesetz folgend, unseren eigenen Tisch in der Kantine. Es war der einzige Tisch, an dem sich tatsächlich unterhalten und ausgetauscht wurde. Immerhin waren wir auch die einzige Gruppierung, bei der tatsächlich etwas von Bedeutung passierte, bei der generell etwas passierte.

Eine Erkenntnis dieser Gespräche war, dass das Schiff inzwischen komplett von Robotern betrieben und kontrolliert wurde. Wir waren Angestellte der Maschinen und aus irgend einem Grund entsetzte oder überraschte uns diese Information nicht im Geringsten. Von den Menschen war niemand übrig, der wirklich Befehlsgewalt gehabt hätte und wenn doch, über wen hätte er verfügen sollen? Und über was? Im Grunde genommen war das Schiff ein sich selbst erhaltender mechanischer Organismus, genau daraufhin war es konstruiert und gebaut worden. Selbst die Planer des Schiffs, die obskuren „privaten Initiatoren“, mussten schon Androidennetzwerke gewesen sein. Wir Menschen waren nur an Bord, um den Bedingungen der Regierung gerecht zu werden. Für die Mission und die Kolonie waren wir obsolet, wenn nicht sogar direkt unerwünscht.

Es sei denn, wir suchten uns eine Aufgabe und machten uns nützlich. Vielleicht war das der einzige Grund, wieso wir nicht geschlossen aus der Luftschleuse geworfen worden waren, als die ersten Fälle von Depression und ausfallenden Verhaltens bemerkt worden waren. Aber das konnte eigentlich nicht sein. Möglicherweise waren die Maschinen einfach sehr viel toleranter als wir Menschen, oder aber sie sorgten sich um ihre Artgenossen auf der Erde, und was mit ihnen geschehe würde, wenn die ersten Kolonisationsbemühungen einer gemischten Besatzung plötzlich in einem Bürgerkrieg gescheitert wären. Das Echo könnte verheerend sein.

Dass uns Arbeitern auch von den Maschinen eine Sonderbehandlung zugeteilt wurde, fiel mir erst auf, als ich wegen einer Verletzung ins Hospital ging. Ich hatte die Spannung auf einer Feder unterschätzt und ihr loses Ende hatte mir tief in den Arm geschnitten, als ich ein gebrochenes Skelettteil austauschen wollte. Vor mir wurde eine untersetzte Frau behandelt, die sich bei einer Prügelei den Handrücken aufgeschnitten hatte. Der Pflegebot behandelte sie karg, indem er ihr eine Liege zuwies, sie sedierte und die Wunde abband. Mit dieser Art der Behandlung würde ich auf meinem Posten für mehrere Tage ausfallen. Das war keine Option für mich. Zu meiner Überraschung kam die Maschine meinem Einwand zuvor.

„Keine Sorge, heute sollten Sie ihre Schicht noch aussetzen aber morgen sind Sie wieder einsatzfähig. Der Einschnitt hat Muskelfasern beeinträchtigt. Ich werde dagegen ein Heilgel auftragen und einen Stimulator ansetzen. Der Prozess wird etwa eine Stunde dauern, danach steht es Ihnen frei, zu gehen. Bitte kommen Sie nur morgen vor Antritt ihrer Schicht zur Kontrolle noch einmal vorbei, um sicherzugehen, dass es zu keinen Komplikationen gekommen ist. Bestehen Sie auf einer kompletten Betäubung für den Eingriff?“

Das tat ich ganz sicher nicht. Ich wollte wissen, was passierte und wie es passierte. Dafür benötigte ich mein Gehirn unvernebelt. Mir kam die komplette Situation recht merkwürdig und absurd vor. Das Handbuch schrieb vor, dass die Roboter den Menschen dienbar zur Hand gehen sollten. Die Programmierung sah dabei höfliche Zurückhaltung vor. Halt so, wie mit mir umgegangen wurde. Aber andererseits scheuten die Maschinen inzwischen nicht mehr, mit roher Gewalt gegen die gelangweilte und psychotische Besatzung vorzugehen. Sie bemühten sich überhaupt nicht mehr um eine Behebung des Problems oder Behandlung der Störungen. Und das war ein ziemlicher Widerspruch zur Programmierung. Ein Verstoß gegen das Protokoll, an dem sich niemand zu stören schien. Es schien sogar notwendig zu sein, um das Getriebe in Bewegung zu halten.

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Shoppingwahn

Eigentlich hatte ich für heute einen etwas anderen Beitrag geplant, aber stattdessen wird es wohl mal seit längerem wieder eine Meinung… weil es davon im Internet noch nicht genug gibt. Wie immer und wie gewohnt, unreflektiert und voller Halbwissen, weil anders wäre es ja nicht authentisch.

Zur Zeit quillt mein Spamfach gnadenlos über. Alles ist voll mit Werbung. „Jetzt rechtzeitig an Weihnachten denken und unseren Black Friday Sale mitnehmen!“ Black Friday hier, Sale da, und dann noch Cyber Monday, am besten die ganze Woche. Alle sind sich einig: Kauf unseren Scheiß! Am besten gestern, am besten alles, am besten zu viel!

Und ich sitze hier, guck mich in meinem Zimmer um, und wunder mich. Ich bin kein Minimalist, der beinahe nichts besitzt. Ich bin auch nicht so arm, dass ich mir nicht leisten könnte, was ich haben möchte. Aber ich frage mich dennoch, wohin mit dem ganzen Zeug?! Und brauche ich das überhaupt? Wenn ich es hätte, was würde ich damit anstellen?

Das sind so Fragen, bei denen ich den Eindruck habe, viele Leute stellen sie sich überhaupt nicht. Da wird alles mögliche an Zeug gekauft, einfach nur um es zu haben. Wer weiß, wofür man es mal gebrauchen kann? Und es ist doch so praktisch! Nur am Ende liegt es nach zwei mal benutzen unbeachtet im Regal oder, weil da ist doch sowieso immer genug Platz und stört nicht das Bild, im Keller.

Wem nützt das?! Will man das als Konjunkturprogramm rechtfertigen? Wenn ja, was macht denn dann die Wirtschaft, wenn einmal alle Keller und Dachböden mit Gerümpel voll sind? Wird dann einfach alles weggeschmissen?

Wer dies für eine gute Idee hält, dem empfehle ich einmal einen Besuch in der nächsten Müllverbrennungsanlage. Wirf einmal einen Blick in den Müllbunker, beobachte den Kran, der mal eben eine Tonnenschwere Last greift und in den Trichter stopft. Und dann rufe Dir ins Bewusstsein, dass diese Rohstoffe dann nicht mehr im Kreislauf zur Verfügung stehen. Dieses Material ist dann verloren und kann (zum größten Teil) nicht mehr wiederverwendet werden. Und es geht ja nicht nur um das Material, was da vor Dir auf dem Tisch liegt, sondern auch noch um das, was man benötigt, um es anzufertigen.

Wir haben nicht unbegrenzt Ressourcen und Rohstoffe zur Verfügung. Irgendwann ist Ende. Und dann?

Hinterm Horizont – Teil 4.

Es gab kaum Arbeit, von der man sich hätte erholen müssen. Stattdessen saßen wir stundenlang vor den Fenstern und starrten in die Leere, die Glieder bis zur völligen Bewegungsunfähigkeit verkrampft vor Panik, angesichts der Leere rundherum. Wir hätten andere Orte aufsuchen können, aber dann hätten wir nicht den Stern finden können, der langsam größer wurde. Uns war bewusst, dass es noch Monate dauern würde, und doch suchten wir verzweifelt einen kleinen Punkt, der einmal unsere Heimat werden sollte. Ein rettendes Stück Treibgut, auf dem endlich wieder oben oben war und unten unten. Eine Insel, die von diesem hauchfeinem Schleier umgeben war, wie jenem, der auf der Erde alles Leben ermöglichte. Die Telemetrie hatte uns versprochen, dass es eine Atmosphäre dort geben müsse. Nur der Stern dazu blieb für uns unsichtbar, der Planet sowieso.

Und mit jedem weiteren Tag wurde die Stimmung angespannter und gereizter. Viele der Reisenden waren schlecht gelaunt und aggressiv. Die anhaltende Unsicherheit machte ihnen zu schaffen. Die Küche versuchte, dem mit besonders feinen und reichlichen Portionen entgegen zu wirken. In der Konsequenz mussten die Sporteinheiten aufgestockt werden. Ich war schon auf der Erde nie ein großer Freund von körperlicher Ertüchtigung gewesen. Den Teil, der notwendig war, um zum Kolonieprogramm zugelassen zu werden, brachte ich zwar hinter mich, aber mehr als nur sehr ungern. Auf die zusätzlichen Sporteinheiten reagierte ich entsprechend damit, dass ich nicht mehr aß. Ein solches Verhalten jedoch lässt der Körper nicht zu. Er sträubt sich und reagiert mit wahnwitzigen Vorstellungen und Bedürfnissen.

Die kommenden Tage konnte ich dabei beobachtet werden, wie ich den Rundkurs in der Sportanlage entlang sprintete wie ein besessener. Ich habe keine Erinnerung mehr daran, wieso ich auf diese Idee gekommen bin, aber plötzlich erschien mir sogar der Wunsch nach Arbeit logisch. Während meiner Überwachungsschicht fiel ein Roboter mit einem Defekt aus. Durch eine Fehlfunktion war ihm ein Frachtcontainer entglitten und hatte seinen Arm halb abgerissen. Andere Maschinen hatten seine Aufgaben mit übernommen und ich hatte, weil die automatische Reparatureinheit ausgelastet war und mir langweilig war, den Roboter untersucht.

Stück für Stück begann ich zu verstehen, wie die Maschine aufgebaut war und funktionierte. Es war ein einfacher aber robuster und zuverlässiger Entwurf. Was meine eigenen Sinne nicht erfassen konnten, das zeigten mir dann die Baupläne. Zu meinem Entsetzen war es eine befriedigende und einnehmende Beschäftigung. Sie lies die Zeit schneller verstreichen und kleine Erfolgserlebnisse, wenn man einen Vorgang verstand, lösten einen euphorischen Schub aus. Wie konnte das sein? Der Bordarzt konnte mir keine zufriedenstellende Antwort darauf geben aber fand, wenn es mir gefiel, könnte es keinen Schaden anrichten. Ich sollte nur darauf achten, nichts zu beschädigen.

So lernte ich während der nächsten Schichten in den folgenden Tagen und Wochen immer mehr über den Aufbau der Androiden an Bord. Ich fand die Fehler bei defekten Einheiten und konnte sie reparieren, falls die Reparatureinheit ausgelastet war. Anfangs stieß mein Interesse bei den Androiden noch auf großes Misstrauen. Interesse eines Menschen an ihrer Physiologie, ein solcher Fetisch war ihnen nicht geheuer. Sie mussten im Laufe der Zeit eine Art Selbsterhaltungstrieb entwickelt haben und der Mensch zählte darin nicht als Verbündeter. Seit kurzer Zeit griffen sie auch nicht mehr in die vermehrt zwischen den Kolonisten auftretenden Schlägereien ein. Das war eine der Hauptursachen dafür gewesen, dass die Maschinen die automatische Reparatureinheit aufgesucht hatten. Stattdessen ließen sie sie einfach gewähren und die Pflegebots waren nicht zurückhaltend, Verletzte am Ende einzusammeln und einfach zu sedieren.

Wenn ich nun durch die Gänge ging, meinte ich zunächst, eine Veränderung bei den Leuten zu bemerken. Es dauerte etwas bis ich begriff, dass die Änderung bei mir stattgefunden hatte. Das teilnahmslose Herumstreifen, die leeren ausdruckslosen Augen, das lethargische Ausharren vor den Bullaugen. All das hatte ich bis vor kurzem genauso beherrscht. Die Filmvorführungen, das Essen, die Sporteinheiten. All das hatte auch bei mir kaum einen Effekt gegen die Depression und Antriebslosigkeit bezwecken können und bei den Anderen sah es nicht viel anders aus. Wie Mastvieh hingen sie herum, wartend auf ihr Ende.

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Hörsaalgetuschel – Ausgabe 155.

Klimaschutz

Es war kaum auszuhalten gewesen, wie stolz die Uni im Sommer noch auf ihren Klimaschutzplan war. Jeder Busch, der auf dem Campus gepflanzt wurde, bekam von der Pressestelle seinen eigenen Zeitungsartikel, jeder gepflanzte Baum war eine Sensation und das zur Hälfte begrünte Dach des neuen Hörsaalgebäudes sowieso ein Star. Für ein gutes Lernklima auch morgen noch hallte das Motto von Bannern an Hauptgebäude und Bibliothek und es war Flo ein Rätsel gewesen, von welchem guten Lernklima man in den Waschbetonbunkern denn sprechen wollte.

Aber jetzt war der Herbst hereingebrochen und die Notwendigkeit von Klimaschutzzielen war nur noch schwer zu vermitteln. Ein eiskalter Wind zauberte weiße Ränder an die Blätter und ließ sie im ersten, viel zu spät erscheinenden Morgenlicht glitzern. Spätestens in einer halben Stunde würde der Nebel verschwunden sein, die Bäume ihre Aura verloren haben und der Raureif getaut sein. Dann würde der goldene Herbst seinen magischen Schein schon wieder verloren haben und das Leben unerbittlich weiterhin seinen Gang gehen.

Von morgendlicher Idylle konnte hier ohnehin kaum die Rede sein. Lärmende Autos, klappernde LKW und Busse, übermüdete Studierende und Dozenten, die sich in die Unigebäude schleiften während ihnen Arbeiter mit schlenderndem Gang aber stumpfen und toten Augen entgegen kamen. Baumaschinen dröhnten zwischen den Fassaden umher, irgendwo ratterte ein Presslufthammer, eine Kettensäge hielt dagegen. Und vor dem Fenster konnte man die Stadt bei ihrem ganz eigenen Klimaschutzprogramm beobachten.

Mit geübten Bewegungen tanzten Kettensägen um die Straßenbegrünung herum, eine kleine Kettenraupe vergrub ihren Schild im Erdreich. Astabschnitte endeten direkt vor Ort noch im Häcksler und landeten als Mulch in den Löchern, die noch vor Minuten ihr eigener Standort gewesen waren. Der regelmäßig gemähte Grünstreifen mit den so sorgsam gepflanzten und gepflegten Bäumen bekam gleich ein völlig neues Aussehen. Die Begrenzung der Straße, optisch, akustisch wie emotional, sie war Geschichte. Jetzt existierte nur noch das freie Feld, das Band aus flickenhaftem Asphalt und bröseligen Randsteinen. Die hellen Mulchhügel auf den Grünstreifen links und rechts davon zeigten noch die Standorte der Bäume, doch sie würden im nächsten Sommer keinen Schatten mehr spenden können, keinen Wind mehr fangen können und auch keine Früchte mehr tragen können.

Es war absurd. Flo hatte nie wirklich über diese Bäume nachgedacht, und trotzdem störte ihn die neue Ansicht. Für die Autofahrer mochte es übersichtlicher sein und aufgeräumter aussehen, aber es erschien ihm einfach falsch. Schon allein deswegen, weil die Stadt die Bebauung in diesem Stadtteil im Laufe der nächsten Jahre verdichten wollte, und dann würde es jeden einzelnen Baum dringend brauchen, um den Sommer hier erträglicher zu machen. Die Sonne würde gnadenlos alles verbrennen, was sich nicht im Schatten verstecken konnte, und die Bäume waren die besten Sonnenschirme gewesen. Vielleicht war das der neue Generationenkonflikt. Es ging nicht mehr um Traditionen und haltlose Respektsforderungen, sondern um das Umweltbewusstsein beziehungsweise das fehlende Verständnis dafür. Was sollte nur aus dieser Welt einmal werden? Vielleicht war es aber auch nur ein Bestandteil eines geheimen Masterplans zur ökologischen Aufwertung des Stadtteils.

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Hinterm Horizont – Teil 3.

Wir hatten das Äquivalent des Punktes überschritten, an dem sich damals die primitiven Seefahrer befunden haben. Der Punkt, wo die letzte Insel und Mastspitze in den Wellen versunken waren und es nur noch eine winzige Nussschale und die unbarmherzige See gab. In den Geschichtsbüchern stand, die Seefahrer hätten sich anhand der Sterne orientiert, mit ihrer Hilfe navigiert und ihren Weg gefunden. Mit jedem weiteren Reisetag sahen die Sterne anders aus und verschwammen für mich zu einem beinahe belanglosen Einerlei. Völlig unbrauchbar zur Navigation.

Andere Reisende hatten ein besseres Gespür dafür. Sie konnten Muster erkennen, einzelne Sternbilder, die sich wandelten, und größere Strukturen. Nebel und Galaxien, selbst das Band unserer eigenen Milchstraße. Dieses war sogar für mich deutlich genug, doch es war genauso unnahbar und entfernt, wie alles andere außerhalb des Schiffs. Es veränderte sich nicht. Nicht so jedenfalls, dass ich einen Unterschied hätte ausmachen können. Ebensogut hätte jemand die Sterne als Tapete auf die Fenster kleben und dahinter die große, unendliche Leere übrig lassen können.

Die wenige Millimeter dicke Bordwand war alles, was uns von der großen Leere trennte. Die einzige Materie für viele Tausende und Hunderttausende Kilometer. Ich verbrachte viel Zeit vor den Bullaugen. Irgendeiner dieser winzigen, hellen Punkte, irgendwo hinter dem Antrieb des Schiffs, war der Ursprung. Einer dieser unzählbaren Punkte war unsere Heimat gewesen und alles, was je ein Mensch kennengelernt haben konnte. Alles, was wir kannten umfasste nicht mehr, als einen Punkt, kaum größer als ein Nadelstich in einer Folie. Ein Staubkorn auf einem Spiegel. Und wir hatten noch nicht einmal unser komplettes Sonnensystem erfasst. Wozu auch? Es war unwirtlich, die Mühe nicht wert.

Was veranlasste uns dazu, alle uns bekannten Ufer hinter uns zu lassen und in die lebensfeindlichste Umgebung, die es für uns geben konnte, vorzudringen? Fernab von jeder Hilfe oder rettendem Hafen war nie jemand auch nur auf den Gedanken gekommen, dass wir scheitern konnten. Aber auch wenn wir uns auf dem größten Schiff befanden, was je von Menschenhand gebaut wurde, für den unendlichen Kosmos war es kaum der Rede wert. Es verschwand in der Bedeutungslosigkeit.

Jetzt waren wir die Seeleute, die hinter dem Horizont verschwunden waren, ohne zu ahnen, was auf der anderen Seite auf sie warten würde. Wir waren diejenigen, welche apathisch auf die endlosen Wellen hinaus starrten und uns unserer eigenen Bedeutungslosigkeit bewusst wurden. Uns blieb nichts weiter, als davon zu träumen, was wir hinter uns zurückgelassen hatte und was vor uns eventuell noch warten mochte. Nichts und niemand hatte uns auf diese Situation vorbereiten können. Es war schlicht von niemandem berücksichtigt worden. Und dabei war es bekannt, dass so etwas passieren konnte. Doch das erfuhren wir erst im Nachhinein. Den größten Schaden aber erlitt wohl unser Selbstbewusstsein. Mit brutaler Gewallt bekamen wir zu spüren, dass wir, all der Jahrhunderte von technischem Fortschritt und Entwicklung zum Trotz, immer noch nur die primitiven, lethargischen Seefahrer waren.

Die Kommunikation mit dem Sonnensystem wurde immer schwerer. Nachrichten benötigten bereits eine Woche und immense Energiemengen, als die Situation zu einem Problem wurde, und sie ließen immer länger auf sich warten. Und in der Zentrale auf der Erde ließ man sich Zeit mit den Antworten. Man wolle sichergehen, dass man uns keine Fehlinformation mitteilte, behaupteten sie. Sie wollten uns nicht mit halb garen Übergangslösungen aufhalten, sondern direkt die bestmögliche Methode liefern, behaupteten sie. Uns wäre es egal gewesen, solange es die Situation nur irgendwie verbessert hätte. Inzwischen machte sich das Phänomen wirklich bemerkbar. Es verging kaum noch ein Tag, an dem nicht irgendwer ausfiel, weil er seinen Tag damit verbrachte, aus dem Fenster in die Leere zu starren. Vermutlich hätten wir die betreffenden Personen zur Arbeit gezwungen, wenn nicht sowieso all unsere Aufgaben eine Beschäftigungstherapie darstellten. Die einzigen wirklich wichtigen Aufgaben waren die Überwachung der Roboter und der Schiffssysteme. Ein Ausfall fiel oft genug nicht einmal jemandem auf. Wie ein schlechter Witz erschien uns daher dann auch der Lösungsvorschlag aus dem Sonnensystem: Veranstalten sie eine oder zwei Filmvorführungen pro Woche, um sich von der Arbeit zu erholen. Das konnte doch nur ein schlechter Scherz sein, Zynismus.

Es gab kaum Arbeit, von der man sich hätte erholen müssen. Stattdessen saßen wir stundenlang vor den Fenstern und starrten in die Leere, die Glieder bis zur völligen Bewegungsunfähigkeit verkrampft vor Panik, angesichts der Leere rundherum. Wir hätten andere Orte aufsuchen können, aber dann hätten wir nicht den Stern finden können, der langsam größer wurde. Uns war bewusst, dass es noch Monate dauern würde, und doch suchten wir verzweifelt einen kleinen Punkt, der einmal unsere Heimat werden sollte. Ein rettendes Stück Treibgut, auf dem endlich wieder oben oben war und unten unten. Eine Insel, die von diesem hauchfeinem Schleier umgeben war, wie jenem, der auf der Erde alles Leben ermöglichte. Die Telemetrie hatte uns versprochen, dass es eine Atmosphäre dort geben müsse. Nur der Stern dazu blieb für uns unsichtbar, der Planet sowieso.

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Hörsaalgetuschel – Ausgabe 154.

Schönheitsideale

In all den Jahren, die Erik inzwischen an der Uni war, hatte er fast immer Gesellschaft beim Essen gehabt. Zunächst, weil er anfangs fast nie in der Mensa gewesen war und danach, weil er immer Gesellschaft gehabt hatte. Sei es durch Mia, Flo, Tina oder wen anders. Wenn es einen Ort gab, wo sich der ganze Studiengang, wenn nicht die ganze Uni traf, dann war es die Mensa. Und doch schlurfte Erik heute, wie schon die letzten Male, hungrig aber lustlos und vor allem alleine in Richtung der Fütterungseinrichtung. Mit müden Augen suchte er die Menge nach bekannten Gesichtern ab, fand aber nur solche, die hektisch in kleinen Grüppchen unterwegs waren oder nicht minder hektisch allein, aber in Richtung kleiner Grüppchen ihrer Freunde.
In der vagen Hoffnung, doch noch irgendwo Anschluss zu finden, bemühte er sich um eine Haltung, die nicht ganz so deutlich zeigte, wie erschöpft er sich eigentlich fühlte. Mit einer vollständig gespielten Offenheit versuchte er zwei Mädels zuzulächeln, die ihm gerade entgegen kamen. Es wäre gelogen zu behaupten, sie wären ihm schon von Weitem aufgefallen. Dafür war er aktuell viel zu kurzsichtig. Aber jetzt, wo sie schon näher herangekommen waren, fand er, die Wahl wäre definitiv auf die Richtigen gefallen. Leider sahen die beiden das etwas anders und blieben völlig in ihr Gespräch vertieft.
„…die dann erwarten, dass man immer perfekt hergerichtet ist und geschminkt und alles, aber sich selbst nicht vernünftig rasieren können.“
„Ja, das ist wirklich schrecklich. Vor allem scheuert das dann so. Ich mein, mal nicht geschminkt ist nicht so ein Drama. Dann macht man halt das Licht aus und schon passt es wieder. Aber nicht rasiert? Du würdest dich wundern, wie dünn deine Haut auf einmal ist.“
„Ja, aber ehrlich. Und dann auch noch Ansprüche stellen. Wie der Typ von letztens, der mit den dunklen Locken, der sich für den größten Stecher gehalten hat. Echt, ich hab nur kurz mit dem rum gemacht und hatte schon keinen Bock mehr, dafür aber das ganze Kinn zerkratzt. Stell dir vor, ich hätte den mitgenommen, dann könnte ich jetzt noch immer nicht mehr laufen.“
Erik strich sich geistesabwesend über sein eigenes stoppeliges Kinn. Er hatte sich die letzten Tage nicht unbedingt vorbildlich um sich selbst gekümmert aber beim Blick in den Spiegel war ihm heute Morgen aufgefallen, dass er sich eigentlich auch einmal einen Bart stehen lassen konnte. Das würde ihm jedenfalls das Rasieren ersparen. Nur den beiden Damen hier würde er damit dann keinen Gefallen mehr tun. Die Frage wäre sowieso gewesen, ob er das überhaupt gewollt hätte. Das Seltsame an Schönheitsidealen war doch, sie bezogen sich meistens auf das Äußere und vernachlässigten den Geist sträflichst. Dennoch war das Aussehen nun einmal die Visitenkarte, das Erste, was man in der Regel von seinem Gegenüber wahrnahm. Persönlichkeit war auf den ersten Blick hin unsichtbar, oft genug sogar im ersten Gespräch noch.
In einem Punkt aber musste er den beiden Mädels recht geben. Es war immer alles ein Geben und Nehmen. Besonders Beziehungen funktionierten immer nur als Duett. Ob es sich auf Arbeitsteilung im Haushalt bezog, auf das Erfüllen von zwischenmenschlichen Bedürfnissen oder offenbar wie hier auch auf die Körperpflege. Der Kompromiss war das Zauberwort.
Nur beim Essen wollte er heute keinen eingehen. Als er das Angebot der Mensa sah und die langen Schlangen an der Ausgabe, entschied er sich für ein einfaches Brötchen in der Cafeteria, und ging wieder. Das einzige Gericht, was ihn nicht schon vom Namen her abgestoßen hatte, sah so aus, als sei es schon einmal gegessen gewesen und das verdarb ihm einfach den Appetit.

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