Hinterm Horizont – Teil 2.

Feuer, das Rad, der Buchdruck, Eisenbahnen, Flugzeuge, Computer, das Internet, Raketenantrieb und viele andere „große“ Erfindungen lagen weit in der Vergangenheit. Unsere Urgroßeltern stammten noch aus einer Generation, in der man sich an vergangene, große Taten erinnerte. Sie erinnerten sich auch noch an ihren Spitznamen. „Generation Taugenichts“ waren sie gerufen worden und es hatte einen schrecklichen Beigeschmack gehabt. Ihre Kinder hatten damit angefangen, das Schimpfwort als einen Titel zu tragen. Das war ihr Protest gegen die alten Strukturen und er war von Erfolg gekrönt, wie so oft, wenn eine Gruppe ihre Beschimpfung in einen Anzug steckt und stolz auf die Bühne stellt.

Was folgte, war die große Stagnation. Wirtschaftlich, gesellschaftlich und intellektuell. Der Zeitpunkt, als wir satt, zufrieden und träge geworden waren. Allen ging es gut, mehr oder weniger. Jedenfalls so gut, wie noch nie zuvor in der Geschichte. Und dann, mitten in diese große Zufriedenheit hinein, brach die Revolution los. Plötzlich forderten Androiden ihre Rechte ein und Menschen wollten wieder arbeiten gehen und „ihrem Leben einen Sinn geben.“ Was für ein esoterischer Unfug. Dennoch sind auch wir aus dieser Bewegung hervorgegangen.

Die Erde entpuppte sich als zu klein für uns alle und die logische Konsequenz war, auszuwandern. Der Vorschlag zu diesem Projekt kam von den Androiden. Einige wollten eine eigene Kolonie auf den äußeren Planeten oder deren Monden gründen. Natürlich erhielt so etwas keine Genehmigung. Die Umweltbedingungen wären dort für Menschen kaum tragbar gewesen und was wäre ein Roboter ohne Aufseher? Die Androiden mussten doch einsehen, dass so etwas unmöglich war. Es musste eine andere Lösung her. So suchte und fand man die zweite Erde, den Planeten, zu dem wir aufbrachen.

Gleichzeitig konnte man den Beweis antreten, dass Roboter nicht immer nur logisch motiviert handeln. Die Androiden waren mit dem Kompromiss nicht glücklich und zeigten eindeutig emotionale Reaktionen. Sie bestanden weiterhin auf einer Kolonie im äußeren Sonnensystem. „Notfalls auch ohne Menschen vor Ort.“ Dabei war man ihnen doch bereits in so vielen Punkten so weit entgegen gekommen. Statt dankbar für ihre Möglichkeiten zu sein, forderten einige von ihnen gar ein Recht auf Selbstbestimmung! In der Regierung riefen solche Forderungen Unverständnis und Verstimmungen hervor. Dennoch, das Kolonieprojekt lief an, vorangetrieben allein durch Privatinitiativen. Hinter einigen vorgehaltenen Händen krochen Gerüchte hervor, das Projekt existiere nur aus Angst vor einer Revolte der Maschinen. Aber diese verstummten sehr schnell wieder.

Es wurde ein Schiff gebaut, Fracht und Passagiere zusammengestellt. Wir alle, die ausgewählt wurden, mussten eine lange Reihe von Tests und Vorbereitungen über uns ergehen lassen. Im Gegensatz zu den Androiden konnte man uns nicht einfach in den Ruhemodus schicken und in den Frachtcontainern verstauen. Mir ist es trotzdem ein Rätsel, wie es hilfreich gewesen sein soll, mit einem Drehwurm eine gerade Linie entlang zu gehen. So vieles aus dieser Vorbereitungszeit schien einfach nur dafür da zu sein, uns irgendwie zu beschäftigen oder zu foltern. Die genauen Auswahlkriterien sind auch nach dem Start nicht bekannt, aber ich kam an Bord und startete die vermutlich einzige wahre Reise meines Lebens. Ein Aufbruch in Gefilde, der nicht möglich zu sein schien.

Je länger der Start nun zurück liegt, umso mehr kann ich die Siedler im System verstehen, welche die Erde als solch prächtige Perle sahen. War sie aus der Nähe noch ein schmutziger, gräulicher Ball, mit jedem Tag der Reise wurde sie kleiner und schöner. Aus einiger Entfernung konnte man selbst den blauen Schimmer erkennen, welcher dem „Blauen Planeten“ seinen Namen gegeben haben musste. Ein bläulicher Punkt, mitten im immer heller werdenden Sternenkleid des Kosmos.

Wie hatte die Erde eigentlich geheißen, bevor die ersten Menschen ihre Raumsonden bis in die äußeren Ausläufer des Sonnensystems geschickt hatten? War es zunächst einmal der graue Planet gewesen, oder der grüne? Und wie weit hatte man damals reisen müssen, um das schmutzige Braun der Landoberfläche nicht mehr sehen zu können? Angeblich hatte die Erde damals anders ausgesehen. Das erzählt man uns bereits in der Grundschule, aber ich habe es noch nie glauben können. Bis zu diesen Momenten, als wir in die Richtung sahen, aus der wir kamen, und die Erde nur noch einer der vielen Sterne ist. Selbst unsere Sonne lässt sich nicht mehr davon unterscheiden. Egal, in welche Richtung man seine Blicke wendet, der Himmel sieht immer gleich aus.

Wir hatten das Äquivalent des Punktes überschritten, an dem sich damals die primitiven Seefahrer befunden haben. Der Punkt, wo die letzte Insel und Mastspitze in den Wellen versunken waren und es nur noch eine winzige Nussschale und die unbarmherzige See gab. In den Geschichtsbüchern stand, die Seefahrer hätten sich anhand der Sterne orientiert, mit ihrer Hilfe navigiert und ihren Weg gefunden. Mit jedem weiteren Reisetag sahen die Sterne anders aus und verschwammen für mich zu einem beinahe belanglosen Einerlei. Völlig unbrauchbar zur Navigation.

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