Hinterm Horizont – Teil 4.

Es gab kaum Arbeit, von der man sich hätte erholen müssen. Stattdessen saßen wir stundenlang vor den Fenstern und starrten in die Leere, die Glieder bis zur völligen Bewegungsunfähigkeit verkrampft vor Panik, angesichts der Leere rundherum. Wir hätten andere Orte aufsuchen können, aber dann hätten wir nicht den Stern finden können, der langsam größer wurde. Uns war bewusst, dass es noch Monate dauern würde, und doch suchten wir verzweifelt einen kleinen Punkt, der einmal unsere Heimat werden sollte. Ein rettendes Stück Treibgut, auf dem endlich wieder oben oben war und unten unten. Eine Insel, die von diesem hauchfeinem Schleier umgeben war, wie jenem, der auf der Erde alles Leben ermöglichte. Die Telemetrie hatte uns versprochen, dass es eine Atmosphäre dort geben müsse. Nur der Stern dazu blieb für uns unsichtbar, der Planet sowieso.

Und mit jedem weiteren Tag wurde die Stimmung angespannter und gereizter. Viele der Reisenden waren schlecht gelaunt und aggressiv. Die anhaltende Unsicherheit machte ihnen zu schaffen. Die Küche versuchte, dem mit besonders feinen und reichlichen Portionen entgegen zu wirken. In der Konsequenz mussten die Sporteinheiten aufgestockt werden. Ich war schon auf der Erde nie ein großer Freund von körperlicher Ertüchtigung gewesen. Den Teil, der notwendig war, um zum Kolonieprogramm zugelassen zu werden, brachte ich zwar hinter mich, aber mehr als nur sehr ungern. Auf die zusätzlichen Sporteinheiten reagierte ich entsprechend damit, dass ich nicht mehr aß. Ein solches Verhalten jedoch lässt der Körper nicht zu. Er sträubt sich und reagiert mit wahnwitzigen Vorstellungen und Bedürfnissen.

Die kommenden Tage konnte ich dabei beobachtet werden, wie ich den Rundkurs in der Sportanlage entlang sprintete wie ein besessener. Ich habe keine Erinnerung mehr daran, wieso ich auf diese Idee gekommen bin, aber plötzlich erschien mir sogar der Wunsch nach Arbeit logisch. Während meiner Überwachungsschicht fiel ein Roboter mit einem Defekt aus. Durch eine Fehlfunktion war ihm ein Frachtcontainer entglitten und hatte seinen Arm halb abgerissen. Andere Maschinen hatten seine Aufgaben mit übernommen und ich hatte, weil die automatische Reparatureinheit ausgelastet war und mir langweilig war, den Roboter untersucht.

Stück für Stück begann ich zu verstehen, wie die Maschine aufgebaut war und funktionierte. Es war ein einfacher aber robuster und zuverlässiger Entwurf. Was meine eigenen Sinne nicht erfassen konnten, das zeigten mir dann die Baupläne. Zu meinem Entsetzen war es eine befriedigende und einnehmende Beschäftigung. Sie lies die Zeit schneller verstreichen und kleine Erfolgserlebnisse, wenn man einen Vorgang verstand, lösten einen euphorischen Schub aus. Wie konnte das sein? Der Bordarzt konnte mir keine zufriedenstellende Antwort darauf geben aber fand, wenn es mir gefiel, könnte es keinen Schaden anrichten. Ich sollte nur darauf achten, nichts zu beschädigen.

So lernte ich während der nächsten Schichten in den folgenden Tagen und Wochen immer mehr über den Aufbau der Androiden an Bord. Ich fand die Fehler bei defekten Einheiten und konnte sie reparieren, falls die Reparatureinheit ausgelastet war. Anfangs stieß mein Interesse bei den Androiden noch auf großes Misstrauen. Interesse eines Menschen an ihrer Physiologie, ein solcher Fetisch war ihnen nicht geheuer. Sie mussten im Laufe der Zeit eine Art Selbsterhaltungstrieb entwickelt haben und der Mensch zählte darin nicht als Verbündeter. Seit kurzer Zeit griffen sie auch nicht mehr in die vermehrt zwischen den Kolonisten auftretenden Schlägereien ein. Das war eine der Hauptursachen dafür gewesen, dass die Maschinen die automatische Reparatureinheit aufgesucht hatten. Stattdessen ließen sie sie einfach gewähren und die Pflegebots waren nicht zurückhaltend, Verletzte am Ende einzusammeln und einfach zu sedieren.

Wenn ich nun durch die Gänge ging, meinte ich zunächst, eine Veränderung bei den Leuten zu bemerken. Es dauerte etwas bis ich begriff, dass die Änderung bei mir stattgefunden hatte. Das teilnahmslose Herumstreifen, die leeren ausdruckslosen Augen, das lethargische Ausharren vor den Bullaugen. All das hatte ich bis vor kurzem genauso beherrscht. Die Filmvorführungen, das Essen, die Sporteinheiten. All das hatte auch bei mir kaum einen Effekt gegen die Depression und Antriebslosigkeit bezwecken können und bei den Anderen sah es nicht viel anders aus. Wie Mastvieh hingen sie herum, wartend auf ihr Ende.

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