Hörsaalgetuschel – Ausgabe 156.

Familienfeiern

Erik fühlte sich etwas verloren, wie er in dem großen Raum stand, in den immer mehr Menschen strömten. Die meisten kannte er, viele nur flüchtig, aber einige auch besser. Entfernte Verwandte, die man nur wenige Male im Jahr, wenn überhaupt, sah, aber auch der harte Kern, den man mit einer gewissen Regelmäßigkeit sah, und der für ihn das Bild der Familie ganz klar geprägt hatte. Aber zu größeren Familienfeiern, wie dieser hier, kamen wirklich alle zusammen.

Für ihn war das einfach zu viel. Dabei hatte er seine Familie eigentlich gern, aber zurzeit konnte er gut auf die vielen Fragen verzichten. Es musste allen auffallen, dass er diesmal keine Begleitung hatte, das erste Mal seit über zwei Jahren. Das würde viele Fragen aufwerfen und ein einfaches Vertrösten würde ihm nicht abgekauft werden. Auch wenn Mia immer gut beschäftigt gewesen war, zu seinen Familienfeiern hatte sie ihn immer begleitet. Vielleicht lag das in ihrer Natur als Familienmensch. Und sie hatte ihn immer so ungerne alleine wegfahren lassen, aber darüber hatte er sich nie wirklich Gedanken gemacht.

Sie würde jetzt wirklich als Wellenbrecher fehlen, konnte nicht mehr das Interesse von ihm ablenken und Gespräche für ihn führen. Jetzt würden alle zu ihm selbst kommen und Fragen stellen. Was noch schlimmer war, sie würde Gegenstand dieser Fragen sein. Jeder kannte Mia, dafür hatte sie gesorgt, und jetzt würde ihr Fehlen auffallen. Alle würden nach ihr fragen, und wenn es ein Thema gab, über das er nicht sprechen wollte, dann war es Mia.

Was sollte er ihnen denn sagen, wenn sie fragten, wo er seine Freundin gelassen habe? Dass sie keine Zeit gehabt hätte? Dass er sie nicht gefragt hätte? Dass er sie bei ihrer Freundin gelassen hatte? Dass sie nicht mehr seine Freundin war? Dass er ohne sie in eine andere Wohnung umgezogen war? Dass sie ihn für eine seiner Freundinnen verlassen hatte und nicht einmal den Anstand besessen hatte, es ihm auch zu sagen? So oder so würde es weitere Fragen geben. Fragen, auf die er mehr als gerne verzichten würde. Wieso war er überhaupt hierher gekommen?

Die letzte Frage konnte er sich zwar beantworten, wollte aber nicht so wirklich. Es war reine Langeweile gewesen. Er war es leid gewesen, die Wochenenden alleine in seinem Zimmer zu verbringen, den Blick wahlweise auf die nackten Betonwände oder den Monitor voller Paper, oder auch einmal einem Film, gerichtet. Flo hätte ebenfalls keine Zeit gehabt, die Abende mit ihm in der Kneipe zu versacken und Tina gehörte aktuell auch nicht zu den Menschen, die er zu seiner bevorzugten Gesellschaft zählen wollte. Das hier war ihm sogar wie eine tatsächlich verlockende Alternative vorgenommen.

Wie er sich für diese Entscheidung verfluchte. Klar, seine Cousine hatte mit viel Verständnis und wenig Fragen reagiert, genau wie der Rest des harten Kerns. Nur seine Tante hatte es für nötig befunden, ihr Bedauern auszudrücken. Vermutlich aber auch das nur deswegen, weil sie nicht wissen konnte, auf welche Weise sie sich getrennt hatten. Sie wussten alle nur, dass diese Beziehung Geschichte war.

Für Tante Irma würde das nicht gelten. Die in irgendeinem entfernten Verwandtschaftsverhältnis angeheiratete Frau war laut, schrill, neugierig und niemals still. In diesem Moment wuchtete sie ihr „klein wenig Wohlstandsspeck“, welches mehr als genug für eine mittlere Großstadt in einer wirtschaftlich sehr gut aufgestellten Region war, über die Schwelle, und fiel sofort hemmungslos Küsschen und vom Schweiß klebrige Umarmungen verteilend, über jeden, der nicht schnell genug außer Reichweite war. Vermutlich war das Atmen selbst bereits anstrengend genug für sie, dass sie permanent schweißnass war.

Ein schwärmerisches Kompliment über das Kleid der Tante hier, ein unangemessener Kommentar, wie fesch der Cousin doch geworden war und wie gerne sie da noch einmal jung sein würde, eine offensichtlich viel zu herzliche Umarmung seiner Oma und ein verschwörerisches Zwinkern zu einem der Verwandten, dessen Namen sich Erik noch jedes Mal neu sagen lassen musste. Dann hatte sie auch schon ihn entdeckt und quetschte sich mit einem vergnügten Quietschen durch die Reihen, hinter denen er sich so gut versteckt hatte halten wollen. Ein schrilles „Jungchen“ von sich stoßend fiel sie ihm um den Hals, wenigstens soweit es ihr möglich war. Es war offensichtlich, dass sie nur verbergen wollte, dass sie seinen Namen vergessen hatte, sich aber an das Gesicht erinnerte.

„Wo hast du denn die schöne Frau an deiner Seite gelassen?“

Mit neugierigen Äuglein, die in ihm irgendwie immer die unbewusste Assoziation mit Schweineaugen auslösten. Heute hatte er nicht einmal ein schlechtes Gewissen deswegen. Es würde ein sehr langer Abend werden und er fühlte sich jetzt schon müde.

Vancouver ArtGalery

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