Hinterm Horizont – Teil 7.

„Unterteilt ihr inzwischen auch in wir und die, wobei wir neben uns die Roboter einschließt und die sich auf die anderen Menschen bezieht? Ich fühle mich inzwischen eher den Maschinen zugehörig, immerhin arbeiten wir auf das gleiche Ziel hin. Wir sind es, die das Schiff am Laufen halten und die Systeme reparieren. Wir sind es, die eine Kolonie gründen werden und gemeinsam etwas erschaffen. Wir werden ein Erbe hinterlassen. Ist es verrückt, das als ein erstrebenswertes Ziel zu sehen?“

 

Das betretene Schweigen fand erst ein Ende, als es bereits Zeit war, das Essen zu beenden. Vielleicht war ich nicht der erste gewesen, der diesen Gedanken gehabt hatte, aber ich war der erste, der ihn aussprach. Auch wenn es den tiefsten Instinkten zu widersprechen schien, irgendwo mussten sie mir zustimmen. Teils missmutiges Murmeln, teilweise aber auch versteinerte Mienen umringten den Tisch. Ja, sie sahen es ebenfalls so. Selbst Katharina, die jeden Abend wieder zu ihrem Mann ins Bett kroch, den sie angeblich so liebte, stimmte mit leiser und bebender Stimme zu. Bald würde sie sich eingestehen müssen, dass ihre Liebe inzwischen zu Verachtung geworden war, und eine schwere Zeit würde für sie anbrechen. „Generation Taugenichts“ waren unsere Ahnen gerufen worden und ihre Kinder hatten es als einen stolzen Titel etabliert. Wieso wollte uns das einfach nicht mehr reichen?

Wie jeden Samstag war heute Abend Kinoabend und wie jeden Samstag würden wir auch diesmal wenigstens die Hälfte der Zuschauer sein. Die restliche Besatzung würde, statt vor der Leinwand, zu hunderten weiterhin vor dem Fenster kleben oder irgendwelche Streitereien suchen. Sie hatten nichts, wovon sie sich erholen mussten. Wir hingegen schon. Und noch etwas war da, was wir erst spät realisiert hatten.

Unsere Gruppe, welche im Kino immer einen Cluster zu bilden schien, hatte mehr Köpfe als schlagende Herzen. In unserer Mitte fanden sich immer auch einige Androiden, die sich unter dem Vorwand sozialer Studien mit in die Filme setzten und mit uns um die Wette fieberten, ob der Held es schaffen würde, den Tag zu retten, beziehungsweise auf welche Weise er es schaffen würde. Sie waren Bestandteil unserer Gruppe und gehörten zu uns, niemand stellte das infrage. Die Anzahl der stumpfen Augen, manischer Besatzungsmitglieder, welche hier nur ihre Zeit absaßen, war im Laufe der Zeit beständig gesunken. Wenn ich ehrlich mit mir selbst war, dann kam mir das nur gelegen. Ich wollte meine Zeit nicht mit ihnen verbringen. Die meisten von ihnen waren ungepflegt und stanken, wenn sie etwas zu sagen hatten, dann war es meistens nichts von Belang oder Interesse und ihre ewig gelangweilten und müden Blicke strengten mich an.

Viel faszinierender war es außerdem, die Androiden zu beobachten. Sie erschienen mir so viel menschlicher und wärmer, als die fleischlichen Begleiter. Sie folgten den Filmen mit Begeisterung und vor Neugier glühenden Augen. Sie diskutierten mit uns und verstanden nicht, wieso in den alten Zukunftsszenarien so oft ein böser Roboter vorkam, der die Menschheit versklaven wollte. Woher rührte diese Panik vor den eigenen Geschöpfen? Kam es daher, dass sie nach dem Vorbild ihrer Erschaffer entstanden waren und die menschlichen Eltern Angst davor hatten, ihre mechanischen Kinder könnten zu menschlich werden?

Ebenfalls wenig Verständnis gab es für die Geschichte einer lebendigen Holzpuppe, die unbedingt ein echter Junge sein wollte. Wieso wollte er nicht seine Situation analysieren und die Vorteile, die sich ihm daraus boten entsprechend nutzen? Wieso wollte er fehlerhaft, schwach und verletzlich sein, nur um einem Status zu entsprechen? Unseren robotischen Freunden erschloss sich das nicht und einige von uns gaben die Diskussion einzig und allein aus dem Grund auf, weil sie es genau so wenig verstehen konnten.

Ich konnte das Unverständnis ebenfalls gut nachvollziehen. Auch wenn meine Verletzung wieder gut heilte und der Arm bald wieder uneingeschränkt nutzbar war, er würde dennoch immer schwächer bleiben, als ein mechanischer Arm. In den meisten Fällen wäre das völlig unproblematisch, aber immer wieder auch ein nerviges Hindernis, welches mir meine eigene Unzulänglichkeit vor Augen hielt.

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3 Gedanken zu „Hinterm Horizont – Teil 7.

    1. dergrafvonborg Autor

      Vielen Dank 🙂 Auch wenn ich zugeben muss, dass ich mit diesem Teil nicht besonders glücklich bin. Er sollte eigentlich einen anderen Blick auf gesellschaftliche Normen werfen, von halb außen oder ganz außen vielleicht. Es fühlt sich für mich so an, als wäre es nicht so gut gelungen. Generell hadere ich aktuell ein wenig mit der Geschichte. Hoffentlich platzt der Knoten bald.

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      1. Stella, oh, Stella

        Tatsächlich? Ich sehe diesen Teil als eingehendere Schilderung des sozialen Problems an Bord, zwischen den bestehenden drei Gruppen. Was eigentlich auch ganz wichtig war, die Erklärung, warum die „faulen“ Menschen so sind wie sie sind. Und ein Einblick in die Haltung der Androiden.

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